Zweinutzungshühner

Viel Poulet oder viele Eier? – Mit den neuen Superküken gibt es beides

Diese Hühner legen zuerst zuverlässig Eier und eignen sich dann doch noch für den Grill.

Diese Hühner legen zuerst zuverlässig Eier und eignen sich dann doch noch für den Grill.

Eine deutsche Firma hat das ideale Huhn gezüchtet – die Hennen werden als Legehuhn verwendet, die Hähne als Fleischhuhn. So müssen die männlichen Tieren nicht mehr getötet werden. Doch: Das Vorgehen wird scharf kritisiert.

Bisher mussten die Hühnerzüchter wählen: Entweder viele Eier oder viel Pouletfleisch. Denn ein Huhn kann nicht zuerst Eier legen und später Fleisch liefern. Bisher gab es deshalb Masthühner und Legehennen: Ein fettes Masthuhn legt nur wenig Eier, die Legehenne bleibt eher mager. Die Brüder der Legehennen jedoch sind weder zum einen noch zum anderen nütze - sie werden einen Tag nach dem Schlüpfen getötet.

Das ist nun anders. Mit sogenannten «Lohmann Dual Tieren» werden die weiblichen Küken als Legehennen aufgezogen, die männlichen werden zu Fleischlieferanten. Mit 2500 Hennen und 2500 Güggeli startete Grossverteiler Coop Anfang Jahr den Versuch, und er scheint sich bisher zu bewähren: Die neuen Zweinutzungshühner legen 250 Eier pro Jahr, und die Hähne geben im Ofen ein stattliches Brathähnchen ab.

Nichts gemacht am Erbgut

Beim «Lohmann Dual» handelt es sich um eine langjährige Kreuzung, eine Hybridrasse, quasi eierlegende Masthühner. Dabei, so versichert die Firma, wurden keine Eingriffe in das genetische Erbgut vorgenommen. Einzig das Verhältnis von Mastleistung der Junghähne und Legeleistung der Hennen sei absolut optimiert worden. Mit den Zweinutzungshühnern hat man also den Fünfer und das Weggli - oder eben Ei und Fleisch. Und auch das hochumstrittene Vergasen der männlichen Küken fällt weg.

Die Aufzucht der jungen Superküken, so teilt Coops Kommunikationsstelle mit, sei problemlos verlaufen. «Die Tiere sind wenig schreckhaft und auch die Weide wurde von ihnen rege genutzt.» Beim Grossverteiler werden die männlichen Küken neun Wochen nach dem Schlüpfen verarbeitet und kommen dann bei Schweizers auf den Tisch.

19.90 Franken pro Kilo soll ein «Naturaplan»-Huhn kosten, das nur Biofutter gefressen und viel Auslauf genossen hat. Ein berechtigter Preis, den viele Schweizer angesichts der tierfreundlichen Aufzucht auch zu zahlen bereit sind. «Wir verkaufen die Poulets sehr gut», schreiben die Medienverantwortlichen auf Anfrage. «Sie sind geschmackvoll und saftig.» Die Bio-Eier der Hennen liegen voraussichtlich ab Juli im Gestell.

Das tönt sehr biologisch und sehr schön. Sieht man sich allerdings die Vorgehensweise in den Labors der Firma Lohmann in Cuxhaven an, aus denen die Zuchtküken stammen, zeigt sich ein total anderes Bild: Dort werden die Elterntiere in engen Käfigen gehalten und regelmässig von Mitarbeitern abgesamt und befruchtet. Weder die Hennen noch die Hähne sehen jemals Tageslicht oder setzen einen Fuss aus dem Käfig.

So ist es der Firma möglich, verschiedene Zuchthähne mit Hennen zu kreuzen, sodass es ein gutes Suppenhuhn für eine Zuchtfarm in Südafrika ergibt oder ein Zweinutzungshuhn für die Schweiz. Daneben nimmt Lohmann - entgegen ihrer Verlautbarung - teilweise trotzdem Eingriffe in das Erbgut gewisser Tiere vor. In einem deutschen Fernsehbeitrag wird deutlich, dass daraus auch Mutanten entstehen können, die laut Chefgenetiker Rudolf Preisinger «manchmal nicht zu verhindern sind».

Die Lohmann-Bibeli von Coop leben zwar tatsächlich glücklich auf den zwei Biobauernhöfen im Emmental. Doch hat Coop keine Gewissensbisse angesichts des Ursprungs dieser Tiere?

Coop sieht das pragmatisch. «Generell gilt: Die Geflügelzucht ist weltweit stark von ein paar wenigen grossen Unternehmen geprägt. Die Zuchtbedingungen dieser Zweinutzungshühner unterscheiden sich nicht grundlegend von denjenigen anderer Hybridrassen», lautet die Antwort der Medienstelle. «Für uns ist zentral, dass von der Zuchtorganisation die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.»

Verurteilter Tierquäler

Vor drei Jahren war dies allerdings anders. Damals wurde Genetiker Preisinger wegen Tierquälerei mit einer Geldstrafe von 100 000 Euro bestraft. Er hatte während seiner Forschertätigkeit gewissen Hühnern und Hähnen die Krallen und Kämme ohne Betäubung amputieren lassen.

Bei Lohmann soll punkto Tierschutz ein Umdenken stattgefunden haben, schreibt eine deutsche Zeitung. Chefgenetiker Preisinger gibt sich sogar richtig bescheiden: «Wenn ich der gesamten Biobranche das Zweinutzungshuhn anbieten würde, würden die alle sagen: Na, Gott sei Dank, endlich!» Dennoch will er es gar nicht allzu gross verbreiten: «Ich will nicht, dass die nach einem Jahr auf ihr Familieneinkommen gucken und feststellen: Das steckt alles im Hühnerfutter.»

Was Preisinger weiss, bestätigen auch andere Wissenschafter: Zweinutzungshühner seien zwar eine nette Kreuzung, aber die Dual-Hühner seien mit den Masthähnchen absolut nicht zu vergleichen, sagt der Nutztierforscher Steffen Weigend vom Friedrich-Löffler-Institut in Deutschland. Ein Dual-Hähnchen bringt rund 2,3 Kilo auf die Waage. Ein Masthähnchen hingegen 3,2 Kilogramm, also fast ein Kilogramm mehr. Und das, während die Dual-Rasse erst noch 50 Prozent mehr frisst. Kein Riesengeschäft also. Coop wird trotzdem mit dem Projekt weiterfahren: «Wir stellten eine grosse Nachfrage nach den limitierten Zweinutzungspoulets fest.»

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