Vorsichtig nähert sich der Bisonbulle im fünf Hektaren grossen Gelände der zwei Meter hohen Umzäunung. Sie ist zusätzlich noch mit Elektrodrähten versehen. Doppelte Sicherheit ist angebracht, denn der Bisonbulle ist das grösste Landsäugetier Nordamerikas. Mit einem Gewicht von rund einer Tonne und einer Schulterhöhe um 1,70 Meter ist und bleibt er ein Wildtier mit gewaltigen Kräften. Für Markus Dettwiler, Landwirt auf dem Hofgut Farnsburg im Baselbiet, ist die Bisonzucht Hobby und Leidenschaft zugleich. Ohne seine wertschöpfenden Betriebsstandbeine wie die tierfreundliche Galloway-Rinder- und Schweinezucht und die Haltung von Pensionskühen, wäre seine Passion kaum umzusetzen.

Vorsichtig streckt Dettwiler dem neugierigen jungen Bullen ein hartes Brotstück entgegen. Ruckartige Kopfbewegungen des Paarhufers und schnaubende Geräusche folgen, bis die Zunge zupackt. «Es braucht die Akzeptanz, dass es ein Wildtier ist, und man muss die ausgesandten Körpersignale lesen können», sagt der erfahrene Bisonzüchter und erzählt von einer gefährlichen Begegnung: «An einem schönen Wintertag mit einem halben Meter Neuschnee zog es mich auf die Weide, um meine Tiere zu fotografieren. Ich war rund 50 Meter von einem Muttertier mit Kalb entfernt und plötzlich sah ich nur noch Hörner im Schnee auf mich zukommen.» Sein grosses Glück war, dass er nahe an einem Nussbaum stand. «Der Baum rettete wohl mein Leben, denn das aufgebrachte Tier verfolgte mich mehrere Runden um den Baum, bis es zu seinem Jungtier zurückkehrte.»

Tiere aus dem Zoo

Seit bald 30 Jahren weiden Bisons in der Schweiz. Die Zahl der Betriebe, die diese wiederkäuenden Paarhufer halten, stagniert seit vielen Jahren bei 13. Neben zwei Grossbauern, die um die 150 bis 200 Tiere auf ihren Weiden beim Flughafen Genf und bei Avenches halten, schwanken die anderen Herdenbestände zwischen 10 und 25 Tieren. Schweizweit sind es rund 550 Bisons. Markus Dettwiler gehört zu den Pionieren der Schweizer Bisonzucht. Inzwischen interessieren sich mehr Landwirte für die Tiere. Immer wieder fragen sie bei Dettwiler nach. Doch wenn die fehlende Rendite zur Sprache kommt, winken sie ab.

Bison zu halten, rechnet sich nur mit einer Herde um die 200 Tiere. Doch dafür braucht es grosse Landreserven. Das Bundesamt für Veterinärwesen verlangt für die ersten fünf Tiere mindestens 500 m² Aussengehege und für jedes weitere Tier zusätzliche 80 m². Weiter braucht es einen Witterungsschutz, Trenn- und Absperrmöglichkeiten, einen Malbaum, geeignete Böden zur Abnützung der Klauen und eine Suhle. Dazu verlangt der Bund eine Ausbildung für Wildtierhalter. Die zur Schlachtung vorgesehenen Tiere müssen durch einen Veterinär begutachtet und durch einen Jäger oder Wildhüter auf der Weide erlegt werden. Bei einem Lebendgewicht von 500 Kilogramm verbleiben nach der Schlachtung etwa 150 bis 180 Kilogramm Fleisch. Der geringe Fettanteil und der tiefe Cholesteringehalt führen zu einer grossen Nachfrage. Wohl bewegt sich der Verkaufspreis um einen Drittel höher als beim Rindfleisch, doch es sind ebenfalls die höheren Haltungskosten in Betracht zu ziehen. Dazu erfolgt das Wachstum der Bisons wesentlich langsamer als beim Rindvieh, sodass gut drei bis vier Jahre bis zur Schlachtung vergehen.

Markus Dettwiler lässt sich davon nicht abschrecken. Er ist während seines Gesellenjahrs auf die Bisons gekommen. Als junger Landwirt arbeitete Dettwiler 1982 auf Farmen im Euroraum und in Übersee, so auch auf einer Bisonfarm in den Vereinigten Staaten. «Ich war fasziniert von diesem Wildtier mit seiner urtümlichen Ausstrahlung. Von da an wollte ich unbedingt Bisons auf unserem Hofgut Farnsburg halten», schwärmt er noch heute. In den USA lernte er ebenfalls seinen Freund Laurent Girardet aus Collex-Bossy bei Genf kennen, der 1990 den Wunsch bei sich zu Hause in die Tat umsetzen konnte. Zusammen mit einem weiteren Jungbauern aus dem Jura konnten die ersten Kälber aus einer belgischen Zucht importiert werden.

Aus genetischen Gründen, um Inzucht zu verhindern, erfolgte dann 1993 der Import von sechs Stierkälbern aus den USA. Ein grosser administrativer Aufwand war nötig, bis die Tiere zuerst nach Paris und dann nach Genf geflogen wurden und anschliessend per Lastwagen auf die drei Höfe verteilt werden konnten. Denn in der Zwischenzeit hatten sich auch Markus Dettwiler und seine Frau entschieden, Bisons zu züchten. Nach umfangreichen Abklärungen konnten Tiere aus dem Basler und Zürcher Zoo erworben werden.

Kritik der Züchter

Eine Bisonzucht zieht immer wieder Besucher an. Auch unterhalb der Farnsburg in Ormalingen profitiert der gleichnamige Landgasthof davon. «Ein riesiger Bison-Bauernhof im Jura mit Erlebnisgastronomie, der hätte eine erfolgreiche Zukunft», ist Markus Dettwiler, Gründungsmitglied der «Swiss Bison Association», überzeugt. Seit Beginn 1997 ist Laurent Girardet deren Präsident. Ein- bis zweimal im Jahr tauschen sich die 13 Züchter wie amerikanische Präriebauern aus und überwinden oft auf Englisch den Röstigraben. Dass keine Sömmerungsbeiträge ausgerichtet werden, Bisons als Wildtiere gelten und Tierwohlbeiträge mit nur 80 statt 190 Franken wie bei Kühen mit regelmässigem Auslauf gezahlt werden, findet Präsident Girardet ungerecht. Immer wieder hat er in Bern bei Politikern interveniert. «Leider wird die Bisonzucht von der Schweizer Landwirtschaftspolitik nicht gefördert», fügt er etwas resigniert hinzu. Eine statistische Auswertung zum importierten Bisonfleisch ist nicht möglich. Dies, weil Bisons in der Schweiz laut Bundesamt für Landwirtschaft Wildtiere sind; die eidgenössische Zollverwaltung ordnet hingegen importiertes Bisonfleisch aus den USA und Kanada dem Rindfleisch zu.

Die kleine Bisonherde kommt näher. Nicht nur der Bulle, sondern auch die um die Hälfte kleineren Muttertiere knabbern an den Brotstücken. Die Rangordnung in der Herde ist ersichtlich, die erfahrenste Kuh steht an erster Stelle. Ein friedliches Bild, doch der Schein kann täuschen.