Gefährlicher Alpaufzug

Wenn 71 Rinder auf die Mettmenalp steigen, schwitzen nicht nur die Tiere

Gefährlicher Alpaufzug: Hier schwitzen Mensch und Tier

Ganz schön steil: Mensch und Tier kraxeln auf die Mettmenalp.

Echte Alpaufzüge sind kein Happening für Touristen. Sie sind Knochenarbeit und nicht selten gefährlich.

Das Problem ist nicht mal so sehr der Regen, der den Weg tags zuvor glitschig gemacht hat. Auch der Nebel stört nicht. Willis Problem ist, dass hier 71 Rinder aus 16 verschiedenen Bauernhöfen verteilt in den Stauden am Hang stehen. Willi ist der Rinderhirt. Er hat die gemischte Herde die vergangenen Wochen im Niderental im Kanton Glarus gehütet. Heute gehts hinauf zur Hochalp auf 1800 Metern über Meer. Die Tiere kennen Willi und folgen. Aber alleine hat er jetzt keine Chance. Wohl machen mal die einen Schritte in die richtige Richtung, aber gleichzeitig stapfen an einem anderen Ort ein paar wieder in die Stauden hinaus.

Gut, kommt Verstärkung aus dem Tal. Ein Mann mit zwei Buben. Und mit der Seilbahn kommen Senn Franz (37), Sennin Lisa, die drei Söhne, Küher Hans und Zusennin Anita von der Alp herunter, um zu helfen. Sie halten oben schon 50 Milchkühe und einige Mutterkühe mit ihren Kälbern, die sie vor zwei Wochen hinaufgetrieben haben.

Anfang Juli sind die Teenager an der Reihe. Stämmiges Fleisch-Braunvieh, leichteres Milch-Braunvieh, sportliche hellbraune Jersey-Rinder und ein paar pelzige Schottische Hochlandrinder. Zwischen einem und drei Jahren alt. Die jüngsten kennen nur Stall und Weide, jetzt sollen sie einen steilen Weg 500 Höhenmeter hinaufklettern. Zickzack führt er neben Felswänden auf die Mettmen-alp. Stellenweise besteht er aus handgesetzten Steinrippen, die gegen 100 Jahre alt sein müssen, dann wieder führt er über Fels. Nur so wird verhindert, dass die 800 Paarhufe der zweihundert Tiere, die jährlich einmal rauf und runter trampeln, den Hang nicht erodieren lassen.

Die Klauen leiden

Los gehts! Die Treiber schwingen die Stöcke und beginnen zu rufen, jeder mit eigenen Silben, Hauptsache energisch und lauter als das Glockengebimmel. Die Hufe stampfen bergwärts. Es lasten viel Muskeln und Knochen auf diesen Füssen, die jetzt Halt zwischen Steinen und Morast suchen. Das sehe man den Klauen oben manchmal an, sagt Franz. Es gibt Risse und Verletzungen.

Plötzlich sackt das Hinterteil einer Kuh zwischen Stauden und Steinbrocken ab, sie kann sich gerade noch auffangen. Vor der kleinen Holzbrücke über den Bergbach bleiben die jungen Rinder verunsichert stehen. Wenn bloss keines runter springt. Willi redet ihnen gut zu.

«Ich bin froh, wenn alle heil oben sind», sagt Franz, «dieser Weg ist anspruchsvoll. Und jetzt mit den Rindern da hoch, davor habe ich immer am meisten Respekt.» Sie sind schneller und ungestümer unterwegs als die Kühe. Franz kennt die Horror-Geschichten von anderen steilen Alpaufzügen. Auch die Geschichte von dem Senn, an dem vorbei fünf Kühe die Felswand hinunterflogen. Selber hat er im Aufstieg noch nie ein Tier verloren, obwohl mal eines fiel und sich überschlug. «Es stand zum Glück unverletzt wieder auf», erzählt Franz.

Zu Beginn des Alpsommers kennen sich die Teenager zu wenig. Auch das ist heikel. Ein Jersey-Rind beginnt immer wieder eine Rangelei mit anderen und drängt sie dabei an den Wegrand, wo der Abgrund lauert. Die gefährlichsten Stellen, zum Beispiel in den Kurven, sind mit Holzzäunen gesichert, aber meist ist es nur ein Kuhdraht, der die Rinder lenken soll.

Jetzt hechtet Kuhhirt Hans die Böschung hinunter. Ein Rind ist vom Weg ab und in steiles Gelände geraten. Hans schwingt den Stock, er kann es wieder hinaufjagen. Geröll springt in die Tiefe. Er selbst zieht sich an Wurzeln hinauf. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Senn oben bemerkt, dass unterwegs zwischen den Tannen ein Tier übersehen wurde.

Aber nun wird das Gelände richtig steil und die Rinder scheren nicht mehr aus. Eine lange Kolonne von schwitzenden Tierleibern zieht unter der Seilbahn Kies–Mettmenalp die engen Serpentinen hinauf. Einem Schottischen Hochlandrind hängt die Zunge zum Hals raus, es hechelt wie ein Hund. Es ist klein und kräftig, aber das dicke Fell macht ihm zu schaffen. Auch die schweren Fleischrinder haben Mühe, je steiler es wird. Die Flanken heben und senken sich, sie atmen schwer. Den Treibern gehts nicht anders, Schweisstropfen rinnen. Ihre Rufe werden weniger. Die Nebelluft ist schwer vom Tierschweiss und warm. Aber wir sind noch lange nicht oben, immer neue Tannen tauchen über uns aus dem Nebel auf.

«Wir brauchen zahme Tiere»

«Wenn eines gar nicht mehr mag, geben wir ihm Traubenzucker», sagt Franz. Halfter hat er auch dabei, wenns denn gar nicht mehr ginge und er ein Tier über Nacht an einem Baum festbinden müsste.

Wenn ein Rind nicht mehr vorwärts will, versuchen es die Treiber zuerst mit Stockhieben. Aber es ist eine Gratwanderung: «Wir brauchen auf der Alp zahme Tiere», sagt Franz, «wir wollen sie also nicht scheu machen mit dem Stock. Denn wenn eines lahmt, streichen wir auf der Weide Salbe aufs Bein und können es nicht wie unten im Tal einfach in den Stall treiben.» Auch sonst muss der Hirte täglich so nahe ans Rind herankommen können, dass er es streicheln und schauen kann, ob ihm nichts fehlt.

Da liegt plötzlich ein Baumstamm quer über dem Weg. Der morsche Baum muss vergangene Nacht nach dem Regen umgefallen und über den Weg gerutscht sein. Für die Rinder bleibt nur ein schmaler Wegrest, um zu passieren. Die Kolonne stockt. Die Treiber rufen. Dann gehts langsam, wie bei einem schwer beladenen Zug, wieder obsi.

Die schweren Fleischrinder und die Ochsen stecken mehr Hiebe ein, als die sportlichen Tiere. Andere folgen treu mit der Schnauze an der Seite der Treiber. «Ich nehme nicht von jedem Bauernhof Tiere», sagt Franz. «Wenn der Hof zu gross ist und die Rinder kaum Kontakt mit Menschen haben, wird es für uns auf der Alp schwierig.»

Aus dem Zürcher Oberland, dem Appenzellerland, dem Toggenburg und natürlich dem Glarnerland hat er Tiere. 80 sind seine eigenen. Von manchen Bauern sinds nur zwei. Warum? Die Erklärung hat damit zu tun, warum Bauern überhaupt Tiere auf die Alp geben: Sie können das Vieh gratis in die «Sommerferien» geben, während im Tal mehr Gras für den Winter bleibt. Ein Bauer kann so mehr Tiere halten. De facto gratis ist der Alpaufenthalt, weil der Bund dem Bauern das Taggeld vergütet, welche dieser dem Senn bezahlen muss. Ein zweijähriges Rind kostet beispielsweise 2.20 Franken pro Tag, ein Kalb 1.30 Franken.

Ein Rind blutet am Hinterbein

Kein fetter Lohn für Franz und sein Team. Franz hat inzwischen zusammen mit den letzten Rindern den Alpboden erreicht. Ein Rind blutet am Hinterbein – es muss sich an einem Fels bei einem Fehltritt geschnitten haben. Anita, die Zusennin, stellt ihm nach und sprüht Desinfektionsspray auf die Wunde. Fast wärs nicht gelungen – das Rind ist noch nicht zahm genug.

Zum Schluss kommen die sechs Kälber oben an, zusammen mit den Kindern. Der jüngste, erst drei Jahre alt, ist Franz’ Sohn. Ein Traubenzucker, nein lieber zwei, braucht jetzt er.

Bei den Erwachsenen macht der Flachmann die Runde: ein Schluck Kräuterschnaps zum Anstossen auf einen Aufzug ohne gravierende Zwischenfälle. Dann treiben die beiden jungen Männer, Rinderhirt Willi und Küher Hans, die Herde 100 Höhenmeter höher zu den Rinderweiden. Franz bleibt mit der Familie und der Zusennin in der Alphütte, wo er käst und wo die Kühe stationiert sind. Die Rinder hingegen werden später im Sommer noch höher getrieben, bis 2300 Meter über Meer – und dann wieder runter. Dann hat sich unten das Gras erholt und die Tiere können zum zweiten Mal weiden.

Ein Alpsommer umfasst rund 100 Tage – wenn der Sommer nicht zu trocken wird und der Schnee nicht zu früh kommt, dauert er bis Ende September. Es kann noch viel passieren – auch nach dem Aufzug. Die Faustregel besagt: Zwei Prozent der Tiere kommen verletzt oder tot zurück. «Es passiert jedes Jahr was», sagt Franz, «ein Tier versteigt sich, eins bricht sich den Fuss … ein Kalb ist mal auf der Weide auf einen Steinblock gestiegen, kaum zwei Tische hoch, runtergefallen und hat sich das Genick gebrochen.» Niederschmetternd sei das, ein Tier tot auf der Weide zu finden. Nicht immer findet er raus, woran es gestorben ist. Die toten und die verletzten Tiere werden ausgeflogen, über tausend sind es schweizweit jährlich. Wie jenes letztes Jahr, das sich einen Muskelriss zugezogen hatte.

Fitte Kühe, gesunde Milch

Der Alpsommer bringt zwar Gefahren, aber er tut dem Vieh gut. «Sie werden fit», sagt Franz, «und fressen gesunde Kräuter. Alpmilch hat mehr von den wertvollen Omega-3-Fettsäuren.» Rinder auf der Alp nehmen zwar langsamer zu als die Kollegen im Tal, aber wenn sie wieder unten sind, holen sie mit einem kompensatorischen Wachstumsschub wieder auf: Sie kommen sozusagen als höhentrainierte Sportler zurück. «Wenn sie weniger schnell fett werden, sind sie auch fruchtbarer», sagt Franz, «denn die Gebärmutter verfettet nicht.»

In der Alphütte machen Teller mit Alpkäse und Fleisch die Runde. Hans kommt mit dem Quad-Motorrad von der oberen Alp zurück und greift ebenfalls zu. Ihre Produkte werden sie im Sommer auch den Wanderern verkaufen und dem nahen Berghotel. Ein wichtiger Zustupf in einem Geschäft, das nur durch Direktzahlungen rentiert. «Aber würden wir hier nicht mehr hochkommen, wären die Alpweiden bald verbuscht», sagt Franz. Es ist sein neunter Sommer hier oben.

Hoch sind sie ohne Brimborium und Folklore. Aber für den Weg ins Tal wird Lisa im September aus Herbstblumen Schmuck für die Tiere fertigen. Und statt T-Shirts werden die Älpler eine weisse Sennenkutte tragen. «Zuerst sagen immer alle, vorne marschieren sei ihnen nicht wichtig», sagt Lisa. «Aber wenn wir dann losgehen, ist es doch besonders.» Auch der kommende Alpabzug wird etwas Besonderes sein. Die Rinder werden zügig absteigen, die trächtigen Kühe vorsichtig. Die Störenfriede werden entdeckt sein, die Leitkühe auserkoren. Ein Alpsommer schweisst zusammen, Mensch und Tier. Gegen das Unvorhersehbare.

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