Christentum

Nachrichten vom Leben eines Wanderpredigers – der erste Ghostwriter von Jesus

Der Evangelist Markus aus dem Lorscher Evangeliar (um 810).

Der Evangelist Markus aus dem Lorscher Evangeliar (um 810).

Markus war der Autor des ältesten Evangeliums. Ein deutscher Theologe führt mit ihm ein Zwiegespräch über die Jahrhunderte: Wer war Jesus? Ein Buch gibt nun Aufschluss.

Das Christentum entsteht eindrucksvoll. Aus dem Gefolge eines galiläischen Wanderpredigers, analphabetischen Fischern und Handwerkern, wurde eine Weltreligion. Das für einen Beweis der «Wahrheit» dieser Lehre zu halten, wie man oft hört, ist aber falsch. Es passiert oder nicht, eine Religion entsteht nicht langsam.

Ein Aspekt ist besonders beeindruckend. Der Keim der Bewegung war keine Erfolgsgeschichte, die sozusagen viral ging, sondern ein Scheitern ohnegleichen. Der Retter der Welt starb einen elenden Tod am Kreuz. Diese besonders quälende und erniedrigende Todesart hatte die römische Besatzungsmacht als Strafe für Aufruhr und Sklavenaufstand vorgesehen.

Kein Autor der biblischen Schriften hat Jesus gekannt

Wie alles passiert ist, lässt sich schwer rekonstruieren, weil die Textquellen einiges später geschrieben wurden. Die Briefe von Paulus, dem grossen Missionar und Propagandisten, wurden ab dem Jahr 50, also 20 Jahre nach Jesu Tod, geschrieben. Paulus hat Jesus nicht persönlich gekannt, wohl aber Kontakt gehabt mit Zeitgenossen. Die Evangelisten, welche das Leben Jesu erzählen, schrieben wohl aus noch entfernteren Horizonten: Das vom Abfassungszeitpunkt her älteste Markus-Evangelium wird um 70 datiert, das Johannes-Evangelium stammt vom Ende des 1. Jahrhunderts.

Tintoretto (1519-1594): Die Evangelisten Markus (vorne) und Johannes.

Tintoretto (1519-1594): Die Evangelisten Markus (vorne) und Johannes.

Es gibt Versuche, die Datierungen zu hinterfragen. Ein Papyrus-Stücklein als Markusfragment zu identifizieren und in die 30er-Jahre – also unmittelbar nach dem Tod von Jesus – zu rücken, war einer der aufsehenerregenden Versuche in den letzten Jahren. Die meisten Bibelgelehrten betrachten den Versuch mittlerweile als verfehlt.

Markus, Matthäus und Lukas gelten als sogenannte Synoptiker, ihre Texte lassen sich parallel lesen, Lukas und Matthäus sollen sogar auf eine gemeinsame schriftliche Quelle mit prägnanten Jesus-Zitaten (die sogenannte Logienquelle Q) zurückgegriffen haben. Der Evangelist Johannes schrieb etwas Eigenständiges. In gewisser Hinsicht kann man das allerdings auch von Lukas sagen, ihn hält man für den Autor auch der Apostelgeschichte. Bereits mit der «Fortsetzung» aufzuwarten, ist natürlich etwas anderes als der Versuch, das Leben des Religionsstifters zu rekonstruieren.

Den «Ostergraben» schreibend überqueren

Früher war in der Geschichte des Urchristentums vom «Ostergraben» die Rede. Gemeint ist, dass vor dem Kreuzestod eine Geschichte erzählt werden kann von einer wachsenden Gefolgschaft, vom erfolgreichen Wirken eines – wenn auch wenig bekannten – Wanderpredigers aus Galiläa.

Die Geschichte musste, nachdem er am Kreuz gestorben war, umerzählt werden, um die Erfolgskontinuität zu garantieren. Die Bemerkungen von Jesus über seinen bevorstehenden Tod, welche die Evangelisten einfliessen liessen, seien genau diesem «Marketingeffekt» geschuldet.

Auf jeden Fall ist es für eine auch nur leise kritische Lektüre der Evangelien wichtig zu wissen, was die Beweggründe der Autoren waren. Sie waren mehr als nur Reporter, die erzählten, was geschehen war. Son- dern sie standen in einer Tradition, die einer Bewegung verpflichtet war. Und sie wussten das. Auch wenn ihnen nicht bis ins Letzte klar war, worin diese Tradition schliesslich bestehen sollte.

Warum hast du die Geschichte so und nicht anders erzählt?

«Jesus» auf dem Turiner Grabtuch (Negativaufnahme).

«Jesus» auf dem Turiner Grabtuch (Negativaufnahme).

Der Theologieprofessor Ralf Frisch schreibt ein fiktives Zwiegespräch mit dem Evangelisten Markus, «dem Mann, der Jesus erfand». Natürlich geht er im Text vorsichtiger vor als in der Schlagzeile. Die suggeriert: Hätte es Jesus nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen! Doch das ist nicht der Punkt. Die Evangelisten schrieben über einen Menschen, von dem ihre Leser wussten, dass es ihn gab. Natürlich war der Jesus ihrer Texte eine Figur, die sie sich zurechtlegten, aber er war keine Erfindung.

Dass dieser Mensch glaubte oder dass von ihm gesagt wurde, er sei «der Sohn Gottes», macht die Sache nicht einfacher. Die Theologie hat Jesus «vergöttlicht», er ist im Himmel, bei seinem «Vater».

Es gibt immer wieder Versuche, diesen Aussagen den Skandal zu nehmen. «Nicht so gemeint», nur «ein besonders tugendhafter Mensch» sei Jesus gewesen. Diese Ausflüchte ergreift Frisch nicht. Nicht dass er der Theologie folgen würde, aber Jesus war «ganz anders».

Eine Bewegung braucht einen Helden

Paulus, der erste christliche Theologe und deshalb auch der «erste Verräter» am Leben Jesu, kriegt sein Fett weg. Markus lässt durchblicken, dass ihm dieses Gebäude oder Gehäuse aus Begriffen nicht recht geheuer ist. Auch für Frisch hat die paulinische und andere Theologie den Zugang zum Leben von Jesus, wie er «wirklich» war, mehr verbaut als geöffnet.

Die Wirkung, die Jesus auf die Menschen hatte, die ihm folgten, zu Lebzeiten, aber auch später, war etwas Besonderes. Markus beginnt mit Wundern und Exorzismen, um dieses Besondere herauszustellen. Eine Bewegung, aus der etwas werden soll, braucht einen Helden.

Markus lässt vieles schweben

Aber erstaunlicherweise lässt Markus Raum auch für einen anderen Jesus. Das Fazit jenes römischen Hauptmanns, der allerhand erlebt haben dürfte, aber, als er unter dem Kreuz stand, sagte: «Ja, dieser Mensch war wirklich Gottes Sohn», nimmt er kommentarlos auf.

Oder die Frauen, denen er viel Platz einräumt. Aber sie lässt er nur wenig später wieder hängen. Sie finden zwar das leere Grab und einen weiss gekleideten jungen Mann, der ihnen sagt: «Er ist nicht hier. (...) er ist euch vorangegangen nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.» Das Evangelium endet: «Aber sie sagten niemandem etwas. Denn sie ängstigten sich nämlich.»

Markus lässt vieles schweben. Er zeigt Jesus den Wunderheiler, den Wundertäter, der Sturm und Wellen gebietet. Er zeigt Jesus als Einsamen, der im Gebirge oder in der Wüste betet. Und er zeigt den zweifelnden Jesus am Kreuz. Und für eine Stelle wie Mk 8,29: "Und ihr? Wer, sagt ihr, dass ich sei?", wäre er von Paulus auf der Stelle gefeuert worden.

Der Mann der Jesus erfand.

Der Mann der Jesus erfand.

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