Trendmöbel
Immer beliebter: Wie es der Strandkorb vom Meer in den Garten schaffte

Die Weidensessel fristeten lange ein Schattendasein. Jetzt erleben sie eine Renaissance.

Christian Satorius
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Praktische Sitzgelegenheit: Auf der Ostseeinsel Rügen sind Strandkörbe seit jeher nicht wegzudenken. Dieses Bild entstand im Jahr 1954.

Praktische Sitzgelegenheit: Auf der Ostseeinsel Rügen sind Strandkörbe seit jeher nicht wegzudenken. Dieses Bild entstand im Jahr 1954.

Bild: Getty

Vor einigen Jahren sah es noch aus, als würden die Strandmuscheln den Strandkörben den Rang ablaufen. Heute aber sind Strandkörbe beliebter denn je, feiern gar eine Renaissance. Sie sind nicht nur am Badestrand, sondern auch im Garten oder auf dem Balkon zu sehen, ja vielleicht eines schönen Tages sogar im Wohnzimmer, wer weiss? So abwegig ist das nicht, denn genau dort standen sie schon einmal, und zwar vor einigen hundert Jahren – wenn auch unter anderem Namen.

Auf den Gemälden des flämischen Barocks (etwa Jacob Jordaens’ «Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen» von 1638) sind sie zu sehen: halb geschlossene, überdeckte Weidensessel; grosse Korbstühle, die in den alten Gemäuern einen gewissen Schutz vor der allgegenwärtigen Zugluft boten– zu einer Zeit, in der noch niemand an unsere hermetisch abgeriegelten Niedrigenergiehäuser dachte.

Der Ursprung der Strandkörbe: Früher boten sie drinnen Schutz vor Zugluft, wie auf diesem Gemälde von Jacob Jordaens.

Der Ursprung der Strandkörbe: Früher boten sie drinnen Schutz vor Zugluft, wie auf diesem Gemälde von Jacob Jordaens.

Bild: Privatsammlung

Am Strand dürften sie in der Regel wohl eher nicht zu finden gewesen sein, zumindest nicht derart massenhaft wie heute, meinen Historiker.

Das änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts, als der Tourismus zu boomen begann und die Seebäder immer zahlreicher wurden. Registrierte man 1830 nur gerade 3000 Touristen an der gesamten deutschen Ostseeküste und ebenso wenige an der Nordsee, so waren es fünfzig Jahre später schon doppelt so viele, 1906 allein auf Rügen 64422 Sommergäste.

Den Weidensessel in den Sand gesetzt

Nun war es zwar bis in die 1920er-Jahre hinein an den deutschen Stränden untersagt, sich in «unangemessener Bekleidung» am Strand zu zeigen oder gar in die Sonne zu legen, aber gesetzt hat man sich nach einem Strandspaziergang auch damals schon gerne – und selbstverständlich nicht einfach so in den Sand. Das wäre auch gar nicht so einfach gewesen, schliesslich flanierten die Herrschaften in voller Montur am Strand, also mit langem Rock und Sonnenschirmchen die Damen und die Männer im Anzug mit Stock und Hut. Der Ruf nach einer Sitzgelegenheit, die Schutz vor Wind und Sonne bot, wurde immer lauter, und was lag näher, als die guten alten überdeckten Weidensessel einfach in den Sand zu setzen?

Nachteilig wirkte sich allerdings der Preis der Strandkörbe aus, denn billig war diese Handwerkskunst damals nicht gerade. So waren die Sommerhungrigen denn auch begeistert, als sie in der Zeitung lesen konnten, dass Unternehmer wie etwa der Hof-Korbmacher Wilhelm Bartelmann Strandstühle zur Miete anboten.

Verschiedene Verbesserungen machten den Strandkorb im Laufe der Zeit immer beliebter: Sogenannte Halblieger kamen auf den Markt, gefolgt von Ganzliegern – Modelle also, die durch ein Abklappen des Korbrückteils das Liegen im Strandkorb ganz oder zumindest teilweise erlauben. Ein Ostseedesign mit eher geschwungenen, rundlicheren Formen bildete sich ebenso heraus wie ein ­typisches Nordseemodell mit gerader Linienführung.

Bis heute haben indes viele Neuerungen Einzug erhalten: Verstellbare Kopf- und Fussteile, Armlehnen, dicke bequeme Polsterungen, Nackenrollen, Lektüretaschen, Sonnenmarkisen – aktuelle Topmodelle warten gar mit eingebautem Kühlschrank und Stereoanlage auf, ja es gibt inzwischen sogar Strandkörbe für Hunde mit montiertem Futternapf. Auch bei den verwendeten Materialien hat sich einiges getan: Heute wird zumeist ein Kunststoffgeflecht an Stelle des traditionellen Rohrs verwendet.

Aber auch jetzt gibt es sie noch: die gute alte Handarbeit, die nur edelste Naturmaterialien verwendet, angefangen vom Naturrohrgeflecht über Baumwollmarkisen und rostfreien Stahl bis hin zu geölten Harthölzern. Das widerspiegelt sich natürlich im Preis: Mit ein paar hundert Franken ist es nicht getan, Spitzenmodelle mit allem Drum und Dran können locker vierstellige Summen verschlingen.

Aber gerade die ungeheure Vielfalt der Modelle und Materialien ist es, die den Strandkorb vor dem Untergang bewahrt hat. Die kleinen und leichten Strandmuscheln, die im Zuge des Trekking-Booms aufkamen, verdrängten ihn Ende des letzten Jahrhunderts immer häufiger von den Stränden, er galt gar als angestaubt und altmodisch. Doch die Zeiten änderten sich.

Urgemütlich – und doch wetterfest

Heute erfahren Naturmaterialien wieder eine besondere Wertschätzung, und auch so manche alte lieb gewor­dene Tradition lebt wieder auf. Eine recht neue Attraktion ist der soge­nannte Schlafstrandkorb, der an einigen Ost- und Nordseestränden zu ­finden ist.

Im gemachten Nest: Nordseetourismus bietet neuerdings Übernachtungen in Schlafstrandkörben an – Meerblick inklu­sive.

Im gemachten Nest: Nordseetourismus bietet neuerdings Übernachtungen in Schlafstrandkörben an – Meerblick inklu­sive.

Bild: tourismus.de

Touristen können in ihm ­direkt am Strand übernachten, urgemütlich und doch wetterfest. Das «eigentümlich bergende Sitzhäuschen», wie Thomas Mann den Strandkorb einmal nannte, ist zum Lifestyle­objekt geworden, und das weit über die Grenzen der Nord- und Ostsee hinaus. Auch in der Schweiz in gewissen Lidos ist er längst anzutreffen. Er steht sowohl heute als auch damals für deutsche Gemütlichkeit.

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