Kolumne
Liebe Männer, saubere Hände sind nicht unter eurer Würde

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Wie man Männer (nicht) dazu bringt, sich die Hände zu waschen.

Maria Brehmer
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«Nein, das ist kein Vorurteil. Männer stehen einfach nicht aufs Händewaschen.»

«Nein, das ist kein Vorurteil. Männer stehen einfach nicht aufs Händewaschen.»

Foto: Sandra Ardizzone

Du Grüsel! Dachte ich, als er seine Finger auf meine Lippen legte. Sie berührten mich kaum, so behutsam war er, dennoch roch ich sofort: An diese Hände kam lange keine Seife mehr.

Sie rochen nach fettiger Pizza, metallisch, sauer. Ungewaschen eben.

Männer stehen einfach nicht aufs Händewaschen

Als ich mich wegdrehte, versuchte ich zu lächeln, obwohl ich mich ekelte. Und als ich ihn später bat, meine Haut in Zukunft nur noch mit sauberen Händen anzufassen, war es mir peinlich. Umsonst. Er wusch sich auch künftig nicht öfter die Hände, wir waren nicht lange zusammen.

Ein paar flüchtige Männerbekanntschaften, feste Freunde und etliche Diskussionen über Handhygiene später weiss ich: Viele Männer stehen einfach nicht aufs Händewaschen.

Und bevor Sie jetzt Ihre desinfizierten Hände in die Höhe werfen und «Immer diese Vorurteile!» rufen: Dass Männer seltener zu Wasser und Seife greifen als Frauen, bestätigt einmal mehr eine erst kürzlich veröffentlichte Studie der University of Cambridge.

In der Rolle der Hygienebeauftragten fühlte ich mich nie wohl

Mit der Studie wollte man herausfinden, ob neben biologischen Faktoren auch verhaltensspezifische Unterschiede als Ursache in Frage kommen, warum Männer öfter an Covid-19 erkranken als Frauen. Heraus kam, dass Männer länderübergreifend tatsächlich weniger Wert auf Hand­hygiene legen als Frauen. Unter anderem, weil sie Corona als geringeres Gesundheits­risiko einstufen.

Um etwas klarzustellen: Ich sehe auch Frauen, die es mit der Hand­hygiene nicht so genau nehmen. Hin und wieder beobachte ich auf ­Damentoiletten, wie man aus der WC-Kabine direkt zurück an den Restauranttisch geht – ohne Zwischenhalt am Waschbecken.

Auch wenn ich mich in der Rolle der ­Hygienebeauftragten nie wohlfühlte: Ich wies auch schon Freundinnen darauf hin, sich doch bitte die Hände zu waschen, bevor wir gemeinsam zu kochen beginnen.

Das nennst du sauber?

Und meine Flirts bat ich, wenn immer nötig, sie möchten sich vor dem Austausch von Zärtlichkeiten bitte die Hände reinigen. Die Reaktionen waren fast ausnahmslos die gleichen: stöhn, ächz, dann 3-sekündiges Wasser­platschen, oft ohne Seife, dafür mit genervtem Gesichtsausdruck. Wenn ich dann noch nachlegte, dass man das nicht wirklich gewaschen nennen könne, machte ich mich vollends zur Mutterfigur – und ihn hässig.

Viele Männer hätten Mühe, Schwäche zu zeigen. Dazu gehöre auch, überhaupt die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, krank werden zu können, kommentiert eine Geschlechterforscherin die Cambridge-Studie.

Keimfrei ist nicht würdelos

Doch ob Männer nun durch das Vermeiden von Händewaschen ihre eigene Verletzlichkeit verdrängen, keimfreie Körperzonen als unter ihrer Würde betrachten oder schlicht zu faul sind dazu, ist mir eigentlich egal.

Dass einige Männer (und mit Sicherheit viele Frauen) auch nach Monaten der Pandemie nicht bereit dazu sind, sich regelmässig gründlich die Hände zu waschen, macht nachdenklich. Denn jetzt geht es nicht mehr nur um meine individuelle Vorliebe (Männer mit sauberen Händen sind sexy und befreien mich von der Mutterrolle), sondern ums kollektive Wohl.