Rückblick
Millionen Leben gerettet: Die Masernimpfung ist eine der grössten Erfolgsgeschichten der Medizin

Die Geschichte der Masernimpfung zeigt, wie man eine gefährliche Krankheit in Schach hält. Auch Parallelen zu Sars-CoV-2 gibt es einige.

Roland Knauer
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Masernkind auf einer Farblithografie 1901.

Masernkind auf einer Farblithografie 1901.

Bild: F.E. Bilz, Leipzig

Viel besser kann eine Bilanz kaum ausfallen: Allein im 21. Jahrhundert hat die Impfung gegen Masern weit über 20 Millionen Tote auf dem Globus verhindert, während bisher kein einziger ­Todesfall durch die Impfung selbst nachgewiesen wurde. Offensichtlich kann dieses Vakzin einem gefährlichen Erreger und einer brutalen Geissel der Menschheit den Schrecken nehmen. Schliesslich sind Masern viel mehr als eine Kinderkrankheit, die noch ansteckender und kaum weniger gefährlich als Covid-19 ist. Und beide Infektionen bringen vielen Infizierten einen qualvollen Tod.

Wie sich das Virus auf den Färöer-Inseln verbreitete

Ein Blick auf die einsam zwischen Schottland, Norwegen und Island im Nord-Atlantik liegenden Färöer-Inseln zeigt, wie hart eine Masern-Epidemie zuschlagen kann – und erinnert durchaus an die Covid-19-Pandemie. Dort ging im Hauptort Torshavn am 28. März 1846 ein Tischler nach einer achttägigen Fahrt mit einem Segelschiff an Land. Kurz vor seiner Abreise aus ­Kopenhagen hatte der Mann einen ­Masernkranken besucht, und kurz nach seiner Ankunft auf den Färöern brannten ihm die Augen, er hustete und bekam Fieber. Am 3. April zeigten sich in seinem Gesicht rote Flecken, der Mann hatte die Masern auf die Inseln eingeschleppt.

Weil die damals verstreut auf 17 Inseln lebenden 7782 Einwohner nur ganz selten Kontakt mit dem Rest der Welt hatten, war der Tischler der erste Masernfall seit 65 Jahren. Der Mann selbst erholte sich rasch, vorher aber hatten ihn wenige Bekannte besucht, die sich ansteckten und das Virus ­danach über die Inseln verteilten.

Auf Bauernhöfen und in kleinen Dörfern auf den Färöer-Inseln konnten 1846 die Infektionswege der Masern aufgeklärt werden.

Auf Bauernhöfen und in kleinen Dörfern auf den Färöer-Inseln konnten 1846 die Infektionswege der Masern aufgeklärt werden.

Bild: akg-images

Als am 2. Juli 1846 der 26-jährige Arzt Peter Ludwig Panum eines dieser meist sehr einsamen Dörfer auf den ­Färöern besuchte, lagen von den hundert Einwohnern achtzig mit hohem Fieber und Masern im Bett. Weil an den oft mutterseelenallein in einem Fjord liegenden Bauernhöfen auf den Inseln nur extrem selten Nachbarn oder gar weiter weg lebende Insulaner vorbeikamen, erinnerten sich die Menschen dort hervorragend an alle ihre Besuche. Mit diesen Informationen konnte Panum daher die Geschichte der Epidemie nachverfolgen und entdeckte so die grundlegenden Mechanismen einer Masern-Infektion.

So ansteckend wie die Masern ist selbst Omikron nicht ganz

98 ältere Menschen erinnerten sich gut an die vorletzte Masern-Epidemie im Jahr 1781. Jeder von ihnen war damals selbst erkrankt und kein einziger von ihnen steckte sich 1846 bei der von einem Tischler eingeschleppten Epidemie an. Von den unter 65-Jährigen, die 1781 noch nicht geboren waren, aber steckten sich weit über 6000 Menschen und damit fast die gesamte ­Bevölkerung auf den Färöern an, viele von ihnen erlagen ihrer Krankheit. Offensichtlich schützt also eine frühere Infektion das restliche Leben lang ­zuverlässig vor Masern.

Wenige Tage, bevor sich die verräterischen Flecken auf der Haut zeigen, kann eine infizierte Person andere anstecken. Das macht Masern zu einer ähnlich heimtückischen Erkrankung wie Covid-19, bei der Infizierte ebenfalls ohne Symptome den Erreger übertragen können.

«Ein einziger mit Masern infizierter Mensch steckt durchschnittlich 12 bis 18 Gesunde an», fasst der Masernforscher Jürgen Schneider-Schaulies von der Universität Würzburg die heutigen Erkenntnisse zusammen. Die ­Masern sind damit sogar noch etwas ansteckender als die Omikron-Variante von Sars-Cov-2.

Ähnlich wie bei der Coronapandemie sterben auch bei einer Masern-Infektion vor allem vorgeschädigte Menschen. Bei Unterernährten fallen zum Beispiel bis zu zehn Prozent aller Infizierten der Krankheit zum Opfer, meldet die Weltgesundheitsorganisation WHO. In afrikanischen Ländern südlich der Sahara stirbt daher noch heute rund ein Prozent der Masern-Infizierten an ihrer Krankheit.

Aber auch bei vorher Gesunden enden Masern bisweilen tödlich: «Jeder tausendste Infizierte bekommt vier bis sieben Tage nach dem Auftreten des Hautausschlags eine Gehirn-Entzündung», fasst Jürgen Schneider-Schaulies die traurige Bilanz zusammen. Rund jeder fünfte Betroffene stirbt an dieser Gehirnentzündung, etliche der Überlebenden behalten bleibende Schäden.

Masernviren schwächen das Immunsystem nachhaltig

Zusätzlich infizieren Masern-Viren die Zellen des Immunsystems und schwächen so die Abwehrkräfte des Körpers. Daher sind Menschen kurz nach überstandener Krankheit erheblich anfälliger für Infektionen mit Bakterien und Viren. «Dabei bevorzugen die Erreger die Gedächtniszellen des Immunsystems», erklärt Jürgen Schneider-Schaulies.

Wenn die Infektion aber solche ­Gedächtniszellen ausschaltet, erinnert sich das Immunsystem nicht mehr an frühere Infektionen und kann die betroffenen Erreger nicht mehr zügig bekämpfen: Der Organismus droht den Kampf gegen Viren und Bakterien zu verlieren, gegen die er vor der Masern-Infektion gut gerüstet war. Auch an ­solchen Infektionen sterben daher noch etliche Betroffene.

Studien in diese Richtung gibts nun bei Sars-CoV-2: Forscher entdeckten, dass bei Long-Covid-Patienten gewisse sogenannt naive T- und B-Zellen fehlten, was negative Auswirkungen auf das Immunsystem haben kann.

Bei den Masern gibt es zudem eine SSPE genannte Spätfolge, bei der Masernviren im Gehirn überdauert haben und sich zwei bis 16 Jahre nach der Infektion dort wieder vermehren. Diese Krankheit ist relativ selten und tritt nur bei jeder zehntausendsten Infektion auf, während unter Fünfjährige dreimal häufiger betroffen sind.

Eine solche schwere Gehirnentzündung endet in einem qualvollen Tod, kündigt sich aber nur langsam an: Bei Schulkindern und jungen Erwachsenen fallen zunächst geistige Ausfälle auf, die Betroffenen scheitern plötzlich an Aufgaben, die sie vorher gut lösen konnten. «Im Gehirn werden bei einer SSPE mit der Zeit immer mehr Nervenzellen zerstört», erklärt Masern-Forscher Jürgen Schneider-Schaulies. Nach einiger Zeit führt der Schwund auch zu körperlichen Symptomen, Krämpfe schütteln die Betroffenen, ein geistiger und körperlicher Verfall beginnt.

Die oberen MRT-Bilder A + B sind von der Erstuntersuchung eines SSPE-Patienten. Auf den Bildern C +D ist drei Monate später ein deutlicher Rückgang des Hirngewebes sichtbar (schwarze Pfeile bei C).

Die oberen MRT-Bilder A + B sind von der Erstuntersuchung eines SSPE-Patienten. Auf den Bildern C +D ist drei Monate später ein deutlicher Rückgang des Hirngewebes sichtbar (schwarze Pfeile bei C).

Bild: PD/Wikimedia

Die Masern sind also kaum weniger gefährlich als Covid-19. Und beide Infektionen haben eine weitere Gemeinsamkeit: Es gibt einen sehr guten und zuverlässigen Impfstoff. Bei einer bereits in den 1960er-Jahren angewendeten Masernimpfung bereiten intakte, aber deutlich abgeschwächte Viren das Immunsystem eines Menschen ohne schwere Erkrankung auf eine Infektion vor. Die Covid-19-Vakzine verwenden dagegen nur die genetische Information für die markanten «Spikes» ­genannten Stachel auf der Oberfläche des Sars-CoV-2-Erregers.

Masern-Impfstoff verhindert auch später Todesfälle

Die Wirksamkeit der Masern-Vakzine wird bereits seit den 1960er-Jahren beobachtet und gilt als hervorragend: Starben vor der Zulassung der ersten Impfstoffe in den 1960er-Jahren jedes Jahr weltweit einige Millionen Menschen an Masern, sind es heute nur noch rund hunderttausend jährliche Masern-Tote, von denen die meisten nicht geimpft wurden.

Links in rot die Anzahl der Masernfälle in den USA, rechts in blau die Impfrate der Bevölkerung.

Links in rot die Anzahl der Masernfälle in den USA, rechts in blau die Impfrate der Bevölkerung.

Grafik: Julius Senegal / Wikimedia

Die Behörden in England und Wales, in Dänemark und in den USA registrieren nach Masern-Impfkampagnen jeweils ungefähr eine Halbierung der Todesfälle sogar durch Nicht-Masern-Infektionen: Denn nur die Infektion löscht das immunologische Gedächtnis, die Impfung mit den harmlosen ­Erregern tut das nicht.

Zwar gab es Behauptungen, dass Masern-Impfungen Autismus, entzündliche Darmerkrankungen, geistige Einschränkungen, Typ-1-Diabetes, Multiple Sklerose, Leukämien oder Asthma und Heuschnupfen auslösen können. Diese Überlegungen wurden aber alle oft sogar von mehreren ausführlichen Studien widerlegt.

Und auch an der Annahme, die abgeschwächten Impf-Viren könnten die tödliche Langzeitfolge SSPE auslösen, ist nichts dran: Es gab vereinzelte Fälle von SSPE bei Personen, bei denen die Impfung nicht angeschlagen hatte. Das passiert nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts nur in einem bis zwei Prozent aller Fälle. Jürgen Schneider-Schaulies erklärt:

«In allen diesen SSPE-Fällen wurde im Gehirn das normale Masern-Virus ­gefunden, kein einziges Mal gab es Hinweise auf das abgeschwächte Impf-Virus.»

Die Masernimpfung gilt daher ähnlich wie die Covid-19-Vakzine als einer der grössten Erfolge der modernen Naturwissenschaften.

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