Landwirtschaft

Sie heilt Kühe von Durchfall und ist gut fürs Klima: Pflanzenkohle ist ein wahres Wundermittel

Kohle ist nicht gleich Kohle: Diese enthält keine Schadstoffe.

Kohle ist nicht gleich Kohle: Diese enthält keine Schadstoffe.

Immer mehr Bauern fragen nach danach. Denn die Kohle aus Ästen verbessert die Böden und baut die Humusschicht auf.

Ein Frage treibt Franz Keiser schon lange um: Wie kann man die Qualität des Bodens verbessern? Der Landwirt aus dem zugerischen Neuheim beschäftigt sich intensiv mit der Kompostierung. Schon bei der Anfahrt zu seinem Hof stechen die langen, mit Flies bedeckten Mieten entlang der Felder ins Auge. Darin verrottet vorwiegend Baum- und Strauchschnitt aus der Gemeinde.

Vor gut zehn Jahren hörte Keiser von einer alten Technik, die ursprünglich aus Südamerika stammt: Ureinwohner im Amazonasgebiet hatten Pflanzenkohle in ihre Böden eingearbeitet, um die Fruchtbarkeit zu erhalten. In der Schweiz war es das Biowein-Institut Delinat, das im Wallis erste Versuche damit unternahm. Keiser beschloss, es ebenfalls zu probieren. Über die Firma Verora, die er 1996 mit weiteren Bauern aus der Umgebung gegründet hatte, schaffte er einen Verkohlungsofen an.

Bis die Herstellung einwandfrei funktionierte, war viel Experimentieren nötig. Das Bundesamt für Landwirtschaft kontrolliert streng. Denn Kohle ist nicht gleich Kohle. Soll sie wieder in den Kreislauf der Natur gelangen, darf sie keine Giftstoffe enthalten. «Dies ist ein heikler Prozess», sagt Sohn Fabian Keiser, der fürs Optimieren der Anlage zuständig ist. Er müsse bei mindestens 450 Grad Celsius unter Ausschluss von Sauerstoff stattfinden.

Franz Keiser vor der Anlage, die aus gewöhnlichem Schnittgut einen gefragten Wertstoff macht.

Franz Keiser vor der Anlage, die aus gewöhnlichem Schnittgut einen gefragten Wertstoff macht.

Kühe brauchen weniger Antibiotika

Die Äste und Stauden werden zuvor gehäckselt, mit der Abwärme des Ofens getrocknet und danach gesiebt. Die gröberen Stücke werden in normalen Holzschnitzelheizungen verfeuert. Durch die Abtrennung des feinen Materials entstehe beim Verbrennen weniger Feinstaub, erklärt Fabian Keiser. Und aus den getrockneten Holzschnitzeln könne man etwa doppelt so viel Wärme gewinnen wie aus feuchteren.

Laut Fabian Keiser handelt es sich bei Pflanzenkohle um einen wahren Alleskönner: Sein Bruder Albin, der mittlerweile den Hof führt, mischt das krümelige Material unter das Tierfutter. Es wirkt stopfend, verbessert die Futterverwertung und bindet Giftstoffe. So habe man den Einsatz von Antibiotika deutlich reduzieren können, sagt Fabian Keiser.

Einen weiteren Teil der Pflanzenkohle geben Keisers in den Kompost, wodurch die sogenannte Terra Preta (schwarze Erde) entsteht. Der Kohlestoffgehalt verbessert die Fruchtbarkeit der Böden. In den letzten Jahren habe man den Humus auf den ehemals schlechten Böden auf 700 Metern über Meer stetig aufbauen können, sagt Fabian Keiser. Weil Kohle porös ist, könne sie die fünffache Menge Wasser des Eigengewichts speichern, Nährstoffe einlagern und Mikroben einen Lebensraum bieten. Gleichzeitig wird so der Kohlestoff (C), den die Pflanzen aus dem Klimagas Kohlendioxid (CO2) in der Luft beziehen, wieder im Boden eingelagert.

«Wir schlagen vier Fliegen auf einen Streich», erklärt der 30-Jährige. «Wir verwerten minderwertigen Baum- und Strauchschnitt sinnvoll. Holzheizungen werden sauberer. Wir betreiben Klimaschutz und verbessern die Bodenfruchtbarkeit.» Das Produkt sei deshalb bei Bauern zunehmend gefragt.

Dass Pflanzenkohle zum Klimaschutz beitragen kann, bestätigt das Bundesamt für Landwirtschaft. Neben der Kohlestoff-Speicherung soll die Substanz im Boden auch die klimaschädlichen Lachgas-Emissionen verringern.

Kohle auch für Bäume auf Sechseläutenplatz

Gemäss einer Studie der Forschungsanstalt Agroscope könnte Pflanzenkohle zudem den Nährstoffkreislauf – insbesondere von Stickstoff – sowie die Wasserspeicherfähigkeit erhöhen. Auf einem Hof im zürcherischen Flaachtal, wo mittlerweile ebenfalls Pflanzenkohle produziert und ausgebracht wird, untersucht Agroscope derzeit, wie sich der Humusgehalt des Bodens sowie das Pflanzenwachstum entwickeln.

Auch in Zürich setzt man Hoffnungen in das neuartige Substrat: Es wird der Pflanzerde beigemischt, die dann mehr Wasser speichern kann. Davon sollen zum Beispiel neue Bäume auf dem Sechseläutenplatz profitieren.

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