Vorbilder

Warum Kim Kardashian und Co. die falschen Idole für Mädchen sind

Mädchen orientieren sich an Stars wie Kim Kardashian. Wie gross ist der Einfluss medialer Vorbilder tatsächlich? Und sind es die richtigen Vorbilder?

Sie ist das It-Girl der Stunde: Kim Kardashian. Der Star der Reality Show «Keeping up with the Kardashians» ist mit ihren zwei Schwestern Khloé und Kourtney sowie den beiden Halbschwestern Kendall und Kylie Jenner erfolgreich als Schauspielerin, Modell und Unternehmerin.

Seit 2007 läuft die Reality Soap im amerikanischen Fernsehen und zeigt noch keine Ermüdungserscheinungen. Im Gegenteil, die Serie erhält regelmässig neuen Stoff aus dem Familienleben der Kardashians. Für das jüngste Happening sorgte Vater Bruce Jenner. Der einstige Olympiasieger im Zehnkampf unterzog sich einer Geschlechtsumwandlung und stahl den Töchtern als Caitlyn beinahe die Show.

Die Soap der Kardashians wird mittlerweile in 170 Ländern ausgestrahlt. Ein somalischer Flüchtling nannte kürzlich in der «NZZ» Kim Kardashian als eines seiner Vorbilder. «Was ich an Kim mag, ist ihr Aufstieg.» Nüchtern betrachtet ist es die Karriere von der Highschool-Absolventin aus gutbürgerlichem Haus über drei Ehen und ein Sex-Video zur Ich-Darstellerin.

Kim Kardashian

Kim Kardashian

Mädchen schwärmen für Kim

Noch ist Kim der unbestrittene Star der Soap. Sie ist die Königin der Likes auf Facebook (rund 26 Millionen) und Follower auf Instagram (rund 46 Millionen). Sie hat Fame und was sie postet, teilt und twittert, wissen in Sekundenschnelle Millionen junger Mädchen auf der ganzen Welt. Heranwachsende, die ihr Erfolgsrezept kennen lernen wollen.

In der Schweiz sind Jugendliche bestens auf den Empfang solcher Botschaften eingerichtet. Sie gehören laut einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften von 2014 zu den fleissigsten Nutzerinnen sozialer Netzwerke.

Rund zwei Stunden täglich verbringen Jugendliche nach eigenen Angaben im Netz. An Wochenenden und in den Ferien mehr. Das Kommunizieren mit Freunden über Messenger wie Whatsapp steht dabei an erster Stelle. 83 Prozent der Mädchen holen sich gezielt Informationen in den sozialen Medien. Sie stehen mit ihren Vorbildern in virtuellem Kontakt, folgen ihren Trends und erhalten Tipps.

Kim Kardashian Tweet

Tipps der Kardashians werden auch in führenden Modemagazinen kolportiert. «Alles, was man trägt», so Kim, «sollte im Verhältnis zu den Körperproportionen sein.» Ein Ratschlag, den sich jedes Mädchen gerne zu Herzen nimmt.

Allerdings: «Ich habe entweder den Schneider oder meine Stylistin bei jeder Anprobe mit dabei.» Spätestens hier werden die jungen Fans von der Realität eingeholt. Mit der Welt der Reichen und deren Schönheitsidealen können die wenigsten mithalten.

Laut einer Studie der Gesundheitsförderung Schweiz vom August gaben 75 Prozent der Mädchen an, sie hätten ihren Körper schon einmal verändern wollen.

Die Studie zeigt, dass die Zufriedenheit von Jugendlichen mit ihrem Aussehen in den letzten fünf Jahren abgenommen hat. Gleichzeitig ist die Zahl ästhetischer Operationen hierzulande um rund 20 Prozent gestiegen. Pro Kopf der Bevölkerung hat die Schweiz mit 55'000 Operationen jährlich den Spitzenplatz in Westeuropa inne, wie Zahlen der Ärztegruppe Acredis belegen.

Rund ein Drittel entfällt dabei auf junge Menschen zwischen 17 und 30 Jahren. Diese lassen am häufigsten Fett absaugen und ihre Brüste vergrössern. Auch Po-Implantate werden nachgefragt. Folgen von Kims Kurven?

Für Gabriella Schmid, Dozentin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule St. Gallen, ist es kein Zufall, dass die Kardashians bei Mädchen gut ankommen. Junge Frauen seien heute tendenziell eher angepasst, orientierten sich häufig am traditionellen Rollenbild und zeigten oft eine ausgeprägte Konsumhaltung. Vielleicht war die Zeit einfach reif für Vorbilder wie die Kardashians.

Ähnlich sieht es Flurin Senn-Albrecht, Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Mediale Vorbilder seien heute im Netz allgegenwärtig. Ihre Vorbildtauglichkeit sei abhängig von mehreren Faktoren. Etwa vom Stand der Persönlichkeitsentwicklung eines Jugendlichen oder davon, was im Freundeskreis angesagt oder in der Familie akzeptiert ist.

Etwas anders stufte Barack Obama das Phänomen Kardashian ein. Anlässlich einer Rede in Tennessee äusserte sich sogar der amerikanische Präsident zum Thema: Die Kardashians und ihr Luxus erweckten ein falsches Bild von Erfolg. Das Resultat sei, dass amerikanische Kinder von Reichtum und Ruhm besessen seien. Die Kardashians seien die falschen Vorbilder.

Was also sind die richtigen? Für Senn-Albrecht, müssen Vorbilder eine Vielfalt an Werten vermitteln. Dies gelinge gut über das Thema Freundschaft.

Laut Schmid sind vielfältige Vorbilder gerade bei der Berufswahl wichtig. Vor allem Mädchen müsse man schon früh in ihrem Selbstbewusstsein fördern. Als vorbildlich nennt sie afrikanische Projekte, wo speziell geschulte Mädchen andere Jugendliche in bestimmten Alltagsfragen unterstützen. Damit würden sie zu Rollenvorbildern und könnten gleichzeitig Selbstwirksamkeit aufbauen.

Eine Eigenschaft, welche freilich auch den Kardashians eigen ist. Vor zwei Wochen landeten sie ihren neusten medialen Coup: Sie präsentierten die Kardashian Apps – je eine pro Schwester.

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