Treibhausgas
Nicht nur reduzieren, wir müssen auch CO2 aus der Atmosphäre rausnehmen – die ETH hat ausgerechnet, wie viel Potenzial das hätte

Bis ins Jahr 2050 will Europa klimaneutral werden. Das heisst, kumulativ 7,5 Milliarden Tonnen CO2 weniger emittieren. Um das Ziel zu erreichen, muss auch kompensiert werden. Zum Beispiel das CO2 abscheiden, wenn mit Biomasse Energie erzeugt wird. Ein Team der ETH Zürich hat das Potenzial berechnet.

Christoph Bopp
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KVA Josefstrasse 5, Zürich: Nicht nur Energie und Wärme erzeugen, sondern auch noch das CO2 abscheiden.

KVA Josefstrasse 5, Zürich: Nicht nur Energie und Wärme erzeugen, sondern auch noch das CO2 abscheiden.

Gatean Bally/Keystone

Bill Gates hat ein Buch geschrieben, wie wir mit der Klimakrise zurechtkommen können. Es ist ein sachliches, kenntnis­reiches Buch. Eine Formulierung bleibt dem Leser vor allem im Gedächtnis: «Welchen Plan haben Sie für Zement?» Denn die Menschheit wird auf jeden Fall weiterhin bauen müssen. Und dazu braucht man Beton und Stahl. Die Industrieproduktion (Zement, Stahl, Kunststoffe) macht mit 31 Prozent den Hauptanteil unserer CO2-Emissionen aus. Noch vor der Stromerzeugung (27 Prozent), der Landwirtschaft (10 Prozent) und dem Verkehr und Transport (16 Prozent).

Bill Gates sagt richtig: «So etwas wie CO2-freien Zement gibt es nämlich nicht.» Daraus folgt kristallklar: Wir können nicht alles mit Reduzieren schaffen, sondern müssen, wenn wir das Klimaziel erreichen wollen, auch darüber nachdenken, wie wir emittiertes CO2 wieder aus der Atmosphäre kriegen – oder im besten Fall nicht dorthin gelangen lassen.

Das wird nicht in allen Fällen direkt möglich sein. Aber man kann die Emissionen kompensieren. Das geschieht mit sogenannten Negativemissionstechnologien, die der Atmosphäre CO2 entziehen und an geeigneten Orten lagern.

Potenzial bei der Energieproduktion aus Biomasse

Forschende der ETH Zürich haben nun das Potenzial für eine dieser Technologien berechnet. Es handelt sich um die Gewinnung von Energie aus Biomasse bei gleichzeitiger Abscheidung des dabei entstehenden CO2 und seine Speicherung in einer geeigneten Lagerstätte. Die Abkürzung dafür heisst BECCS (bioenergy with carbon capture and storage).

«Die Technologien zur Abscheidung wären vorhanden», sagt Marco Mazzotti, Professor am Institut der ETH für Energie- und Verfahrenstechnik und Leiter der Studie. Eine grössere ­Herausforderung wäre der Transport des CO2 zu den Lagerstätten. Denn das Treibhausgas fällt in Europa ziemlich dezentral an. Die unterirdischen Lagerstätten sind an den Nordseeküsten vorgesehen. Ein Transportsystem (zum Beispiel mit Pipelines) existiert noch nicht. Lorenzo Rosa, Wissenschafter in Mazzottis Gruppe und Erstautor der Studie, sieht eine «grosse Herausforderung», die aber lösbar sei, wenn man bald mit der Erstellung beginne.

Papierindustrie und ­ Kehrichtverbrennung

Um welche Mengen geht es? Die ETH-Forscher kommen auf 200 Millionen Tonnen pro Jahr, wenn BECCS vollumfänglich genutzt würde. Das wären 5 Prozent der europäischen Emissionen von 2018. Bis 2050, wenn Europa CO2-neutral sein will, müssen kumulativ 7,5 Milliarden Tonnen CO2 reduziert werden. Allerdings wäre es auch herausfordernd, das gesamte Potenzial von BECCS zu realisieren, schreiben die Autoren. Am meisten biogenes CO2 entsteht in der Zellstoff- und Papierindustrie. In Schweden, Finnland und Portugel machen diese Emissionen bis zu 60 Prozent aus. In den Niederland, der Schweiz und Luxemburg stammen 55 Prozent aus Kehrichtverbrennungsanlagen.

Für die Schweiz berechnet die Studie ein BECCS-Potenzial von rund 6 Prozent. Einen Grossteil davon machen die Kehrichtverbrennungsanlagen aus. Sie verbrennen Müll und erzeugen Wärme und Elektrizität. Kommt noch CO2-Abscheidung hinzu, könnten sie «als wesentliche Negativemissionsanlagen dazu beitragen, den CO2-
Fussabdruck unserer Gesellschaft zu reduzieren», sagt Mazotti.

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