Lügenbaron von Münchhausen

Von wegen Lügenbaron: Von Münchhausen wurde zu Unrecht zum notorischer Lügner gemacht

Das halbierte Pferd, das ohne Hinterteil zur Tränke trabt, ist eine Geschichte, die auf eine König-Artus-­Sage zurückgeht.

Das halbierte Pferd, das ohne Hinterteil zur Tränke trabt, ist eine Geschichte, die auf eine König-Artus-­Sage zurückgeht.

Vor 300 Jahren wurde der Baron von Münchhausen geboren, den jedes Kind nur als «Lügenbaron» kennt. Doch der Mann war weder ein Lügner, noch stammen alle der weltberühmten fantastischen Abenteuergeschichten aus seiner Feder.

Menschen mögen Mogeleien, Wundersames und Fantastisches, Flunkerei, Fiktion und Illusion. Sie lassen sich narren und verzücken; das gibt Pfeffer in den monotonen Alltag – von Märchen über Seemannsgarn bis zu Fake News.

Und die Münchhausiaden? Die Geschichten, die Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen heute zugeschrieben werden, sind vermutlich meistens eine Erfindung anderer Autoren, die diese dem echten Baron in den Mund gelegt haben.

, sagt der Kunsthistoriker Bernhard Wiebel, Leiter der Münchhausen-Bibliothek in Zürich. Fest steht nur, dass der Baron damals von seinen Zeitgenossen für seine Erzähl- und Fabulierkunst in den höchsten Tönen gelobt wurde.

Noch heute finden sich in mehreren deutschen Städten Brunnen mit Von Münchhausen-Skulpturen.

Noch heute finden sich in mehreren deutschen Städten Brunnen mit Von Münchhausen-Skulpturen.

Seine Ideen waren denn auch fantastisch: Da wird Münchhausens Hengst zum Beispiel durch ein Fallgitter zweigeteilt. Während der Baron unwissend mit der vorderen Hälfte zur Tränke reitet, vergnügt sich die hintere Hälfte auf der Wiese mit Stuten. Ein andermal bindet Münchhausen in einer Winternacht sein Pferd – wie er glaubt – an einen Pfahl, der aber in Wirklichkeit die Spitze des Kirchturms ist. Nach der Schneeschmelze baumelt das Pferd am Turm. Er schiesst mit seiner Pistole den Halfterriemen durch, das Pferd fällt herunter, und er kann die Reise fortsetzen. Sein in den Schnee gefallenes Messer holt er mittels eines gefrorenen Harnstrahls wieder herauf.

Die ersten drei Geschichten – von anderen Autoren schriftlich festgehalten – tauchen erstmals in einem kleinen Büchlein mit dem Titel «Der Sonderling», welches der Graf Rochus Friedrich zu Lynar 1761 für seine Bediensteten zur Erbauung verfasst hat. Darin warnt der Graf die Leser vor dem Lügen, denn «leicht kommt man in üblen Ruf», wie er meint. Als Beispiel führt er drei Lügengeschichten eines «Liebhabers der Jägerei» an, wie jene heute weltbekannte Geschichte, in der aus Versehen mit einem Gewehr ein Ladestock verschossen wird und dieser dann eine ganze Reihe von nebeneinandersitzenden Vögeln durchbohrt.

Viele Geschichte haben einen sehr alten Ursprung

Zwanzig Jahre später, 1781, erscheint das anonym veröffentlichte «Vademecum für lustige Leute», in dem sich Abenteuer eines Herrn «M-h-s-n» finden. Bekannter werden die Geschichten durch das Buch, das der deutsche Gelehrte Rudolf Erich Raspe 1785 in Grossbritannien unter dem Titel «Baron Munchhausens Narrative of His Marvellous Travels und Campaigns in Russia» veröffentlicht. Raspe nennt erstmals den vollen Namen.

Aber erst die Rückübersetzung ins Deutsche durch den Dichter Gottfried August Bürger bringt ab 1786 den grossen Erfolg und weltweiten Durchbruch für das Buch «Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen», das heute jeder kennt.

So vielfältig die Münchhausiaden, so blumig die Fantasieporträts und Karikaturen (1792).

So vielfältig die Münchhausiaden, so blumig die Fantasieporträts und Karikaturen (1792).

Wie zuvor fürs «Vademecum für lustige Leute» dichten auch Raspe und Bürger viele Geschichten hinzu.

, weiss Bernhard Wiebel. Sie basieren auf uralten Satiren vom sophistischen Philosophen Lukian von Samasota bis hin zu deutschen Volksbüchern oder beruhen auf klassischen Trouvaillen von Platon bis zur König-Artus-Sage. Was sich wie Lügen liest, sind eigentlich allegorisierend verschlüsselte Wahr- und Weisheiten.

Bürger fügt unter anderem die Erzählung vom achtbeinigen Hasen, dem Ritt auf der Kanonenkugel und die Story, wie sich der Baron von Münchhausen am eigenen Schopf mit dem Pferd aus dem Sumpf zieht, hinzu. Diese Geschichte kann als Parabel zur Dialektik der Aufklärung verstanden werden (Rettung dank Willensstärke). Beim Ritt auf der Kanonenkugel wechselt er am Scheitelpunkt auf eine entgegenfliegende feindliche Kugel und reitet unverrichteter Dinge zurück, weil er plötzlich Angst hat, gefangen zu werden. In Todesangst trifft er eine zwar peinliche, aber lebensrettende Entscheidung: lieber ein lebender Feigling als ein toter Held.

Der Ritt auf der Kanonenkugel ist eine der bekanntesten ­Münchhausiaden (ca. 1890).

Der Ritt auf der Kanonenkugel ist eine der bekanntesten ­Münchhausiaden (ca. 1890).

Doch Gottfried August Bürger ändert noch etwas. «Es ist gerade die ausgefeilte sprachliche Gestaltung, die für den Erfolg verantwortlich ist», urteilt der Leiter der Zürcher Münchhausen-Bibliothek. Bis heute sind die Geschichten in Dutzende Sprachen übersetzt worden, die Gesamtauflage beträgt mehrere Millionen Exemplare. Etliche Theaterstücke, Filme und auch Nachahmungen folgten bis heute.

Mit 73 heiratete er sein Patenkind und verlor sein Vermögen

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 in Bodenwerder an der Weser geboren. 1737 wurde er Page des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel und reiste mit diesem nach Russland, wo er ins Militär eintrat. In der Garnisonsstadt Riga und später auch bei den Aufenthalten auf dem Landgut seines Freundes, dem Grafen Georg Gustav von Dunten, widmete er sich der Jagd und dem Geschichtenerzählen.

Auf dem Landgut lernte er seine Frau Jacobine kennen, die Tochter des Grafen, die er 1744 heiratet. Er heiratete noch einmal, nachdem seine Frau gestorben war, nämlich 1794, mit 73 Jahren, und zwar sein 20-jähriges Patenkind Bernhardine Brunsig von Brunn. Doch wollte er sich von ihr schon nach kurzer Zeit wieder scheiden lassen. Der Scheidungsprozess zog sich über drei Jahre hin und brachte ihn fast um sein gesamtes Vermögen. Der Freiherr von Münchhausen starb am 22. Februar des Jahres 1797 in Bodenwerder.

Noch zu Lebzeiten wurde er zum «Lügenbaron» gestempelt. Das ärgerte und kränkte ihn sehr; doch er konnte den Kolportage-Tsunami nicht mehr stoppen. Auch hätte er wohl keine Freude, wenn er wüsste, dass sein Name später in der Medizin für das suchtartige Bedürfnis, eine schwere Krankheit vorzutäuschen, verwendet wurde: das Münchhausen-Syndrom.

Es gibt zwei Münchhausen, einen ehrenwerten leibhaftigen Baron, den heute niemand mehr kennen würde, und einen durch die Bestsellerautoren zur «Lügenfigur» hochstilisierten. Wer weiss, vielleicht freut’s Münchhausen, wenn er nun auf Wolke sieben statt auf einer Kanonenkugel reitet, zu sehen, dass man seiner immer noch gedenkt, sogar ein Asteroid seinen Namen trägt. Und bekannt wird: Münchhausen war kein Märchenonkel, sondern ein Vordenker. Chapeau, Herr Baron!

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1