Spaghetti-Tour

Speed-Rekord am Monte-Rosa-Massiv: «Vom Ost- zum Westgipfel des Lyskamm sind wir gerannt»

Im Laufschritt fast über den ganzen Lyskamm: Alpinist Nicolas Hojac und Ausdauersportler Adrian Zurbrügg.

Im Laufschritt fast über den ganzen Lyskamm: Alpinist Nicolas Hojac und Ausdauersportler Adrian Zurbrügg.

Zwei junge Berner Oberländer haben die berühmte Spaghetti-Tour im Monte-Rosa-Massiv am 8. Juli um 56 Minuten schneller absolviert als Ueli Steck und Andy Steindl 2015. Dabei haben Nicolas Hojac und Adrian Zurbrügg auf dem Lyskamm noch mit anderen Alpinisten geplaudert – und davor keine einzige Tour zusammen gemacht.

Gewöhnliche Alpinisten übernachten auf der sogenannten Spaghetti-Tour drei oder vier mal in Hütten. Aber Nicolas Hojac und Adrian Zurbrügg sind keine gewöhnlichen Alpinisten. Der erste ist so spitzenmässig in den Bergen unterwegs, dass er davon leben kann. Der zweite ist Trail-Runner und hauptberuflich Landschaftsgärtner. Hojac und Zurbrügg sind die 29 Kilometer und knapp 4500 Höhenmeter von der Monte Rosa-Hütte bis zur Bergstation des Klein Matterhorn in nur 13 Stunden und 39 Minuten durchgeeilt.

Auf der Hinfahrt zum Interview sehe ich eine Meldung von zwei jungen Bergsteiger, die am Dom abgestürzt sind. Der eine schwer verletzt, der andere tot. Ich erzähle den beiden davon. So beginnt das Gespräch. Sie schauen betreten und wollen wissen, aus welchem Kanton sie waren. Man kenne sich oft unter Gleichaltrigen.

Sind schon Kollegen von Ihnen schwer verunglückt?

Beide: Ja, leider.

Adrian Zurbrügg: Es kann immer passieren. Gestern erzählte mir ein Kollege, der am Lauteraarhorn war, dass ein Felsbrocken einen Meter an ihm vorbei in die Tiefe gefallen sei. Er hörte nur das Zischen, dann war es wieder still.

Nicola Hojac, Spitzenbergesteiger

Nicola Hojac, Spitzenbergesteiger

Adrian Zurbrügg, Ausdauersportler und Alpinist

Adrian Zurbrügg, Ausdauersportler und Alpinist

Nicolas Hojac: Der Steinschlag wird mit dem Tauen des Permafrostes in Zukunft noch mehr zum Problem. Alles ist in Bewegung in den Bergen.

Zurbrügg: Wir starteten zu unserer Tour zum Beispiel schon um elf Uhr nachts um nicht in zu weichem Schnee gehen zu müssen tagsüber.

Die andere Gefahr ist, dass man, wenn man wie Sie in den Bergen noch einen Rekord aufstellen will, einen Geschwindigkeitsrekord machen muss.

Zurbrügg: Dadurch, dass wir schnell sind, setzen wir uns dem Steinschlag weniger aus.

Aber da alle Gipfel und Routen bezwungen sind, gibt es mehr Druck. Es kommt auf die Zeit an.

Hojac: Wenn wir schnell unterwegs sind, nehmen wir Routen in der Komfortzone. Die Spaghettitour war für uns sehr einfaches Gelände. So war es auch bei meiner Speed-Begehung mit Ueli Steck in der Eigernordwand 2015. Diese Kletterschwierigkeit hatten wir drauf. Sonst würde es tatsächlich gefährlich.

Zurbrügg: Meine Stärke war die Kondition. Nicolas ist viel besser im Klettern als ich. Beim Punto Giordani im Abstieg musste ich deshalb verlangsamen. Das war wichtig. Wir haben davor keine Tour gemeinsam gemacht, sondern nur ein paar kurze Trainings.

Wie haben Sie sich gefunden?

Zurbrügg: Über Social Media.

Hojac: Du hast mal jemanden für einen Trail-Lauf gesucht. Aber ich bin kein Läufer, ich hätte nicht mithalten können.

Waren Ihre verschiedenen Stärken sogar ein Vorteil?

Zurbrügg: Das ist möglich, wir haben uns jedenfalls gut ergänzt. Ich hätte mir keinen bessern Seilschaftspartner vorstellen können. Die Erdanziehungskraft ist zwar für beide gleich, aber ich musste das Tempo meinem Niveau anzupassen, als wir zum Beispiel über den Lyskamm rannten.

Den Lyskamm nennt man auch «Menschenfresser» – und Sie sind gerannt!

Zurbrügg: Vom Ost- zum Westgipfel sind wir gerannt, die Spur war gut. Aber auf dem eigentlichen Grat sind wir schnell gegangen. Es kommt am Lyskamm extrem auf die Verhältnisse an. Bei viel Neuschnee oder blankem Eis hätten wir auch zweieinhalb Stunden dafür brauchen können. Nun hatten wir 25 Minuten.

Hojac: Wir brauchten ideale Verhältnisse. Sonst hätten wir die Tour niemals in dieser Zeit geschafft und hätten uns wahrscheinlich öfters sichern müssen.

Ging es auch darum, den Rekord von Ueli Steck und Andy Steindl vor fünf Jahren zu unterbieten?

Ueli Steck und Andy Steindl 2015 bei der Speedbegehung auf der Spaghetti-Tour.

Ueli Steck und Andy Steindl 2015 bei der Speedbegehung auf der Spaghetti-Tour.

Hojac: Ja auch, aber es war nicht das primäre Ziel.

Zurbrügg: Es hätte auch ein anderer gewesen sein können, der die Messlatte gelegt hat. Dieses Ziel vor Augen zu haben war spannend. Von der Monte Rosa Hüttentüre bis zum Klein Matterhorn – der Rest ist klar.

Hojac: Wir waren sehr motiviert. Um 22 Uhr hatten wir gefrühstückt. Ich hatte beim Start noch einen vollen Bauch und musste Adi im ersten Aufstieg bitten etwas langsamer zu gehen.

Warum haben Sie die Tour nicht umgekehrt gemacht? Dann hätten Sie weniger Aufstieg gehabt.

Zurbrügg: Steck ist auch so gelaufen und generell macht man die Speedbegehungen aufstiegsorientiert. Ausserdem gab es eine Abseilstelle am Breithorn – in die andere Richtung hätte ich da eine fast überhängende Stelle klettern müssen. Unmöglich für mich.

Nicola Hojac im Abstieg von der Vincent-Pyramide noch im Morgengrauen.

Nicola Hojac im Abstieg von der Vincent-Pyramide noch im Morgengrauen.

Aber dort hatten Sie dann trotzdem einen Zwischenfall. Was ist passiert?

Hojac: Das Seil blieb hängen. Wir hatten eine spezielle Abseilvorrichtung, die hat sich verheddert, als wir unten waren. Wir wollten keine Zeit verlieren und haben das Seil zerschnitten.

Ich habe gelesen, das Seil sei nur 6 Millimeter dick gewesen. Eine bessere Wäscheleine.

Hojac: Das ist nicht Standard, aber irgendwo muss man optimieren. Und die meiste Zeit waren wir sowieso nicht angeseilt.

Zurbrügg: Wir hatten alles Material dabei, damit wir eine einfache Spaltenrettung durchführen konnten. Die Pflichtausrüstung – aber das absolute Minimum.

Hojac: Auf dem Gletscher waren wir angeseilt. Man weiss nie, wo eine Spalte ist. Auf den Graten hingegen hatten wir dasselbe Niveau. Angeseilt wären wir nicht sicherer unterwegs gewesen, im Gegenteil.

Sie waren eh zu schnell um einander halten zu können, wenn einer gestürzt wäre, oder?

Hojac: Kann sehr gut sein. Und es gibt die Gefahr, dass man einhängt und gerade wegen dem Seil stürzt.

Wäre es auch alleine gegangen?

Hojac: Vielleicht schon, aber mit mehr Risiko. Und es macht weniger Spass, es ist nicht das selbe Erlebnis. Wir konnten uns über unsere Tiefs motivieren und uns gegenseitig unterstützen.

Zurbrügg: Vielleicht wäre man sogar schneller. Aber ich persönlich würde nie alleine über den Gletscher.

Gemäss einem Post auf Facebook, Herr Hojac, waren Sie im Lockdown brav zuhause. Wie konnten Sie die Kondition halten?

Hojac: Ja, ich ging nicht mehr Bergsteigen, Gleitschirmfliegen oder auf Skitouren. Sondern nur noch aufs Rennvelo und zum Trail-Running. Im Nachhinein habe ich konditionell davon profitiert für die Speedbegehung.

Hojac und Zurbrügg auf dem Lyskamm.

Hojac und Zurbrügg auf dem Lyskamm.

Wie haben Sie sich akklimatisiert an die Höhe?

Hojac: Wir haben einmal in der Mönchsjochhüttte beim Jungfraujoch geschlafen. Das reicht eigentlich nicht und von dem her waren Ueli und Andy sicher besser akklimatisiert. Sie haben den Rekord aufgestellt, als Steck alle 4000er-der Alpen in 62 Tagen bestieg. Dafür war er aber sicher nicht so ausgeruht wie wir.

Ihr Plan ging gut auf – eine Woche später sind Sie zum ersten Mal Vater geworden, Herr Zurbrügg.

Zurbrügg: Ja, ich hab Nicolas gesagt, wenn meine Frau anruft, müssen wir halt umkehren. Auf der Tour hatte ich das Telefon an und hatte einmal einen Anruf drauf. Da schaute ich sofort, ob sie es war.

Welches war das extremere Erlebnis, die Tour oder die Geburt?

Zurbrügg: Für mich hat meine Frau – tut mir leid, Nicolas, wenn ich das jetzt so sage – unsere Leistung so richtig in den Schatten gestellt. Es ist etwas ganz anderes, aber sie hatte 24 Stunden lang gearbeitet und die Geburt war schwer.

Sie konnten nur daneben sitzen, statt mitrennen.

Zurbrügg: Ja, ich kam mir blöd vor. Einmal sagte ich, ich müsse aufs WC. Das stimmte nicht. Ich ging raus und heulte, weil ich so durch war. Am Breithorn war ich auch durch, aber anders.

Wie sind Sie ins Ziel gekommen?

Zurbrügg: Wir haben uns kurz davor am letzten Gipfel noch mal angeseilt. Ich war so k.o., das war sicherer.

Hojac: Es hat dort nochmals eine heikle Stelle.

Gab es ein Willkommenskommitee?

Hojac: Nein, gar nicht.

Zurbrügg: Es hat uns niemand erwartet und jene, die dort standen, dachten wohl wir spinnen, dass wir wegen einer Tour auf das Breithorn so kaputt seien.

Wie haben andere Seilschaften reagiert, denen Sie am Tag begegnet sind?

Hojac: Eine Seilschaft mit Bergführer sah uns auf dem Lyskamm kommen und fotografierte uns, weil wir so schnell unterwegs waren. Mit ihnen wechselten wir ein paar Worte.

Zurbrügg: An einer anderen Stelle machte eine Frau aus Schweden ein Foto. Sie kontaktierte uns später, als sie herausfand, was wir gemacht haben. Wie auch der Bergführer. Er fand, ohne das Gespräch hätten wir doch noch zwei, drei Minuten rausholen können. Aber so verbissen sind wir nicht.

Zurbrügg (l.) und Hojac (r.) vor ihrem Rekord unter dem Gornergrat auf dem Rotenboden.

Zurbrügg (l.) und Hojac (r.) vor ihrem Rekord unter dem Gornergrat auf dem Rotenboden.

Was kommt als nächstes?

Hojac: Eigentlich wäre ich mit Stephan Siegrist und Thomas Huber jetzt in Peru. Aber nun mache ich noch das eine oder andere in der Schweiz.

Herr Zurbrügg, geben Sie die Berge jetzt auf? Oder wie kann man mit einem Kind und neben der Arbeit Ihr Konditionsniveau halten?

Zurbrügg: Ich habe eine Frau, die selber bergbegeistert ist. Sie hat jetzt das Weisshorn und der Mont Blanc im Kopf.

Jetzt?

Zurbrügg: Wenn sie sich regeneriert hat und wieder fit ist. Und ich habe meine Projekte. Wir lassen uns Freiheiten. Ich muss nicht unbedingt mein Niveau halten, aber meine Leidenschaft. Das geht auch mit einem Kind.

Sie haben innert weniger Stunden 18 Viertausender gesammelt. Die 4000er gelten als Trophäen im Alpinismus – je mehr desto besser. Oder haben Sie andere Massstäbe?

Hojac: Das Erlebnis ist mir viel wichtiger als der Gipfel. Ich bin auch kein 4000er-Jäger. Mich interessieren die schwierigen Wände oder abgelegene Gebirge. Auch die Zeit ist am Ende ein Nebeneffekt – irgendwann ist immer einer schneller. Das hat schon Ueli Steck gesagt.

Denken Sie noch oft an Ueli Steck?

Hojac: Extrem viel. Besonders in der ersten Zeit nach seinem Tod 2017. Ich war seit 2013 viel mit ihm unterwegs gewesen. Am Anfang fragte ich mich, ob ich wirklich das Richtige mache, oder ob ich besser aufhören sollte. Aber es ist meine Leidenschaft und sie kommt von Herzen. Und ich versuche aus den Fehlern der anderen zu lernen.

Zurbrügg: Im Verwandtenkreis haben sie das Gefühl, dass ich mit dem Bébé ruhiger werde. Das kann sein. Aber ich werde nicht nur der Seepromenade in Thun nach joggen. Ich wollte schon vorher nicht ums Leben kommen. Die Sicherheit hat oberste Priorität. Wenn ich gesund bleibe und in Absprache mit meiner Frau werde ich mein Leben lang in die Berge gehen.

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