Lockerung

Ums Essen geht es zuletzt: Warum wir uns erst im Restaurant richtig menschlich fühlen

Man geht ins Restaurant, weil man ausbrechen und irgendwo anders ankommen will.

Man geht ins Restaurant, weil man ausbrechen und irgendwo anders ankommen will.

Kein Mensch braucht zum Überleben ein Restaurant, doch gemeinsam unter Fremden zu essen, ist das sozialste Ereignis schlechthin.

Endlich steht da wieder: «Heute offen». Endlich sagt wieder jemand: «Treten Sie ein, seien Sie unser Gast. Heute empfehlen wir Tortellini mit Rucola, zum Dessert Tiramisu.» Seit heute Montag dürfen wir wieder Gast sein und uns von vorne bis hinten bedienen lassen.

Restaurants und Cafés sind nicht systemrelevant, auswärts Kaffee zu trinken braucht kein Mensch. Die richtige Frisur und das Schwitzen im Fitnesscenter sind in der Krise wichtiger als eine Pizza unter Freunden, befand der Bundesrat. Doch was nützt das schönste Haar, wenn man perfekt frisiert nur die Geranien aus dem Gartencenter giesst?


Der Mensch braucht Öffentlichkeit, nur in den Blicken der Andern kann er seine Individualität spiegeln, sich als Mensch zugehörig fühlen. Und dafür gibt es kaum bessere Orte als das Wirtshaus.

Wer an der Tafelrunde sitzt, der gehört dazu

Gemeinsam zu essen ist das soziale Ereignis schlechthin. Durch die ganzen Menschheitsgeschichte definieren sich Gruppen über gemeinsames Essen. Wer an der Tafelrunde des Königs sitzt, der gehört zum auserlesenen Kreis der Mächtigen, wer aus der gleichen Suppe löffelt, ist ein Familienmitglied. Seit der Mensch ein Feuer entfachen könne, wirte er auch, meint der Gastronomiekritiker Erwin Seitz, Gastlichkeit sei «ein Laboratorium des Guten und Menschlichen», ein Gedanke des Kulturanthropologen Norbert Elias aufnehmend, für den gute Tischmanieren ein Spiegelbild des Zivilisationsprozesses waren.

Mit Freunden unter Fremden sein

Wir wollen aufgenommen und willkommen sein Kein Mensch geht ins Restaurant, nur weil er Hunger oder Durst hat. Essen kann man zu Hause günstiger und nicht selten sogar besser. Alkohol gibt es an jeder Tankstelle und Kapselkaffe überall. Man geht in eine Beiz oder in ein Restaurant, weil man ausbrechen und irgendwo anders ankommen will. Mit Freunden unter Fremden sein, heisst präzise die Losung. Wir wollen aufgenommen und willkommen sein. Darum geht es, dafür zahlen wir am Schluss die Zeche.

Zugehörigkeit und Ausgrenzung seien die Pfeiler auf dem die moderne Gastronomie stehe, schreibt Christoph Ribbat. Der deutsche Literaturwissenschaftler, der an der Universität Paderborn lehrt, hat sich intensiv mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Restaurants auseinandergesetzt. Er sagt:

Er mag das Restaurant nicht als Ort der Geselligkeit und Gemütlichkeit verklären. Im Gegenteil: Restaurants würden vor allem der sozialen Selektion dienen. Wer gehört in welches Restaurant? Wer nicht? Wer kann es sich leisten? Wer ist schön, jung und erfolgreich genug? Wer zu alt, zu fremd, zu weiblich? Fleisch, Vegetarisch, Vegan oder Regional sind längst keine persönlichen Vorlieben mehr aber Fragen der Identität geworden.

Mit jedem Schluck aus unseren Camparis oder Bierflaschen vergewissern uns wer wir sind und ob wir dazugehören. Mit jedem Blick an den Tischen nebenbei vergleichen wir uns und lassen uns verunsichern. Wir geben grosszügig Trinkgeld, wenn wir uns wohl und richtig fühlen. Wir ziehen genervt davon, wenn wir ignoriert werden.

Ins Restaurant um sich bei einer Suppe zu erholen

Das Restaurant ist mit dem Wohlstand ein offener Ort geworden, willkommen ist, wer bezahlen kann. Das Restaurant ist gerade darum ein ungemein komplizierten Ort geworden, ein Ort der «feinen Unterschiede». Bereits in den ersten Restaurants im Paris des späten 18. Jahrhunderts ging es nicht darum, sich den Bauch vollzuschlagen, sondern darum, sich zu erholen (se restaurer), beschreibt Christoph Ribbat in seinem Buch «Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne». In der Edel-Variante des Gasthofs musste man nicht mehr mit Krethi und Plethi an einer langen Tafel sitzen, wurde individuell bedient, konnte erstmals aus einer Speisekarte auswählen.

Schon im frühen 19.Jahrhundert waren Pariser Restaurant das, was heute jede Szene-Bar sein will: eine Mix aus öffentlichem Laufsteg und privatem Miteinander, aufgesucht von privilegierten Gästen, sind sie Orte moderner Individualität.

Doch in den Dörfern gingen über die letzten Jahrzehnte fast alle Wirtshäuser zu, weil die Menschen jetzt tagsüber wegfahren und abends nur zum Netflixschauen und Schlafen ins Dorf zurückkehren. Weniger Gastrobetriebe gibt es deswegen schweizweit nicht, nur weniger Wirtinnen und Wirte. Sie nennen sich jetzt Gastromanager und schauen mehr auf Zahlen als auf ihre Gäste. Die Systemgastronomie füllt mit ihren auf Effizienz und individuellen Erleben getrimmten Konzepten die Lücken in den Innenstädten. Selbst Peter Bichsel, der berühmteste, schreibende Beizengänger des Landes, mag in der aktuellen «NZZ am Sonntag» nicht in die Lobgesänge an die Gastronomie einstimmen. Die Beiz als Ort, wo sich unterschiedlichste Menschen treffen und ihre Geschichten teilen, gebe es nicht mehr, sagte er im Interview.

Mit dem Lockdown werden die Bichsel-Beizen wohl schneller sterben, wie die Bichsels selbst. Die Restaurants, Bars und Cafés aber werden überleben, nicht weil wir essen und trinken müssen, sondern weil wir uns sehen müssen. Fit getrimmt und wohlfrisiert, weil wir uns vergewissern müssen, wer da mit und neben uns sitzt und isst. Der Lockerungsplan des Bundesrates wird als willkürlich kritisiert, doch verrät er bei genaueren Betrachtung, dass er unsere urmenschlichsten Bedürfnisse behutsam berücksichtigt.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1