Todeszeitpunkt

Schweizer Erfindung soll Ermittler leichter auf die Spur der Täter bringen

Wann ist sie gestorben? Hauptkommissarin Anna-Maria Giovanoli und Rechtsmediziner Alois Semmelweis rätseln in der SRF-Serie «Der Bestatter».SRF/Sava Hlavacek

Wann ist sie gestorben? Hauptkommissarin Anna-Maria Giovanoli und Rechtsmediziner Alois Semmelweis rätseln in der SRF-Serie «Der Bestatter».SRF/Sava Hlavacek

Der Berner Rechtsmediziner Christian Jackowski will nicht mehr nur schätzen, wann der Tod eintrat, sondern es präzise berechnen. Sein neues Thermometer soll der Kriminalpolizei helfen, den Täterkreis einzugrenzen.

Eine Frau liegt tot auf der Wiese unter einer Brücke. «Ein Unfall?», fragt Hauptkommissarin Anna-Maria Giovanoli ihren Kollegen und Rechtsmediziner Alois Semmelweis in der SRF-Serie «Der Bestatter».

«Schon möglich.»

«Wann ist sie denn genau gestorben?»

«Am Vortag. Zwischen 13 und 23 Uhr.»

«Geht es etwas genauer?»

Eine berechtige Frage. Giovanoli ermittelt schliesslich in einem Mordfall. Die Antwort lautet aber: Nein, es geht nicht genauer. Zumindest noch nicht.

Auch in der Realität können Rechtsmediziner den Todeszeitpunkt nicht präzise bestimmen. Das ist für Christian Jackowski unbefriedigend. Der Direktor am Institut für Rechtsmedizin in Bern rückt immer dann aus, wenn es sich um einen aussergewöhnlichen Todesfall handelt. Bei solchen Fällen können Tötungsdelikte nicht ausgeschlossen werden. Vor Ort untersucht Jackowski die Leiche und sagt Sätze wie: «Der Todeszeitpunkt war vor 20 Stunden mit einer Abweichung von plus oder minus vier, fünf Stunden, bei einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent.»

Der Rechtsmediziner würde in Zukunft lieber klare Aussagen machen und sich auf Fakten statt Annahmen verlassen. Deshalb forscht er an einer neuen Methode, um den Todeszeitpunkt präzise zu berechnen.

Ein Thermometer für die Leber

Er konzentriert sich dabei ganz darauf, was im Innern einer Leiche vor sich geht, dokumentiert, was mit dem toten Körper passiert, während er auskühlt. Dazu arbeitet er mit einem neuen, extra entwickelten, hochsensiblen Thermometer. Dieses kann Temperaturen im Bereich eines tausendstel Grads messen.

Das Thermometer ist 15 Zentimeter lang und sieht aus wie eine grosse Spritze. Jackowski führt ihn knapp unter dem Rippenbogen in die Leber des Verstorbenen ein. Das Thermometer bleibt ungefähr zehn Minuten in der Leiche, misst in fünf unterschiedlichen Körpertiefen die Temperatur und zeichnet fünf Temperaturkurven auf. «Je weiter aussen die Stelle im Körper liegt, desto schneller kühlt sie ab», sagt Jackowski. In der Leber seien diese Unterschiede besonders gut messbar.

Die Informationen der fünf Temperatursensoren im Thermometer werden über Kabel nach aussen geleitet: «Die Ströme können sich gegenseitig beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, dass die Kabel gut isoliert sind, obwohl der Platz im Thermometer knapp ist», sagt Jackowski. Nach der Messung werden die ermittelten Werte der fünf Temperaturkurven zurückgerechnet. Die Kurven treffen sich auf der Zeitachse bei dem Punkt, an dem es im Körper noch überall gleich warm war: dem Todeszeitpunkt.

Todeszeitpunkt wichtig fürs Alibi

Bei der Suche nach dem Täter ist der Todeszeitpunkt von grosser Bedeutung: «Es ist äusserst wichtig, dass er möglichst präzise festgestellt werden kann», sagt Nicolas Kessler, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern. Wer nämlich ein Alibi hat, wird als Täter ausgeschlossen. Je genauer ein Rechtsmediziner den Todeszeitpunkt also eingrenzen kann, desto weniger Personen kommen als Täter infrage. Die Ermittlungsarbeiten werden weniger aufwendig, Unschuldige nicht zu Unrecht verdächtigt.

Noch hat Jackowskis Thermometer den Praxistest nicht bestanden. Bis es soweit ist, muss er mit der bisherigen Methode arbeiten: Totenflecken und die Totenstarre geben ihm erste Hinweise zum Todeszeitpunkt. Zusätzlich misst er die Körpertemperatur des Leichnams. Das Thermometer schiebt er aber nicht in die Leber, sondern mindestens acht Zentimeter in den Anus der Leiche.

Und ab dann bestimmen Annahmen die Berechnung: «Wir gehen von einer Körpertemperatur von 37 Grad Celsius bei einem lebenden Menschen aus», erklärt der Rechtsmediziner. Nach dem Tod nimmt die Körperkerntemperatur pro Stunde zwischen 0,5 und 1,5°C ab. Je nach Umgebung, Körperhaltung, Kleidung und Wetter kann das aber auch mehr oder weniger sein.

Hat die Leiche am Tatort nun zum Beispiel eine Körpertemperatur von 30°C rechnet Jackowski zurück auf 37°C. So kann er ungefähr schätzen, wie lange die Person schon tot ist. Ist jemand fiebrig oder unterkühlt gestorben, funktioniert diese Schätzung überhaupt nicht mehr. Mit seinem neuen Thermometer wäre das möglich. Die Temperaturkurven überschneiden sich nämlich einfach an diesem Punkt, an dem es im Körper noch überall gleich warm war – egal, ob das jetzt genau 37°C waren.

Bevor Jackowski und sein Forschungsteam die Methode an toten Menschen testeten, steckten sie das Thermometer in einen Kübel mit Silikon. Der Stoff verhält sich ähnlich wie ein menschlicher Körper, wenn er auskühlt. So konnten sie das Auskühlverhalten auch in unterschiedlichen Umgebungen testen: warm und kalt, trocken und nass.

In einem zweiten Schritt wurden tote Schweine untersucht. Es ging zu Beginn der Forschung vor allem darum, die mathematische Formel zu verfeinern. An den ersten menschlichen Leichen überprüfen sie nun, wie die Methode in der Praxis funktioniert.

Noch dauere es einen Moment, bis die Temperatur erfasst ist. Das Ziel ist, dass in zehn bis maximal 20 Minuten genug Messwerte zusammen sind, damit die Rechtsmediziner zurückrechnen können. «Im Alltag muss es schnell gehen, aber die Daten müssen auch repräsentativ sein», sagt Jackowski. Er hofft, dass das Thermometer in den nächsten Jahren so weit sein wird, dass es in den täglichen Einsatz kann.

Meistgesehen

Artboard 1