Verbrechen
Ein Mord aus Hass auf die Demokratie an Walther Rathenau

Revanchisten und Republik-Feinde ermordeten vor 100 Jahren den Aussenminister der Weimarer Republik Walther Rathenau. Die Attentäter aus dem rechten Lager wollten Deutschland zur Diktatur machen.

Christoph Bopp
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Der deutsche Aussenminister Walter Rathenau kurz vor seinem Tod im Jahr 1922 in Berlin.

Der deutsche Aussenminister Walter Rathenau kurz vor seinem Tod im Jahr 1922 in Berlin.

Bettmann

Der deutsche Aussenminister der Weimarer Republik hatte in seinem Auto sitzend keine Chance. Acht von neun Kugeln aus einer Maschinenpistole trafen ihn. Ein zweiter Attentäter warf noch eine Handgranate. Dann brauste der Wagen mit den Attentätern davon. Walther Rathenau lebte noch, aber die Erste Hilfe einer zufällig dabei stehenden Krankenschwester kam zu spät. Die Attentäter hatten dem Aussenminister aufgelauert, der am Morgen des 24. Juni 1922 von seinem Haus im Grunewald Berlin in sein Amt fahren wollte.

Demokratie-feindliche rechte Gruppierung

Was vor genau 100 Jahren geschah, erinnert heute an die kriegerische Bekämpfung des Demokratie-Prozesses in der Ukraine durch Russland. Inszeniert und gesteuert wurde die Mordserie damals durch eine rechte, demokratie- und republik-feindliche Gruppierung, die sich «OC» oder «Organisation Consul» nannte. Die Attentäter an Rathenau waren der 24-jährige Erwin Kern, Oberleutnant zur See AD, und der 26-jährige Hermann Fischer, Ingenieur und Leutnant aD, den Wagen steuerte der 21-jährige Student Ernst Werner Techow.

Flucht mit dem Fahrrad in Richtung München

Kern und Fischer blieben noch zwei Tage in Berlin und fuhren dann nach Rostock. In der Zwischenzeit hatte die Polizei allerdings die Fahndung intensiviert und mehrere Komplizen verhaftet. Die beiden Attentäter versuchten sich dann mit dem Fahrrad nach München durchzuschlagen, wurden aber auf Burg Saaleck bei Naumburg gestellt. Kern wurde, als er auf einen Polizisten anlegte, am Kopf getroffen, Fischer beging danach Selbstmord.

Gegründet und zeitweise geführt wurde die «Organisation Consul» vom Marineoffizier Hermann Ehrhardt (1881–1971). Kapitän Ehrhardt wollte sich 1918 nicht damit abfinden, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte. Wer ähnlich dachte und sich im Nachkriegsdeutschland nicht zurechtfand, konnte sich der Marine-Brigade Ehrhardt anschliessen. Das war eines der sogenannten Freikorps, illegale militärische Verbände, die im Baltikum oder in Oberschlesien wüteten, aber auch bei rechten Putschversuchen gegen die deutsche Regierung mitmachten und in linken Räterepubliken mit Gewalt «die Ordnung wiederherstellten».

Aus Feigheit wächst die Dolchstosslegende

Die Oberste Heeresleitung hatte sich im Herbst 1918 feige aus der Verantwortung gestohlen und liess die Politiker die Kapitulation vollziehen. Später sollte daraus gar die «Dolchstosslegende» gemacht werden. Der «im Felde unbesiegten Armee» sei von der Politik in der Heimat der Dolch in den Rücken gestossen worden. Zwar fern der Wahrheit, aber die Story war vielen Frustrierten hochwillkommen. Für die Folgen der Niederlage wurde jetzt die demokratische Regierung verantwortlich gemacht.

1920 sollten die Brigade Ehrhardt und andere Freikorpsverbände aufgelöst werden, weil die Siegermächte eine Reduktion der bewaffneten Kräfte Deutschlands auf 100000 Mann forderten. Die Brigade marschierte darauf im März in Berlin ein. Passiver Widerstand und Generalstreik vereitelten aber den Versuch, die Macht zu übernehmen mit diesem Kapp-Lüttwitz-Putsch.

Ehrhardts Truppe ging in den Untergrund und nannte sich «Operation Consul» (OC). Auf wen die Idee der Mordserie letztlich zurückging, blieb offen. Aber die Mörder und ihrer Unterstützer entstammten der OC. Der Terror sollte die linken Kräfte provozieren, die Unruhen würden nach bewährter Manier von den Freikorps brutal niedergeschlagen werden, worauf eine rechte Diktatur installiert werden könnte. Die Strategie ging nicht auf. Die Leute wehrten sich für die Republik und gingen für den toten Rathenau auf die Strasse. Was allerdings nicht verhinderte, dass die juristische Verfolgung der für das Attentat Verantwortlichen weitgehend erfolglos blieb.

Revanchismus und Hass auf die Demokratie

Abgesehen vom Wunsch nach einer Diktatur waren die Ziele und Motive der Rechtsextremen weitgehend diffus. Neben dem Revanchismus («Deutschland wieder gross machen») waren Hass auf die Demokratie und Statusverlust Triebkräfte. Viele Söhne von Mittelstandsfamilien hatten auf eine Karriere im Militär gehofft.

«Schlagt tot den Walther Rathenau, / die gottverdammte Judensau!» Die Zeilen wurden in Deutschland ohne Scham öffentlich gesungen. Das illustriert die Wut, welche mittlerweile grassierte. Die Niederlage, die Reparationen, die Arbeitslosigkeit – Beamten, Offiziere und Rentner konnten mittlerweile mit ihrem Einkommen ihren Status nicht mehr halten. Man brauchte einen Sündenbock.

Rathenau hatte vor dem Attentat auf den Polizeischutz verzichtet. Ein seltsamer Fatalismus hatte ihn ergriffen. Vielleicht hatte er eingesehen, dass sein lebenslanger Versuch, es doch noch in die führende Klasse Deutschlands zu schaffen, trotz aller Verbiegung und Selbstverleugnung erfolglos bleiben würde. Einflussreicher Industrieller, scharfsinniger Intellektueller und erfolgreicher Politiker war er geworden – aber er blieb doch der Jude.

Erfüllungspolitiker Rathenau

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte er die Rohstoffbeschaffung organisiert und damit die wirtschaftliche Kriegstüchtigkeit des Kaiserreichs entscheidend verbessert. Und als Aussenminister hatte er es dank guter Verbindungen geschafft, dass Deutschland wieder einen Platz an den Verhandlungstischen fand. Deutschland wieder respektabel und zu einem geachteten Partner in einer ausgebauten europäischen Wirtschaft zu machen, war sein Ziel. Dafür nannte man ihn einen «Erfüllungspolitiker». Und wahrscheinlich war es genau das, was die Rechten auf breiter Front auf jeden Fall nicht wollten: Dass Deutschland ein «normales Mitglied» der europäischen Staatengemeinschaft sein sollte.

Der Rathenau-Mord hatte bereits Vorläufer. Im August 1921 wurde zum Beispiel der frühere Finanzminister der Weimarer Republik Matthias Erzberger erschossen. Als Unterzeichner der Kapitulationsurkunde war er das Feindbild aller Rechten schlechthin.

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