Drogen

Mit Alice auf den Trip ins Wunderland: Die Hippie-Droge LSD spaltet seit 75 Jahren die Geister

LSD-Entdecker Albert Hofmann: «Es hat mich gerufen, ich habe es nicht gesucht. Es ist zu mir gekommen, es hat sich gemeldet.»

LSD-Entdecker Albert Hofmann: «Es hat mich gerufen, ich habe es nicht gesucht. Es ist zu mir gekommen, es hat sich gemeldet.»

Die Blumenkinder und die 68er-Bewegung priesen LSD für ihre wundersame, berauschende Wirkung. Heute soll die Droge helfen, psychische Krankheiten zu lindern. Erst diesen Monat haben Psychologen der Universität Zürich neue Resultate dazu veröffentlicht.

«Eine Pille macht dich grösser und eine macht dich klein . . .  Erinnere dich, was die Haselmaus gesagt hat, füttere deinen Kopf», sang Grace Slick von «Jefferson Airplane» am Woodstock Festival. Das Lied «White Rabbit» bezieht sich auf Lewis Carrolls Geschichte von Alice im Wunderland, aber auch auf einen Drogentrip.

Alice konnte sich durch Drinks grösser oder kleiner machen, fand mit einer Keksdose den Weg zu geheimnisvollen Veranstaltungen und war ständig auf der Jagd nach dem weissen Hasen.

Es war die optimale Vorlage für Grace Slick, um die Fantasiewelt eines Drogentrips zu erklären. Der Song war einer der ersten, die es trotz expliziten Drogenbezugs an der Zensur vorbei ins Radio schafften. Jim Morrison, der Frontman der Doors, sowie Janis Joplin und Jimi Hendrix waren weitere Musiker, welche die Jugend in ekstatische Zustände versetzten.

Als Rockmusiker packten sie die Fantasien, Visionen und Ängste ihrer Generation in Songs. Sie lebten das Motto: «Live fast, love hard, die young» vor. Tausende Hippies taten es ihnen gleich. Blumengeschmückt feierten sie, verbrannten Einberufungsbefehle für Vietnam und probierten die neu entdeckten Drogen aus.

Die 68er-Bewegung war geprägt von (Alp-)traumhaften Erfahrungen mit den wundersamen Pillen. Die Blumenkinder priesen LSD und andere sogenannt bewusstseinserweiternde Drogen, sie befreiten – wenigstens im Kopf und auf Zeit – von verrosteten gesellschaftlichen Normen und Zwängen.

Eine Droge als Heilmittel

Diesen Monat haben Psychologen der Universität Zürich neue Resultate dazu veröffentlicht. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass LSD in einer medizinisch-kontrollierten Umgebung sicher angewendet werden kann», sagt Studienleiterin Katrin Preller. «Doch um LSD in der Psychotherapie anzuwenden, müssen erst grössere Studien zur Wirksamkeit bei Patientengruppen durchgeführt werden.»

Die Idee, LSD gegen psychische Probleme einzusetzen, ist nicht neu. Der amerikanische Psychologe Timothy Leary hatte bereits in den Sechzigern behauptet, die Droge könne Psychosen verhindern. Er schockte die Gesellschaft, als er die psychedelische Droge als Heilmittel für eingefahrene Prägungen hochleben liess. Als Dozent an der Harvard-Universität gab er Studenten zu Studienzwecken die damals noch legale Droge ab. Er erklärte, dass LSD das Hirn «neu programmiere».

Dass die Droge unerwünschte Nebenwirkungen wie Panikattacken und psychotische Reaktionen auslösen konnte, tat seinem Enthusiasmus keinen Abbruch. Wichtig sei dabei vor allem, dass die Substanz zur richtigen Zeit und unter den richtigen Umständen eingenommen werde. Unter den Studenten wurden Learys LSD-Partys immer beliebter.

Einmal bestellte er, wie die «ZEIT» berichtete, in seiner Funktion als Harvard-Wissenschafter, hundert Gramm LSD bei Sandoz (heute Novartis). Der Pharmakonzern wurde stutzig ob der ungeheuren Bestellmenge. Sie hätte glatt für eine Million Trips gereicht. Nach einer Nachfrage beim Dekan der Universität wurde die Bestellung storniert. Der LSD-Papst wurde kritischer beobachtet und flog schliesslich von der Universität.

Einige Jahre später fand die Polizei zwei Joints in Learys Auto, dies brachte ihm zehn Jahre Haft ein. Doch er blieb nicht lange. Seine Flucht führte ihn 1971 in die Schweiz. Hierzulande waren die Behörden ein wenig ratlos, was mit dem geflüchteten Guru zu machen sei. «Wir haben weiss Gott genug Ärger mit dem Alkohol und dem Rauchen und brauchen gewiss nicht einen Rauschgiftprofessor in der Schweiz, der der Jugend den Rauschgiftkonsum aufschwatzen will», schrieb die sozialliberale Schweizer Zeitung «Tat».

Gleichzeitig betonten viele Sympathisanten die künstlerische und philosophische Bedeutung Learys. Sie sammelten Unterschriften, um seine Aufnahme in der Schweiz zu erwirken. Schliesslich wurde er nicht an die USA ausgeliefert, das gewünschte Asyl als politisch Verfolgter wurde ihm jedoch auch nicht gewährt. So verliess er die Schweiz in Richtung Osten.

Während seines Aufenthalts in der Schweiz traf Leary auch den Erfinder der hochgepriesenen Substanz: den Chemiker Albert Hofmann. Dieser war 1938 im Labor der Pharmafirma Sandoz in Basel auf die chemische Verbindung Lysergsäurediethylamid, die auch natürlich im Mutterkornpilz vorkommt, gestossen.

Über die Erfindung sagte er zur Zeitung «TAZ»: «Das LSD hat mich gerufen, ich habe es nicht gesucht. Es ist zu mir gekommen, es hat sich gemeldet.» Vor 75 Jahren, am 19. April 1943, nahm er die unbekannte Substanz ein und schrieb einen Bericht über seine Erfahrungen. Darin schildert er, wie er mit dem Velo und der Hilfe seiner Laborantin nach Hause fuhr. «Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen.»

Erst als der Rausch ausklang, habe er das «unerhörte Farben- und Formenspiel» geniessen können. Er habe damals das Fünffache der normalen Dosis eingenommen. Als Leary den Massenkonsum von LSD pries, stellte sich Hofmann entschieden dagegen. LSD müsse mit Vorsicht eingenommen werden, es sei keine Genussdroge.

Genuss – was sonst?

Die bewusstseinserweiternde Substanz fand dennoch viele Verehrer. Der Schriftsteller Aldous Huxley hatte 1953 in seinem Essay «The Doors of Perception» (Die Pforten der Wahrnehmung) bereits das später zum Modewort gewordene «psychedelisch» geprägt.

Allerdings nahm er Meskalin als Halluzinogen. Andy Warhol schuf viele seiner farbenfrohen Bilder unter LSD-Einfluss. Der Songtitel «Lucy in the Sky with Diamonds» von den Beatles spielte mit den Anfangsbuchstaben, John Lennon berief sich auf eine Kinderzeichnung und Zufall. Aber das «Sergeant Pepper»-Album ist drogenumnebelt.

Heute sieht man das mit dem Bewusstsein und seiner Erweiterung etwas anders. LSD wird von anderen Drogen, vor allem Muntermachern, verdrängt. Zuletzt sorgte LSD für Gesprächsstoff, als es von Techies im Silicon Valley als leistungsfördernde Substanz bei der Arbeit entdeckt wurde.

Beim sogenannten Microdosing nimmt der Konsument einen Zehntel oder Zwanzigstel der Dosis ein. Die Kleinst-Menge der psychedelischen Substanz führe dazu, dass man sich besser konzentrieren könne und die Kreativität steige, heisst es. Zu den möglichen Risiken oder Langzeit-Effekten gibt es noch keine Studien.

Anders bei den medizinischen Anwendungen: Mitte März veröffentlichten Psychologen der Universität Zürich neuste Ergebnisse ihrer Forschung, die den Effekt von LSD auf das Hirn untersuchte. Sie verabreichten Teilnehmern entweder ein Placebo oder LSD. Danach kommunizierten die Probanden mittels Augenbewegungen mit einer virtuellen Person.

Im Magnetresonanztomografen wurde die Gehirnaktivität beobachtet. «Die Gehirnregionen, die für die Unterscheidung zwischen der eigenen und anderen Personen wichtig sind, waren unter LSD weniger aktiv», sagt Katrin Preller. «Dadurch veränderte sich auch die soziale Interaktion.»

Die Wissenschafter konnten auch klären, welcher Rezeptor im Gehirn genau für dieses Phänomen verantwortlich ist. Das eröffnet neue Therapiewege für psychische Krankheiten: Beispielsweise könnte man bei einer schizophrenen Person diesen Rezeptor blockieren.

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