Abschied

Warum Bankerin Murielle Kälin plötzlich Trauerfeiern organisiert

«Die andere Seite des Gleichen»: Murielle Kälin gestaltet für Angehörige den Abschied von Verstorbenen. Chris Iseli

«Die andere Seite des Gleichen»: Murielle Kälin gestaltet für Angehörige den Abschied von Verstorbenen. Chris Iseli

Bankfrau Murielle Kälin verabschiedete sich vom Bankwesen, um Leuten beim letzten Abschied zu helfen.

«Die Leute leuchten, oder sie leuchten nicht», sagt Murielle Kälin. Die Leute sind lebendig, oder sie sind tot, mitten im Leben. Aufgrund welcher Beobachtung lässt sich schon beurteilen, wer «lebendig» ist? Aufgrund welcher Erfahrung? Sicher ist: Murielle Kälin selber leuchtet. Je länger wir zusammen in der Sonne unter dem blühenden Obstbaum sitzen, desto spürbarer wird das. Es wird stets lebensfreundlicher.

Dabei haben wir von einem Thema geredet, vom Ableben.

Das Gespräch ist ein ständiges Umdrehen, ein wiederholtes Verweisen: vom «Schlusslicht» im Tod zu den windbewegten Blüten. Von geschlossenen Augen für immer zu den Vogelhäuschen in den Ästen und unterm Giebel, damit stets mehr Vögel kommen, um zu nisten, zu brüten, zu trillern. «Die Natur», sagt Murielle Kälin, «ist wie ein Radiosender für Ideen.»

Die Leute reden lieber vom Tod als von finanziellen Nöten

Murielle ist von Beruf «Abschiedsgestalterin». Sie war mal Kauffrau, Bankerin. Mit einer bemerkenswerten Erfahrung: «Als Bankkunden fällt es den Leuten hundertmal schwerer, über finanzielle Schwierigkeiten zu sprechen, als dann, wenn sie den letzten Abschied von Angehörigen regeln.» Das Feingefühl, das Murielle Kälin früher während Geldverhandlungen entwickelte, hilft ihr jetzt beim hoch subtilen Umgang mit Trauernden.

Ist der Beruf einer «Abschiedsgestalterin» vergleichbar mit dem der Hochzeits-planerin, einfach in Schwarz? Murielle Kälin bejaht ohne Umschweife und verweist auf die Dienstleistungs-Gesellschaft. Geburt und Tod ändern sich nicht, anders die Rituale: Diese sehen die Leute stets weniger im Rahmen einer Kirche. Also greifen sie auf private Ritualgestalter zurück.

«Als ich unglücklich wurde in der Bank, äusserten Bekannte den Wunsch, dass ich den Abschied eines Angehörigen mit feierlichem Aufwand in einem Schloss organisiere. Das war der Anfang. Der Beruf hat mich gefunden.»

Murielle bewohnt ein Bauernhaus am Waldrand von Starrkirch-Wil bei Olten. Im Garten blickt sie auf zwei Zirkuswagen. Darin leben die Vermieter. Murielle hat hier keinen festen Besitz, die Ansässigen jedoch sitzen auf Rädern. Man kann sich niederlassen, kann stillhalten, ruhen – und befindet sich doch immer auf Reise. Wie kurz ist die Reise? Wie viel ist flüchtig, bleibt Skizze, die vollendet möglicherweise erst danach erscheint, «drüben»? Gibt es für Murielle Kälin überhaupt ein «Nachher»?

«Ich bin überzeugt, dass es weitergeht», sagt die 39-Jährige, «das ist weniger ein Glaube als eine Erfahrung. Ein Gefühl, das ich oft erlebe: Verstorbene stehen vor mir. Verstorbene sind eine Zeit lang irgendwie noch da. Es gibt Zeichen. Einmal flog ein Luftballon, losgeschickt an der Beerdigung eines Mannes, heim zu dessen Apfelbaum. Es gibt Verbindung, und das hat in aller Regel etwas Heilendes. Ich verstehe mich als eine Art Brücke zwischen den Welten, als Kanal. Im Todesfall verstehe ich mich als Fels in der Brandung der Gefühle.»

Jede Lebensgeschichte ist einzigartig, bis zum letzten Abend

Die Frau nimmt sich Zeit. Vor allem für Gespräche mit den Angehörigen: «Wie verschieden, wie einzigartig jede Geschichte ist», sagt sie, «ist auch im Tod immer wieder faszinierend.» Da, beim letzten Abschied, möchte sie «den Ton dieses Lebens aufnehmen». Über Tote sagt man nichts Schlechtes, erläutert sie, «aber man soll auch keine Lügen verbreiten.» Als ein Verwandter von ihr mit 15 Jahren Selbstmord beging und sie danach gehört habe, wie mechanisch der Pfarrer in der Kirche das Kapitel Lebenslauf abhakte, habe sie das schockiert: «Wo war das Herz? Wo war vor allem dieser arme Junge?»

Pietät, ohne zu heucheln, aufrichtiges Gedenken in gesellschaftlich meist engem Rahmen, bei oft zerstrittener Verwandtschaft mit hochdiplomatisch austariertem Prozedere – man kann sich einfachere Aufgaben vorstellen. Warum findet Murielle derart viel Freude daran? Und steckt gar Trauergemeinden an mit ihren Einfällen, Einsichten, diesen leuchtenden Funken? Murielle Kälin gerät ins Erzählen. Geschichte reiht sich an Geschichte. Keine gleicht der anderen, jede ist ihr bis ins Detail in Erinnerung geblieben ... und man begreift: Letztlich vermittelt jedes Mal nur das unverwechselbare Leben, mit dessen Ende sich Murielle gerade beschäftigt, ihr die Inspiration, ihm nochmals gerecht zu werden, im Kreis der Angehörigen.

Murielle hat wirklich Einfälle: Am Sarg gemeinsam den bevorzugten Sekt des Dahingegangenen trinken. Seine Lieblingsschokolade knabbern. Einem Fabrikanten von Türen eine letzte Tür ins verwaiste Büro stellen, worauf Familie und Angestellte mit Filzstift einen letzten Gruss malen. «Der Tod», sagt Frau Kälin, «ist eine Zone der Wahrheit, vielleicht die einzige. Nirgends sonst wird die Heuchelei dermassen augenfällig. Jahrzehntelange Feindschaften lösen sich auf wie Dunst. Jahrzehntelange Freundschaften zerbrechen am Rand des Grabes.»

Und sie selber kennt keine Furcht? «Für mich ist Tod ein Heimkehren», sagt sie, «die andere Seite des Gleichen.» Sozusagen ein einheitliches Leuchten, nicht finster, nicht kalt, kein ewiger Winter? «Winter ist zauberhaft auf Friedhöfen», sagt sie: «Man kann die Leute ermuntern, auf Grabsteinen den Schnee fortzuwischen, um die Namen zu lesen. Kleine Mädchen überkommt die Lust, mit rudernden Armen einen Engel in den Schnee zu drücken. Der Engel bleibt noch da, wenn alle schon fortgegangen sind gegen Abend.»

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