Shutdown
Von Himmelsbrot und Bananenbrot: Besuch in der einzigen noch offenen Eventlocation, der Kirche

In der Shutdown-Eintönigkeit eines grauen Sonntags suchte die Autorin Abwechslung in der Kirche. Nach der Predigt denkt sie nun anders über Bananenbrot.

Sabine Kuster
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Eine Stunde lang Gemeinschaft in Echtzeit und 3D: Gottesdienst im Zürcher Grossmünster.

Eine Stunde lang Gemeinschaft in Echtzeit und 3D: Gottesdienst im Zürcher Grossmünster.

Bild: Gaëtan Bally/Keystone (24. Januar 2021)

Im Eisloch gebadet habe ich schon. Bananenbrot mag ich nicht. Und auf schon wieder spazieren habe ich an diesem Sonntag, an dem der Himmel oben die gleiche Farbe hat wie die Strasse unten, keine Lust. Da fällt mir ein, dass die Shutdown-Regeln für das Ausüben der politischen Rechte und der Religion Ausnahmen machen. Eine Corona-Demo ist mir zu verrückt und so fahre ich in Zürich zur einer der einzigen Eventlocations, die aktuell noch geöffnet sind: die Kirchen.

Die Strassen sind leer, selbst in der Grossstadt. Ich stelle mir vor, wie sich langsam Staub auf die teuren Kleider der Schaufensterpuppen an der Bahnhofstrasse und auf die Sitze im Lokal «Kaufleuten» setzt.

An einen Gottesdienst ins Grossmünster wollte ich schon lange, gegangen bin ich nie. Freunden aus dem Ausland habe ich nur immer mit Genuss die martialische Legende der beiden Heiligen Felix und Regula erzählt, die nach der Hinrichtung mit dem Kopf unter ihrem Arm den Hügel hoch gegangen seien. Wo sie zusammenbrachen laut Legende, liess Kaiser Karl der Grosse das Grossmünster errichten.

Der Sigrist kennt offenbar nur mich nicht

An der riesigen Bronze-Tür mit Bibelszenen begrüsst der Siegrist die Leute mit Vornamen. Ich merke, dass ich mich hätte anmelden sollen. Aber nachdem klar ist, dass das Kontingent von maximal 50 Kirchgängerinnen und Kirchgängern heute nicht ausgeschöpft wird, gibt mir der Siegrist eine Liste zum Eintragen und lässt mich ein.

Pfarrer Rüsch verteilt kleine Zöpfe nach dem Gottesdienst.

Pfarrer Rüsch verteilt kleine Zöpfe nach dem Gottesdienst.

(Bild: Sabine Kuster)

Ich setze mich zur weit verstreuten Gemeinde auf eine Bank. Vor der Pandemie hätten jeweils rund hundert Leute den Gottesdienst im Grossmünster besucht, schätzt Patrick Hess, Geschäftsführer der Altstadtkirchen. Je nach Anlass auch mehr. Nun werden die Gottesdienste gestreamt und archiviert, bis zu 500 Views kommen so zusammen. Die meisten Abrufe abends zur Spielfilmzeit.

Ich habe null Bock auf Bildschirm und Streaming. Unter mir knarrt die alte Kirchenbank, die Orgel dröhnt, eine Sängerin steht dort auch und singt. Jetzt und nur hier. «Wohl denen die da wandeln», spielt die Orgel, mitsingen ist verboten.

Bis zur Predigt ist die Stimmung gedämpft, nichts Party hier. Pfarrer Martin Rüsch wird später erklären, er sei nicht der Typ, der meine, immer «in Osterstimmung sein zu müssen» und er wolle im ersten Teil jenen, die mit Schwierigkeiten kommen, ein Ankommen ermöglichen.

Manche der Besucher kommen erst seit der Krise

Manche kämen nun nicht mehr zur Kirche, wegen dem Virus, andere kommen, die hat er noch nie gesehen vorher und sie kommen immer wieder. Wegen dem sakralen Raum? Den Gebeten? Der Musik? Der Predigt? Er weiss es nicht. Aber mehr Leute als früher würden sich nach dem Gottesdienst bedanken. «Ich denke, manche kommen aus einer existenziellen Not heraus. Die Belanglosigkeit, welche früher manchmal in der Kirche herrschte, ist weg.»

In der Predigt geht’s um Brot. Die Speisung der Fünftausend, das Hoffnungsbrot, das Himmelsbrot, das Brot des Lebens, Amen. Rüsch sagt von der Kanzel herab: «Entscheidend ist nicht das Brot, sondern wer das Brot gibt. Wir leben nicht von Vitaminen und Kalorien allein.» Ich denke an Bananenbrot, dass es geteilt wurde vor allem auf Social Media und wie sehr mir die Essen in Gesellschaft fehlen.

Jetzt kommt der Auszug der Israeliten aus Ägypten und die Geschichte mit dem Manna, das vom Himmel regnete, man aber sofort essen musste und nicht horten konnte, weil es sonst verdarb. Wir sollten Hoffnung haben in etwas gänzlich Unvertrautes, sagt er. Ohne die Pandemie zu erwähnen.

Die Pandemie ist kein Wink von Gott

Er wolle die Pandemie nicht kirchlich-moralisch aufladen, erklärt Rüsch später. Ich habe ihn auf die zehn Plagen angesprochen. Er mag diese Mahnfingergeschichte nicht, die erzählt, dass sich die Israeliten erst nach Krankheiten, Stechmücken, Hungersnot und Finsternis zum Auszug aus Ägypten bewegen liessen. «Einen positiven Aspekt sehe ich höchstens darin, dass man sich überlegen soll, ob man nach der Krise in die selbe Spur zurück kehren will, in der man vorher war.» Ein Auszug aus dem bisherigen Trott also?

Ich fühle mich ertappt, als Rüsch am Ende der Predigt sagt: «Wir feiern nicht um des Feierns Willen.» Doch nicht nur Eventlocation. Sonst falle man wieder auf den selben Boden am Montag. Es gehe nicht um kurzzeitige Wellness in der Kirche für sich allein, sondern um gesellschaftliche und soziale Relevanz. Das Brot sei zum Teilen da.

Abendmahl gibt es trotzdem keines, coronabedingt, sondern für jede und jeden einzeln beim Ausgang einen kleinen Zopf von Zürichs hipster Bäckerei. Viele wechseln noch ein paar Worte mit dem Pfarrer.

Dankbar um jedes Gespräch trotz Maske

Ich spreche eine Frau an, die nicht aussieht, als ob sie es eilig hätte nachhause zu kommen. 74 Jahre alt ist sie und geht seit 15 Jahren immer sonntags ins Grossmünster. «Das Wichtigste sind mir die Kontakte mit dem Kaffee danach und das Singen», sagt sie. Beides geht nicht mehr, aber sie ist froh um den wöchentlichen Fixpunkt. «Ich bin eigentlich gut vernetzt. Aber immer nur telefonieren ist einfach nicht das selbe», sagt sie und bedankt sich am Ende für das Gespräch. Gut habe es getan.

Eine letzte Kirchgängerin steh noch da und bittet um zehn Franken, sie sei grad «im Umbruch». Drüben beim Fraumünster zieht sich in grossen Abständen eine lange Schlange von Menschen über den Platz. Kaffee gibt es dort und ein weiterer Grund um das Haus zu verlassen heute.

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