Senegal

Unterwegs in einem Land, das Klischees entlarvt

In Senegal wird Toleranz grossgeschrieben. Muslimische Kinder besuchen katholische Schulen, und am Ende ihres Lebens werden die Menschen unabhängig vom Glauben nebeneinander bestattet. Am Schnittpunkt zwischen Maghreb und Schwarzafrika bieten sich ungeahnte Begegnungen.

Mein Bonjour lässt er unbeantwortet, der ältere Mann, der im Flugzeug nach Dakar auf der anderen Seite des Gangs sitzt. Die tiefschwarze Haut kontrastiert mit dem weissen, nachthemdartigen Gewand und der grünen Strickmütze. Er schlürft seine Cola und scheint zu missbilligen, dass ich mit meinem Wein gleich verfahre. Bis sein Nebenmann an ihm vorbei will. Der Mürrische weiss nicht wohin mit seinem Getränk. Ich biete den Platz neben dem Weinbecher auf meinem Klapptisch an. Da verzieht sich der Mund zu einem Lächeln, aus dem Gesicht strahlen mich perlweisse Zähne an.

Wir kommen ins Gespräch. Ich oute mich als Journalistin, er sich als Marabu. Das ist nicht nur ein Vogel, wie ich bis dahin glaubte, sondern auch und vor allem ein Geistlicher. Er kommt aus dem dschungelbewachsenen Süden Senegals. Und wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal schneebedeckte Berge zu sehen. Er sagt das in abgehacktem Französisch, ich muss bei jedem zweiten Satz nachfragen. Trotzdem erfahre ich viel – etwa wie man auf dem Landweg, über Wasser oder in der Luft in den Süden gelangt. Bei der Landung sind wir die besten Freunde.

Ein Land ohne Kriegstrauma

Der Flughafen bestätigt so ziemlich jedes Vorurteil. Chaos in seiner reinsten Form, nichts rührt sich. Es sieht aus, als werde es Stunden dauern. Weit gefehlt. Unser Schweizer Reiseleiter schafft es mit seiner jahrzehntelangen Afrikaerfahrung und vermutlich mit der richtigen Menge Bakschisch, platziert am richtigen Ort, dass wir zehn Minuten später draussen stehen. Mein neuer Freund betreibt derweil mit einem Akazienzweig Zahnpflege. Dass ich den schrägen schwarzen Vogel im weissen Gewand nochmals sehen würde, weiss ich da noch nicht.

Sein Ziel ist tropengrün, unseres im trockeneren Norden des Landes eine Mischung aus Beige, Ockergelb, Rostbraun und Grau. Die dezente Komposition in Naturfarben ergibt den idealen Hintergrund, um die knalligen Kleider der Frauen (und am Freitag der Männer) zur vollen Geltung kommen zu lassen.

Wir können uns nicht sattsehen. Fahren an Menschen vorbei, die auf alten Reifen sitzen, welche nach dem x-ten Aufgummieren nicht mehr für den ihnen ursprünglich zugedachten Einsatz taugen. Also werden sie eingegraben, um als Absperrung zur Fahrbahn zu dienen. Als Turngerät für Kinder, als Sessel für morgendliche Frauenkränzchen.

Der senegalesischen Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. In Afrika wird nichts weggeworfen, in Afrika wird alles repariert, klärt uns Reiseleiter Mohamed auf, der eine Zeit lang in Genf gelebt hat. Er kehrte zurück in sein Land, das – selten genug in Afrika – über keine Kriegstradition verfügt. Weder einen Bürgerkrieg noch Religionskriege gab es in Senegal. Vielleicht, weil sich die Leute beim Ringkampf abreagieren, dem senegalesischen Nationalsport. Oder weil viele der Muslime, die 95 Prozent der Bevölkerung stellen, ihre Kinder in die Schulen der katholischen Minderheit schicken, die als seriöser gelten.

Der Muslim, der die Hostie kostet

Aber ob Muslim oder Katholik, an die Naturreligion beziehungsweise den Animismus glauben beide. Egal, ob man sich die Liebe der Angebeteten sichern, eine Krankheit heilen oder den Nachbarn verwünschen will: Man geht zum Marabu. Selbst die Fussballmannschaft verfügt über ein spirituelles Budget.

Die gelebte Toleranz spüren wir auf Fadiouth, einer aus Muscheln erbauten Insel mit 6000 vorab katholischen Einwohnern, umgeben von Mangroven, in denen angeblich Seekühe leben, die sich aber leider nicht zeigen. Umso sichtbarer ist der Friedhof auf der Nebeninsel, auf dem jede Religion Platz findet. Auf den katholischen Gräbern steckt ein Kreuz, auf den muslimischen ein Halbmond. Wo beides fehlt und sich nur ein Hügel erhebt, liegt ein Anhänger der Naturreligion begraben, obwohl: «Auf Fadiouth sind wir alle Animisten», klärt uns Lamini auf. Der ehemalige Radiojournalist und jetzige Fremdenführer hat als Muslim keinerlei Berührungsängste mit der katholischen Kirche. Er gesteht, sogar schon einmal einen Gottesdienst besucht und eine Hostie gekostet zu haben, um die andere Religion besser zu verstehen.

Die Fahrt durchs Land bietet immer neue, ungewohnte Bilder. Mal beherrschen Akazien mit ihren fedrigen Ästen die Szene, mal reiht sich Baobab an Baobab. Der Nationalbaum Senegals – knorrig, bauchig, weich. Unverwechselbar. Südlich von Dakar, beim neuen Flughafen, wimmelt es von diesen Affenbrotbäumen. Einige sollen über tausend Jahre alt sein. Gross genug, um hineinzuklettern, sind sie allemal. Andere dienen als stehende Särge für die Griots, die Sänger und Musiker Westafrikas.

Je südlicher wir kommen, desto roter wird die Erde, desto autoleerer die Autobahn. Dabei war schon rund um Dakar nicht viel los, denn die Autobahn kostet etwas, ganz wie bei der ehemaligen Kolonialherrin Frankreich. Am Strassenrand bieten Bauern Früchte und Erdnüsse in allen Varianten feil – geröstet, süss, salzig. Dazwischen immer wieder Ziegen, auf der Strasse, neben der Strasse, die abseits der Hauptachsen schon mal zur Piste wird. Auch mitten in Dakar, der Hauptstadt, die einer Baustelle gleicht.

Wir Touristen fragen uns, ob gebaut oder abgerissen werde. Die Einheimischen wissen, dass es meist Ersteres ist. Man schichtet Ziegel auf Ziegel, so lange das Geld reicht. Weitergebaut wird, wenn man Jahre später das nächste Mal liquid ist.

Malerisches Fischerviertel

Highlight der Reise ist jedoch nicht Dakar. Auch nicht die Sanddünen in der Wüste, wo wir in Beduinenzelten übernachten und Kamele an Kaktusfeigen naschen. Weder die malerische Insel Gorée, von der Millionen Sklaven unter unvorstellbarem Leid nach Amerika verschifft wurden, noch die traumhaften Strände. Sondern Saint Louis.

Als wir uns der ältesten Kolonialstadt Afrikas nähern, lassen die Plastikabfälle Schlimmes erahnen. Der Berg an Unrat, der sich vor jeder senegalesischen Ortschaft häuft, ist hier besonders hoch. Eine endlose Reihe reich dekorierter Pirogen – Fischerboote – lenkt den Blick auf Malerischeres. Sie gehören zum Fischerviertel Guet N’dar, in dem sich auf einer Landzunge gegen 30 000 Menschen auf einem Viertelquadratkilometer drängen. Frauen, Männer, Kinder, Esel, Ochsen, Ziegen, Schafe – dahinter Fischköpfe, Fischschwänze, ganze Fische, in Salz, in Öl, luftgetrocknet. Das Wort Dichtestress bekommt eine ganz neue Bedeutung.

«Mobile Polygamie» als Lösung

Der Regierung ist Guet N’dar ein Dorn im Auge. Den Bewohnern ist das egal. Sie richten sich mit Kind, Kegel und Schaf ein – und sind die Häuser noch so klein. Geschlafen wird im Schichtbetrieb, beigeschlafen nach dem System der mobilen Polygamie: Ein Mann hat vier Frauen, aber nur Platz für eine. Also wechseln sie sich ab. Eine Frau schläft ein, zwei Nächte bei ihrem Mann, den Rest der Woche verbringt sie im Elternhaus, dann kommt die nächste.

Am Markt N’dar Toute gleich daneben ertönt aus einem Uralt-Verstärker Reggae, vom Minarett ruft via Lautsprecher der Muezzin. Und da ist er plötzlich wieder, «mein» Marabu. Sein Foto hängt, umrahmt von Schuhen, bei einem Erdnuss-und-Sandalen-Verkäufer an der Wand. Als ich ihn fotografieren will, wird der Besitzer ungehalten und verjagt mich. Später bereut er das bitterlich, als er erfährt, dass ich sein Idol nicht nur getroffen, sondern auch einen Flug lang mit ihm gesprochen und am Ende ihm sogar die Hand geschüttelt habe. Diese Hand möchte er unbedingt berühren.

Doch sie ist mit ihrer Trägerin längst an Bord der «Bou el Mogdad», eines Hotelschiffs, das auf dem Senegal, dem Grenzfluss zu Mauretanien, gemächlich Richtung Landesinneres tuckert. Links mauretanisches Schilf, rechts senegalesisches Schilf. Entschleunigende, beruhigende Monotonie. Ich schlürfe meinen Drink und wähne mich auf Humphrey Bogarts «African Queen». Irgendwie auch in der Ostsee, sähe ich nicht hie und da ein Reisfeld.

Eine gute Gelegenheit, um Vorurteile zu hinterfragen. Wie jenes, dass nichts klappe auf dem Schwarzen Kontinent. Auf unserer Reise durch Senegal hat alles, wirklich alles geklappt. Selbst das Einloggen ins WLAN funktionierte auf Anhieb. Die Menschen arbeiteten so speditiv, als sässe ihnen ein Schweizer Vorarbeiter im Nacken. Uns Europäern begegneten sie stets mit einem Lächeln auf den Lippen, ob nun ein «Bonjour! Comment allez-vous?» herauskam oder ein «Salam aleikum». So, denke ich, müsste Afrika sein.

Meistgesehen

Artboard 1