Sonntagsgeschichte
Der verflixte siebte Tag: Wie der Sonntag wurde, was er heute ist

Revolutionäre und Fabrikbesitzer wollten ihn schon abschaffen, der Konsum bedroht ihn und wer hat den Sonntag jetzt eigentlich erfunden? Acht Sonntagsgeschichten.

Katja Fischer De Santi
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Der Familienausflug ersetzt heute den Kirchengang am Sonntag.

Der Familienausflug ersetzt heute den Kirchengang am Sonntag.

Melanie Duchene / KEYSTONE

Der kaiserliche Erfinder

Kopf der Kolossalstatue des römischen Kaiser Konstantin (306 bis 337)

Kopf der Kolossalstatue des römischen Kaiser Konstantin (306 bis 337)

Bild: Wikipedia

Die Karriere des Sonntags begann nicht mit der Bibel, sondern mit einem römischen Herrscher. Kaiser Konstantin hat am 7. März 321 ein Edikt erlassen, das den Sonntag für das gesamte Römische Reich zum Ruhetag erklärte. Davon, dass der Tag frei war, damit Christen die Messe besuchen konnten, war nicht die Rede. Konstantin soll viel eher den unbesiegten Sonnengott, sol invictus, geehrt haben wollen. Aber wohl ist ihm nicht entgangen, dass die immer zahlreicher werdenden Christen in seinem Reich den Sonntag als Feiertag entdeckt hatten.

Sabbat oder Sonntag?

Ein Junge liest die Torah.

Ein Junge liest die Torah.

Edelmar / E+

Die Christen behaupten, sie hätten den Sonntag erfunden. Stimmt nicht ganz, denn der Sonntag im Alten Testament ist ein Samstag, der jüdische Sabbat. «Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh (...) heisst es im Buch Exodus. Das hebräische Wort «schabat» bedeutet «aufhören», und zwar mit allem. Ausser mit dem Gedenken an Gott natürlich.

52-mal Auferstehung

Ein Fresco der Auferstehung Christi in der Carmelites Kirche in Dobling.

Ein Fresco der Auferstehung Christi in der Carmelites Kirche in Dobling.

Sedmak / iStockphoto

Die christlichen Kirchen haben den Sonntag nicht alleine erfunden, aber sie haben ihn mit Bedeutung gefüllt, und zwar reichlich. 52-mal im Jahr feiern die Christen am Sonntag die Auferweckung Jesu. Der Sonntag ist ihnen darum «heilig», in Abgrenzung, aber mit deutlicher Anlehnung an den jüdischen Sabbat am Samstag. Sie rechnen nicht nach dem Alten, sondern nach dem Neuen Testament, mit der Auferweckung Christi in seinem Grab, die an einem Sonntag geschehen sein soll.

Revolutionäre Abschaffung

Lenin wollte den Sonntag einst abschaffen.

Lenin wollte den Sonntag einst abschaffen.

Tatyana Zenkovich / EPA

Die französischen Revolutionäre wollten mit der Monarchie auch die Religion und den Sonntag abschaffen. Statt der Siebentagewoche wollten sie eine Zehntagewoche etablieren – mit nur einem Ruhetag. Die nun schier endlosen Arbeitswochen sorgten bald ebenso für Unmut wie der von oben verordnete neue Lebensrhythmus. Napoleon holte den Sonntag auch zackig wieder zurück ins Land. Auch der Versuch Lenins, seinem Volk 1930 statt des Sonntags einen gleitenden Ruhetag zu verordnen, scheiterte nach nur zwei Jahren.

144 Jahre arbeitsfrei

Der arbeitsfreie Sonntag musste hart erkämpft werden.

Der arbeitsfreie Sonntag musste hart erkämpft werden.

Images Ltd / Monkey Business

Unter die Räder kam der arbeitsfreie Sonntag mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Einerseits zwang die Verelendung viele dazu, am Sonntag ein Zubrot zu verdienen. Andererseits begannen Maschinen den Arbeitsrhythmus zu bestimmen. Die Öfen mussten heiss bleiben, Produktivität war alles. Es wurde durchgearbeitet, nicht selten 16 bis 18 Stunden am Tag. Der Kanton Glarus führt als erster 1858 das Verbot der Sonntagsarbeit ein. 1877 wurde das erste gesamtschweizerische Fabrikgesetz erlassen, seither gilt der Sonntag als arbeitsfrei.

Bloody Sunday

Blutiger Sonntag in Irland als Polizisten auf Demonstrierende schossen.

Blutiger Sonntag in Irland als Polizisten auf Demonstrierende schossen.

William L. Rukeyser / Hulton Archive

Sonntag ist nicht nur heiter und/oder heilig. Obwohl selbst in Kriegszeiten die Gefechte sonntags oft ruhten, gibt es in der Geschichte einige blutige Sonntage. Der berühmteste ist wohl der 30. Januar 1972, als bei einer Demonstration für Bürgerrechte und gegen die Internment-Politik Nordirlands in Londonderry Soldaten auf die Menge feuerten und dreizehn Demonstranten erschossen, darunter sieben Teenager. Das Lied «Sunday Bloody Sunday» von U2 bezieht sich auf dieses Trauma der Iren.

Verkaufsoffene Sonntage

Shopping am Sonntag ist in der Schweiz umstritten.

Shopping am Sonntag ist in der Schweiz umstritten.

Markus Scholz / dpa

Die Gewerkschaften und die Kirchen bilden in der Schweiz (noch) eine undurchdringliche Schutzmauer um den Sonntag als Ruhetag. Zwar versuchen liberale Kräfte und der Detailhandel immer wieder, die Ladenöffnungszeiten in den Sonntag auszuweiten, wie etwa in Italien. Doch das Volk lehnt längere Ladenöffnungszeiten regelmässig ab: Seit 2006 wurden neun von zehn Liberalisierungsvorlagen bachab geschickt. Vereinzelte, kantonal verkaufsoffene Sonntage sind der Kompromiss – und offene Tankstellenshops im ganzen Land.

Abstimmungssonntage

Sonntag ist in der Schweiz Abstimmungstag

Sonntag ist in der Schweiz Abstimmungstag

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Die Abstimmungssonntage gehören zur Schweiz wie die direkte Demokratie. Nach der Abstimmungswoche schliessen die Wahllokale sonntags um 12 Uhr, so konnte der Messe- und Urnengang ideal kombiniert werden. Auch in den meisten EU-Ländern wird sonntags gewählt. Doch es gibt Ausnahmen, denen der Sonntag zu heilig war für die profane Politik. So wird in Grossbritannien donnerstags gewählt, in Italien sonntags und montags, in den Niederlanden mittwochs, in den USA an einem Dienstag.

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