Interview

Sie gibt anonymen Toten ihren Namen zurück: Cristina Cattaneo kämpft für Gewissheit für Flüchtlingsfamilien

Cristina Cattaneo ist für Angehörige von verschollenen Flüchtlingen oft die letzte Hoffnung.

Cristina Cattaneo ist für Angehörige von verschollenen Flüchtlingen oft die letzte Hoffnung.

Forensikerin Cristina Cattaneo identifiziert Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind. Dass dies möglich ist, musste sie erst beweisen.

Cristina Cattaneo eilt durch den Eingang eines Berner Hotels. Es ist Abend, und das Coronavirus hat sich noch nicht in der Schweiz ausgebreitet. Obwohl die italienische Forensikerin bereits den ganzen Tag in Bern war, fand sie noch keine Zeit, ihr Zimmer zu beziehen. Einchecken? Ein Glas Wasser? Etwas zu essen? Cattaneo winkt ab, sie will sprechen. Sprechen über all die namenlosen Flüchtlinge, die im Mittelmeer ihr Leben verloren haben. ­Ihnen will sie die Identität zurückgeben – und damit die Ungewissheit ihrer Angehörigen beenden.

Frau Cattaneo, was führt Sie ins Binnenland Schweiz?

Cristina Cattaneo: In Südeuropa kommen neben den lebenden auch viele tote Migrantinnen und Migranten an. Ihre Angehörigen sind oft bereits vor ihnen geflüchtet und leben in Zentral- und Nordeuropa. Deshalb müssen wir in diesen Ländern auf das Unrecht aufmerksam machen, das ihnen widerfährt. Anders als bei einem Flugzeugabsturz mit europäischen Passagieren werden diese Opfer nicht umgehend geborgen und identifiziert. Wir haben nun in zwei Pilotstudien bewiesen, dass dies bei verunglückten Flüchtlingen im Mittelmeer durchaus möglich ist.

Wieso mussten Sie das beweisen?

Bei einem Unglück, in das Europäer involviert sind, lässt man die Angehörigen eine Zahnbürste oder einen Kamm des Opfers bringen. Daraus lässt sich die DNA entnehmen. Oder man greift auf Röntgenbilder und zahnärztliche Akten zurück, um die Identität einer Person zu bestätigen. Solche Dokumente stehen uns bei den Flüchtlingskatastrophen in der Regel aber nicht zur Verfügung.

Was machen Sie stattdessen?

Wir gleichen beispielsweise die DNA von Geschwistern mit jener der Opfer ab oder arbeiten mit Fotos, die uns ihre Familien geben. Facebook hat sich dabei als Glücksfall herausgestellt. In den Profilen der Vermissten fanden wir oft Aufnahmen mit Hinweisen auf Tattoos, Muttermale oder Auffälligkeiten in der Zahnstellung. Zudem befragten wir die Verwandten. Mit diesen Angaben konnten wir in unserer Datenbank nach Übereinstimmungen suchen. Die Datenbank enthält Informationen aus den Autopsien. Unsere Arbeit war in den Pilotstudien etwas anders als bisher, aber es ist uns gelungen, Puzzlestücke zusammenzufügen.

Sie haben damit nach dem grossen Schiffsunglück 2013 vor Lampe­dusa begonnen, als ein völlig überfülltes Boot mit Flüchtlingen aus Eritrea gesunken ist. Wie erfuhren die Angehörigen von Ihrer Arbeit?

Bei einem Flugzeugabsturz würde man zu einer Passagierliste greifen. Bei den Flüchtlingsbooten gibt es die nicht. Die italienische Vermisstenbehörde, mit der wir eng zusammenarbeiten, hat deshalb NGO und eritreische Botschaften über unser Vorhaben informiert. Das Unglück lag damals aber schon fast ein Jahr zurück.

Hat es dennoch geklappt?

Ja, von mehr als 80 Verunglückten reisten die Familien an. Sie kamen aus ganz Europa. Damit lieferten wir einen zweiten Beweis: Die Angehörigen scheuen keine Anstrengung, und sie kümmern sich genauso um ihre Verstorbenen wie wir. Zuvor wurde ja behauptet, dass ihre Trauer sich von unserer unterscheiden würde. Das stimmt natürlich nicht. Nun liegt ein Modell vor, um ihre Liebsten zu identifizieren. Es braucht aber politischen Willen und eine gewisse Organisation, um die Rechte dieser Menschen zu respektieren.

Sie haben sich von der Wissenschafterin zur Aktivistin gewandelt.

Ich bin nach wie vor Wissenschafterin. Wir stehen heute aber nicht mehr vor einem forensischen, sondern vor einem logistischen und politischen Problem. Die Politiker in Europa müssen verstehen, dass die Identifizierungen möglich sind und sie zu einer Routinearbeit werden müssen. Das kann und darf nicht mehr ehrenamtlich geleistet werden.

Was sollten die Schweizer Behörden tun?

Das geht nicht nur die Schweiz an, sondern ganz Europa. Es bräuchte ein internationales Netzwerk, das sowohl Informationen von den zwingend durchzuführenden Autopsien als auch von den Angehörigen sammelt und zusammenträgt. Hätten wir eine entsprechende Datenbank, würde dies die Wahrscheinlichkeit stark erhöhen, dass wir viele Opfer identifizieren können. Da bislang nichts geschehen ist, behandeln wir diese Toten nicht wie unsere Toten.

Ein Boot mit geretteten Flüchtlingen trifft in Sizilien ein. Doch was ist mit jenen, die in Seenot geraten und nicht rechtzeitig gefunden werden?

Ein Boot mit geretteten Flüchtlingen trifft in Sizilien ein. Doch was ist mit jenen, die in Seenot geraten und nicht rechtzeitig gefunden werden?

Von wie vielen Opfern sprechen wir?

Das ist schwer zu sagen. Aber seit 2001 haben mindestens 30000 Menschen ihr Leben auf der Flucht nach Europa verloren – die meisten starben im Mittelmeer. Hatte man sie geborgen, wurden sie namenlos bestattet. Ihre Familien erfuhren nicht, dass ihnen etwas zugestossen ist. Dabei weiss man, was es für Angehörige bedeutet, wenn sie in Ungewissheit über den Verbleib ihrer Liebsten leben müssen.

Sie geben die Hoffnung nicht auf, dass die Person noch lebt?

Ja, ohne Klarheit über den Tod können sie nicht anfangen zu trauern. Ein Trauerprozess ist aber elementar, sonst wird man krank. Das haben Untersuchungen aus Ex-Jugoslawien gezeigt: Angehörige von Kriegsopfern, die nie identifiziert worden sind, weisen häufig Depressionen, Alkoholsucht oder körperliche Störungen auf. Viele Menschen denken, dass es bei der Identifizierung der Opfer um deren Würde geht. Das stimmt, aber es geht weit über sie hinaus. Wir identifizieren die Verstorbenen in erster Linie für die Lebenden. Für die psychische Gesundheit der Familien, aber auch, um rechtliche und bürokratische Fragen zu regeln.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Ich wurde von einer Familie kontaktiert, die davon ausgehen musste, dass eine verwitwete Angehörige bei dem Bootsunglück vor Lampedusa gestorben war. Sie hinterliess ein Kind, das nun Vollwaise war und bei Bekannten in einem Flüchtlingslager lebte. Damit es jemand aus der Familie zu sich nach Europa holen und das Sorgerecht beantragen konnte, brauchte es eine Todesbescheinigung der Mutter. Es braucht eine Sterbeurkunde, damit Waisen oder Witwen zu ihrem Recht kommen, aber auch, um Rechtsnachfolgen oder ein Erbe zu regeln.

Wie vielen Familien konnten Sie eine Antwort geben?

Wir haben bislang 40 verunglückte Bootsflüchtlinge eindeutig identifiziert. Das mag nach wenig klingen, ist aber eine bedeutende Zahl. Wir hatten für unsere Pilotstudien weder eine Finanzierung, noch konnten wir auf ein europäisches Netzwerk zurückgreifen. Vor allem die Identifizierung der Opfer der Katastrophe vor der libyschen Küste ist sehr kompliziert. Auf dem Fischerkutter namens «Barcone» hätte es Platz für etwa dreissig Personen gehabt; die Schlepper schickten das Boot aber mit rund tausend Menschen aufs Meer.

Das Wrack wurde von der italienischen Marine aus fast 400 Meter Tiefe geborgen.

Das war ein starkes Zeichen. Das Boot sank 2015 – zu einem Zeitpunkt, als in Italien Hunderttausende von lebenden Migrantinnen und Migranten ankamen. Das Land hatte mit ihnen eigentlich schon genug zu tun. Dennoch wurde das Schiff so behandelt, als wäre es voll mit europäischen Opfern.

Gibt es Schicksale, die Sie nicht mehr loslassen?

Bei fast jedem Opfer finden sich persönliche Gegenstände, in denen man sein Leben oder Umfeld erkennt. Das sind Schmuckstücke oder Portemonnaies mit den Fotos der Liebsten. Was mich sehr berührte, waren die Beutel gefüllt mit Erde. Ich bin selber Immi­grantin, ich bin in Kanada aufgewachsen. Den Sommer verbrachte ich in Italien. Musste ich das Land wieder verlassen, packte ich in meine Tasche Blumen und Zweige von meinen Bäumen ein. Ganz ähnlich wie die Flüchtlinge, die einen Beutel Erde aus ihrer Heimat mitbringen.

Träumen Sie von den Toten?

Nicht mehr. Als wir in Sizilien die ­Autopsien der «Barcone»-Opfer durchführten, träumte ich, dass ich auf einem Weg voller Kieselsteine lief. Ich war auf der Suche nach kleinen Knochen, doch ich konnte nie einen finden. Es waren immer nur kleine Steinchen, die aber aussahen wie Knochen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1