Ein Spaziergang durch Einfamilienhaus-Quartiere ist Selbstquälerei. Die Ansammlung all dieser Wohnträume ist ein architektonischer und siedlungsplanerischer Albtraum. Von Hüsli-Pest spricht und wettert Stadtwanderer Benedikt Loderer seit Jahren – und er meint nicht nur die vielfältige Hässlichkeit von so viel Bürgerwohnlichkeit, sondern auch die nicht enden wollende Ausdehnung und Auswucherung dieser Vorort- und Dorfquartiere, wo jeder in seinem Heim inmitten eines Rasens – oder neuerdings eines Steingärtlis – sein Leben absolviert. In der Schweiz waren im letzten Jahr 60 Prozent aller neuen Wohnbauten Einfamilienhäuser, wie das Bundesamt für Statistik ausweist.

Das Einfamilienhaus ist der Traum – nicht nur der Menschen in der Hüsli-Schweiz. Ein Blick über Jura und Weltmeere hinaus zeigt: Ob in Osteuropa oder Asien – in allen Ländern, wo die wirtschaftliche Möglichkeiten den Menschen es erlauben – werden Einfamilienhaus und Auto angeschafft.

Dagegen wettern hilft nicht viel. Um das kleinere Übel der Hüsli-Pest – die Hässlichkeit – zu mildern, könnte man besser bauen. Die beliebte Reihe «Häuser des Jahres» führt uns nun wieder die «50 besten Einfamilienhäuser» vor. Was zeichnet sie aus? Originalität. Da werden uns nicht mehr nur die betont schlichten Flachdach-Kisten der Moderne vorgeführt. Will man kategorisieren, so gibt es die kargen, edlen Beton-Glas-Kuben, die schnörkellosen Häuschen mit spitzem Satteldach wie aus einer Kinderzeichnung entsprungen, kühne skulpturale Entwürfe, Holzkisten und Landhäuser, die an Scheunen erinnern.

Das neue Geschmacksbürgertum

Diese Vielfalt sei nur möglich, weil die heutigen Bauherrschaften Wissen, Geld und Selbstbewusstsein besässen, lässt sich die Einleitung des Buches von Jurymitglied Ulf Poschardt zusammenfassen. «Das Geschmacksbürgertum hat das Bildungsbürgertum abgelöst, und dieses hat neben jener Toleranz unterschiedlichsten Architektursprachen gegenüber auch einen Sinn für Show. Häuser bieten nicht nur Bühnen, sie dramatisieren den Alltag der Bewohner mit einer Menge Effekten. Neben der Kargheit der Gesten ist auch das Verschwenderische von Raum und Deckenhöhen ein Mittel in der Inszenierung.»

Eine Jury wählt die 50 Einfamilienhäuser aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus und vergibt auch Preise. Zwei der fünf ausgezeichneten Bauten stehen in der Schweiz: ein karges Betonskelett-Haus inmitten eines Rebberges im Rheintal, das andere oberhalb von Zumikon mit Blick in die Alpen. Eine verdichtete Bebauung verbiete hier in Zumikon das Baugesetz der Gemeinde, heisst es. Think Architecture aus Zürich hätten mit vier Hofhäusern eine Lösung gefunden, die das Land recht gut nutze und trotzdem Einfamilienhaus-Privatheit biete. Von Verdichtung ist sonst nicht mal ansatzweise etwas zu sehen. Die vorgestellten Einfamilienhäuser liegen kaum je in den Zentren, sondern luftig in der weiten Landschaft – am liebsten mit Berg- oder Seeblick.

Viel Platz braucht der Mensch

Die grosse Leere ist der neue Luxus – damit wird geworben und Geld gemacht. Ein Blick in Immobilienwerbungen belegt das deutlich: Turnhallen statt Wohnzimmer und Badezimmer gross wie Säle sind die Lockmittel.

Doch wie viel Platz braucht der Mensch? Immer mehr! Schon in den 1980er-Jahren bewohnte ein Mensch in der Schweiz durchschnittlich 34 m Wohnfläche, 2012 waren es gar 45 m. Und fast jeder zweite Haushalt besteht nur noch aus einer Person, wie das Bundesamt für Statistik auch ausweist. Die Zubetonierung der Schweiz ist also grösstenteils hausgemacht, man kann sie nicht so einfach den Zuzügern in die Schuhe schieben.

Für die 50 besten Häuser sind Wohnfläche und Bewohnerzahl ausgewiesen. Das reicht von einigermassen durchschnittlichen 140 m Wohnfläche für 4 Personen bis zu 170 m für einen oder gar bis zu unglaublichen 920 m für zwei Menschen.

Nach der Lektüre des Buches fragt man sich: Warum beschränkt sich die Wahl der besten Häuser ausgerechnet auf Einfamilienhäuser? Kann ein architektonisch gelungenes Hüsli, kann ein Solitär den Eindruck eines ganzen Quartiers aufmöbeln? Und wie kann man rechtfertigen, dass für diese individuellen Wohnträume die Landschaft aller zugebaut wird?

Häuser des Jahres Callwey 2014.
274 S., Fr. 79.–.