Kolumne

«Papa & Papi»-Kolumne: Wir sind und bleiben alle Anfänger

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über das Weihnachtsfest, das Fest der Menschwerdung.

«Ihr habt ja Anfängerkinder!», hat uns eine Freundin einmal scherzhaft an den Kopf geworfen. Sie ist selber Mutter von Zwillingen und kennt naturgemäss eben nicht nur die exponentielle Freude, sondern auch die erhöhten Herausforderungen, die ein Doppelpack mit sich bringt. Sie hat ihre Augen konstant offen und ist immer nervös. Oder «With eyes completely open/But nervous all the same» wie es David Bowie in «Absolute Beginners» über das Abenteuer der Liebe singt.

Ja, wir haben Anfängerkinder, wenn wir mit anderen vergleichen: Schlaflose Nächte gab es bei uns so gut wie nie. Seit sie drei Monate alt sind, schlafen sie mit ganz wenigen Ausnahmen bis zu zwölf Stunden durch. Sie sind äusserst selten krank und gemäss ärztlichem Zwischenbericht auch in ihrer übrigen Entwicklung auf gutem Weg. Schon während der Schwangerschaft und bei der Geburt verlief alles frei von Komplikationen. Für all das sind wir jeden Tag über alle Massen dankbar. Aus unserem Freundeskreis wissen wir aus nächster Nähe, dass all dies nicht selbstverständlich ist. Eben: Anfängerkinder.

Und Anfänger sind wir als Eltern tatsächlich. Müssen es sein, ob wir wollen oder nicht. Denn nicht wir geben vor, was aus unseren Sprösslingen werden soll. Sie geben uns vor, wie wir zu werden haben. Das ist unsere tiefste Überzeugung: Wir haben keine Kinder zum Besitz, sondern wir sind als Eltern in eine Rolle geschlüpft, in der wir dafür Verantwortung tragen, dass unsere Kinder auf ihrem Weg individuell bestmöglich gefördert und gestützt werden, um immer mehr selber handelnd und urteilend am Leben teilnehmen zu können.

Weihnachten als Fest der «Menschwerdung» ist deshalb für mich vor allem ein Fest zum Wunder der Geburt. Damit meine ich nicht bloss, dass ein Organismus entsteht, sondern das, was damit seinen Anfang nimmt: ein Bewusstsein entsteht, ein Wille und eine neue und eigene Art und Weise, die Welt wahrzunehmen. «Der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei», konstatierte einst der nordafrikanische Theologe Augustin. Das Leben jedes Menschen ist ein Neubeginn, und in jeder seiner Handlungen spiegelt sich dieser Neubeginn. Denn mit jedem Handeln beginnt eine neue Reihe in der Zeit.

Hanna Arendt hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Menschen vor allem durch zwei Merkmale charakterisiert sind: Sie sind geboren und zwar als geborene Anfänger. Beides ist ihnen geschenkt: Durch die Geburt das eigene Leben und mit dem Anfangenkönnen die Freiheit, selber Anfängerinnen zu sein. Beides ruft zur Verantwortung für die Mitmenschen, die Mitgeschöpfe und die Welt. An Weihnachten feiern wir dieses Geschenk: Anfänger sein und bleiben zu dürfen und unsere Kinder auf dem Weg zu begleiten, selber freie und verantwortungsvolle Anfänger zu bleiben.

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