In freier Natur wuchs der Buchsbaum einst in den Wäldern Südeuropas und der Schweiz. Die Römer kultivierten ihn vor 2000 Jahren und brachten ihn in geschnittener Form zu uns über die Alpen. Plinius der Jüngere beschreibt in seinen Briefen die Ars topiaria, die Buchsbaumschnittkunst im Garten seiner Villa Laurentium. Wegen der Widerstandsfähigkeit gegen Hitze und Kälte und wegen seines dichten Wuchses ist der Buxus sempervirens, der immergrüne Buchs, seither die wichtigste Pflanze in der europäischen Gartenbaukunst.

Im Mittelalter wurde die römische Schnittkunst in den Klostergärten wiederentdeckt. Die Gärtnermeister französischer, englischer und holländischer Schlösser haben sie im 16. und 17. Jahrhundert perfektioniert. Schloss Marqueyssac in der Dordogne etwa oder Het Loo bei Apeldoorn haben prächtige Gartenanlagen mit kilometerlangen Buchsbaumhecken.

Aber auch im Bauerngarten ist der Buchs seit dem Mittelalter bekannt. Besonders schöne Bauerngärten findet man heute im Emmental und im Schwarzwald. Dort fassen niedrige Buchshecken die rechteckigen Beete für Blumen und Gemüse ein.

Vielen gilt der Buchs als Ausdruck des kleinbürgerlichen Spiessertums: zurechtgestutzt zu Kügelchen, Kätzchen und Schwänchen in den Vorgärten der Einfamilienhausidyllen. In vielen Parkanlagen und auf Friedhöfen ist er immer noch das wichtigste Gestaltungselement. Die Blätter der Pflanze sind für Menschen und die meisten Tiere giftig. Ein Giftcocktail aus siebzig Alkaloiden wirkt in geringer Dosis angeblich fiebersenkend und kann Husten und Magen-Darm-Beschwerden lindern. In grösseren Mengen führt er zum Tod.

Die Raupe des Buchsbaumzünslers mit ihren gelben Streifen und schwarzen Punkten frisst, was sie kann.

Die Raupe des Buchsbaumzünslers mit ihren gelben Streifen und schwarzen Punkten frisst, was sie kann.

Zehn Jahre Buchsbaumzünsler

Im deutschen Grenzach-Wyhlen bei Basel wuchs einer der ältesten Buchsbestände nördlich der Alpen. Schon die Römer säumten die Gärten der hiesigen Villa rustica mit Buchshecken ein. Ihr Gift schützt die Pflanze nämlich vor Wildverbiss und hält Wühlmäuse von eingezäunten Äckern fern. In Grenzach-Wyhlen stand bis vor zehn Jahren auch einer der ältesten und grössten Buchsbaumwälder Europas. Doch dann begann der Niedergang. Zuerst befiel ein Pilz die meterhohen Buchsbäume, dann eine kleine, aber gefrässige Raupe: der Buchsbaumzünsler. In nur drei Jahren war der Wald fast vollständig zerstört.

Die allerersten Meldungen von einem Buchsbaumzünslerbefall in Europa kamen 2007 aus dem nahen Weil am Rhein. Der kleine weisse Falter mit dem zoologischen Namen Cydalima perspectalis stammt aus China, Japan und Korea. Die Schäden, die der Zünsler anrichtet, sind verheerend. Der Falter hat lange Fühler und weiss-graue Flügel. Er lebt nur etwa acht Tage und legt seine Eier unter die Blätter des Buchsbaumes. Wenn die Raupen schlüpfen, spinnen sie ein feines Netz und beginnen zu fressen. In wenigen Tagen können sie meterhohe Buchsbäume kahlfressen. Übrig bleibt ein Gerippe aus Ästen und Raupengespinsten. Das ist nicht nur für Hobbygärtner ein Horror, sondern auch für Schloss- und Friedhofgärtner.

«Man wird ihm nicht Herr»

Inge Forster ist Leiterin der Fachstelle Umweltschutz beim Schweizer Gärtnermeisterverband Jardin Suisse. Sie rät privaten und Berufsgärtnern, rechtzeitig hinzuschauen und etwas gegen den Zünsler zu tun, denn selbst wenn man den Buchsbestand im eigenen Garten im Griff habe, bleibe die Gefahr, dass die Falter aus anderen Gärten wieder einfliegen.

«Man wird ihnen nicht Herr. Es sind oft so viele Raupen, die zudem sehr gut getarnt sind», sagt Forster. Man kann die Raupen ablesen, wenn man sie entdeckt. Die Stadtgärtnerei Basel schlägt auch vor, man könne sie mit einem Stock abschlagen, mit dem Hochdruckreiniger wegspritzen oder mit einem starken Staubsauger absaugen – und sie dann im Kehricht entsorgen. Das beste Gegenmittel ist aber das Bakterienpräparat Delfin. Dafür werden gefriergetrocknete Bakterien in Wasser eingerührt und auf die befallenen Pflanzen gespritzt. Der von den Bakterien produzierte Giftstoff wird von den Raupen beim Fressen aufgenommen und löst bei diesen eine tödliche Darmerkrankung aus. Anders als chemische Spritzmittel schont das Präparat Nützlinge wie etwa Wildbienen. Der Haken dabei ist, dass man es alle zwölf Tage ausbringen muss und es bei kleinen Zünslerraupen am wirksamsten ist.

«Wenn es gar nicht anders geht, muss man den Buchsbaum opfern und vom Gärtner einen Ersatz pflanzen lassen», sagt Inge Forster. Das sei vor allem dann nötig, wenn die Belastung in einer Gegend zu gross sei. Seit dem ersten Auftreten des Zünslers bei Basel breitet er sich in ganz Europa aus. In der Schweiz könne man fast zusehen, wie eine Gemeinde nach der anderen befallen werde, sagt Forster. Ersetzen kann man den Buchs durch Eiben oder Japanische Stechpalmen, die ähnlich aussehen und geschnitten werden.

Eine kleine Hoffnung für die Gartenbesitzer sind Vögel, die die Zünslerraupen fressen. Nach dem ersten Auftritt des Schädlings dachte man, dass die Vögel die Raupen verschmähen, weil sie giftig sind. Nach und nach würden manche von ihnen ihren Speiseplan aber anpassen, sagt Forster. Die Mönchsgrasmücke zum Beispiel sei schon auf den Geschmack gekommen. Dennoch könnte es nach 2000 Jahren Kulturgeschichte in den Gärten Europas bald vorbei sein mit dem Buchsbaum.