Amtseinsetzung
Wieviel Pathos erträgt Amerika noch?

An der Inauguration von Joe Biden und Kamala Harris fehlten zwar die Massen aber an Pomp und Pathos wurde auch in diesen Zeiten nicht gegeizt. Dabei ging es vor allem um eines: Kontrolle.

Katja Fischer De Santi
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Königlicher Auftritt: Lady Gaga sang die Nationalhymne

Königlicher Auftritt: Lady Gaga sang die Nationalhymne

Bild: Andrew Harnik/EPA

Ihre Hände schienen einen Tanz aufführen zu wollen, ihre Stimme war so hell wie ihr Mantel gelb und ihre Worte klug gewählt. Die halbe Welt hörte am Mittwoch Amanda Gorman zu, wie sie, die 22-jährige Tochter einer alleinerziehenden Afroamerikanerin ein Gedicht vortrug. «The Hill We Climb» (Der Berg, den wir erklimmen) hat sie es genannt und es war wohl der pathetischste Moment einer Inaugurationsfeier, die an symbolhaften Momenten nicht gerade arm war.

Ein Fest wie für einen König, nicht für einen demokratischen Präsidenten

Die Amtseinsetzung des neuen US-Präsidenten, das ist in normalen Zeiten ein Massenspektakel, ein grosses Fest, eine Feier für Millionen und Milliarden. Die Welt schaut zu, wie die wichtigste Demokratie der Welt sich selbst feiert. Mit Pauken und Trompeten, Fahnen und Fanfaren. Eine Zeremonie von mehreren Stunden, akribisch geplant bis in jedes Detail. Für europäische Seelen war das immer von allem etwas zu viel. Zu viele Schwüre, auf zu dicke Bibeln, zu viele Fahnen und Gesänge. Ein Pomp wie für einen König oder gerne auch eine Königin aber nicht für einen Präsidenten, der doch dem Volk dienen sollte und nicht umgekehrt.

Aber dieses Jahr war und ist alles anders. Keine jubelnden Massen in ganz Washington, zu gefährlich – in jeglicher Hinsicht – dafür sah man Masken und Flaggen überall. Keine stolze Demokratie, die sich selbst fröhlich beweihräuchert, sondern ein verwundetes Land, das versucht mit einem letzten Rest Haltung seine Wunden zu lecken. Ein Land, das nach Hoffnung lechzt und neue Bilder braucht.

Feuerwerk statt grosser Ball am Abend des 20. Januars über dem Weissen Haus.

Feuerwerk statt grosser Ball am Abend des 20. Januars über dem Weissen Haus.

Bild: David J. Phillip/AP

Und zwar genau an jenem Ort, der zwei Wochen zuvor zum Mahnmal wurde für Chaos und Aufstand. Damals als eine aufgebrachte Meute von Trump-Anhängern das Capitol stürmten, verkleidet und brüllend, desorientiert und wütend. Bilder, die sich einbrannten. Bilder, die an dieser Inaugurationsfeier kollektiv überschrieben werden sollten. Kontrolle statt Chaos, Würde statt Gebrüll. Bunte Pluralität statt weisser Patriotismus. Dabei wurde kein Detail dem Zufall überlassen.

Nicht nur wegen der grassierenden Pandemie stand jeder Stuhl auf seinem markierten Platz, war jede Begrüssung so koordiniert, dass man sich als TV-Zuschauerin manchmal nicht sicher war, ob man gerade einer Trauer- oder Freudenfeier beiwohnte. Und auch warum einem des Öftern zum Weinen zumute war, lässt sich nicht eindeutig klären.

Für etwas Glamour sollten die beiden Sängerinnen Lady Gaga und Jennifer Lopez sorgen. Denn spätestens mit Barack Obamas Einführung 2009 wurde die Inauguration auch zum grossen Popevent. Die künftigen Präsidenten lassen die prominentesten Stars aus ihrer Gefolgschaft ein Ständchen singen. Donald Trump soll vor vier Jahren etwas Mühe gehabt haben ein adäquates Staraufgebot zusammenzustellen. Die Castingshow-Teilnehmerin Jackie Evancho trug dann für ihn die Nationalhymne vor.

Auch ein Popevent

Joe Biden hatte wohl die Qual der Wahl, wen er wählte, war aber wenig originell. Lady Gaga schritt in einem Kleid, das selbst schon aussah wie ein roter Teppich und einer goldenen Friedenstaube auf der Brust zum Mikrofon. Die Haare zum Zopf geflochten wie einst Julija Timoschenko, trug sie die Hymne mit so viel Gefühl vor, dass selbst Nicht-Amerikaner eine Hühnerhaut bekamen. Die Wahl Lady Gagas als Vorsängerin war so gut kalkuliert wie jene von Jennifer Lopez als musikalische Zweitbesetzung. Beide sind absolut massentaugliche, gestandene Künstlerinnen, die aber durchaus auch für Minderheiten wie die Latinos oder im Falle Lady Gagas die LGBTQ-Bewegung einstehen können.

Farblich abgestimmte Garderobe der Damen

Interessanter war da schon die Kleiderwahl der nichtsingenden Damen. Kamala Harris setzte mit ihrem Mantel und Kleid ein purpurnes Ausrufezeichen neben Joe Biden. Und die beiden ehemaligen First Ladies Michelle Obama und Hillary Clinton standen ihr in ihren violetten Roben Ton in Ton zur Seite. Kein Zufall, dass die Damen just jene Farbe wählten, die früher den Königen und Kaisern vorbehalten war.

Drei Schattierungen von Violett bei Kamala Harris, Michelle Obama und Hillary Clinton.

Drei Schattierungen von Violett bei Kamala Harris, Michelle Obama und Hillary Clinton.

Bild: Evan Vucci/AP

Die ganze Feier war der krampfhafte Versuch, in aussergewöhnlichen Zeiten die Rituale aufrechtzuerhalten. Vielleicht hätten es etwas weniger Pathos und Pomp auch getan, vielleicht hätte man keine Stars aufbieten und auch keine 10000 Flaggen wehen lassen müssen. Aber wir reden hier von den USA. Noch immer ein vergleichsweise junges Land, stark in Symbolen verhaftet, stets auf der Suche nach Einigkeit. «A nation that isn’t broken but simply unfinished», trug Amanda Gorman vor dem Capitol in ihrem sonnengelben Mantel vor. Und sie strahlte dabei eine Ruhe aus, die mehr Hoffnung schenkte als jede laut vorgesungene Hymne.