Gesundheit

Viele Erfindungen wurden als Wundermittel gepriesen – und dann ein Albtraum

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Viele Erfindungen wurden vorerst als «Segen für die Menschheit» gepriesen. Ihre dunkle Seite wurde erst später sichtbar.

«Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat.» (Gustav Kuschinsky, deutscher Pharmakologe, 1904–1992.) Das Bonmot gilt nicht nur für die Pharmakologie, wo schon die Werbung suggeriert, dass man «den Beipackzettel lesen oder den Arzt oder Apotheker fragen» soll. Dies, weil es eben ein «Heilmittel» sei.

Der bekannteste Fall dürfte der «Contergan»-Skandal sein. Das Beruhigungs- und Schlafmittel «Contergan» enthielt den Wirkstoff Thalidomid, der bei Ungeborenen schwere Schäden verursachte. Weil es als «bromfrei» angepriesen wurde – Brom war nicht beliebt, weil es zwar stark sedierte, aber auch starke Nebenwirkungen hatte –, wurde es deshalb von vielen Schwangeren eingenommen. Thalidomid wurde ausgiebig getestet, auch in Tierversuchen, und als unbedenklich eingestuft. Leider testete man nicht an schwangeren Mäusen, sodass die Wirkung, die der Wirkstoff auf den Embryo hatte, übersehen wurde. Es dauerte auch eine Weile, bis man den Zusammenhang der gehäuft auftretenden Fehlbildungen Neugeborener mit dem Beruhigungsmittel erkannte. Zuerst verdächtigte man Kernwaffenversuche.

Langzeitwirkungen zu erkennen, ist schwierig. Das zeigte sich auch beim Insektizid DDT. Man glaubte, damit die Menschheit von der Geissel durch von Insekten verbreiteten Infektionskrankheiten wie Malaria befreien zu können. Erst spät bemerkte man, dass es sich in Menschen und Tieren anreicherte. Die Biologin Rachel Carson wurde mit ihrem Buch «Silent Spring» berühmt, in dem sie die schädliche Wirkung von Pestiziden auf Vögel nachwies. Dies führte in den USA dazu, dass der Einsatz von DDT in der Landwirtschaft verboten werden sollte. Heute wird DDT nur noch sehr begrenzt und in kleiner Dosierung angewendet.

Die Menschheit ist durchaus in der Lage zu lernen. Bleihaltiges Benzin ist in vielen Ländern verboten. Besonders die Autoindustrie wurde durch die Öffentlichkeit gezwungen, «sauberere Fahrzeuge» herzustellen.

Viele Erfindungen litten an «Nebenwirkungen». So die Stickstoffsynthese, die einerseits Kunstdünger generierte und viele vor dem Hungertod bewahrte, andererseits aber der deutschen Sprengstoffindustrie überhaupt die Fortsetzung des Ersten Weltkriegs über die ersten Monate hinaus ermöglichte. Denn der künstliche Stickstoff ersetzte den Salpeter.

Manchmal werden auch Nebenwirkungen zur Hauptwirkung. So beim Wirkstoff «Sildenafil». Als Blutdrucksenker gedacht, war er wenig wirksam. Unter dem Namen «Viagra» dann in anderer Verwendung sehr erfolgreich.

Sechs Beispiele:

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Blei: Zwang hohe Bleikonzentration auch die Römer zu Boden?

Dass eine erhöhte Bleikonzentration im Körper extrem unerwünschte Folgen haben kann, sieht man in jedem Wildwestfilm. Allerdings kann Blei auch langsam und unmerklich in den Organismus gelangen. Blei wird zwar nur langsam aufgenommen, aber kaum mehr ausgeschieden und reichert sich im Körper an. Bleivergiftungen schädigen das Nervensystem und stören die Blutbildung. Sie führen zu Schäden im Magen-Darm-System und beeinträchtigen die Fortpflanzung.
Es gibt spektakuläre und weniger spektakuläre Bleivergiftungen. Weil Blei Farben zugesetzt wurde (Bleiweiss), erlitten mehrere Maler Bleivergiftungen. Lange diskutiert wurde, ob Blei verantwortlich war für den Niedergang des Römischen Reiches. Blei war präsent in den Trinkgefässen der Römer, sie verwendeten auch bleihaltige Süssmittel und die Schuld wurde auch dem vorwiegend aus Bleirohren bestehenden römischen Wasserversorgungssystem zugeschoben. Die Römer seien demnach an einer schleichenden Bleivergiftung zugrunde gegangen und hätten sich selbst durch das viele Blei unfruchtbar gemacht.
So abenteuerlich die These klingt, sie gilt mittlerweile als widerlegt. Zwar dürfte sich die Menschheit das Blei im Lauf der Geschichte mehrheitlich selbst zugefügt haben. Aber die Blei-Konzentrationen in den Knochen waren zu anderen Zeiten und an anderen Orten weit höher als in Rom. Auch die angeblich so «gesunden» Germanen, denen man den Rom-Untergang sonst gern in die Schuhe schob, hatten erhöhte Bleiwerte.

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Mercurochrom: Das rote Wundermittel für die Bubenknie

Wer von «früher» redet, als alles vielleicht nicht besser, aber sicher anders war, muss auch vom Mercurochrom reden. Keine Gamelle und kein Brotsack können ähnliche Erinnerungen auslösen wie diese rote Sauce. Man schmierte sie überall hin, wo auch nur ein bisschen Blut zu sehen war. Und das war (früher) oft der Fall, denn wie die Sonntagshose den Schmutz zogen die Knie den Boden magisch an. Auf Schrammen und Schrunden und auf Schürfungen wurde ohne Zaudern und Zögern Mercurochrom aufgetragen – vor dem Pfläschterli und mit einer Art gläsernem Spachtel.

Die Tinktur galt als hochdesinfizierend und tötete Keime in einer Wunde verlässlich ab. Bis sie vom Markt verschwand. Mercurochrome war eine dreiprozentige Lösung von Merbromin. Dieser Farbstoff enthält Quecksilber. Ob er wirklich derart desinfizierend wirkt, ist heute unter Ärzten umstritten. Früher war es Arznei Nummer 1 gegen Syphilis.

Nicht umstritten ist, dass Quecksilber für Mensch und Umwelt höchst gefährlich ist. Es führt zu schweren Vergiftungen mit Tremoranfällen (Zittern), Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten und Orientierungsstörungen. In schweren Fällen kann es zum Tod führen.

Quecksilber ist hochflüchtig. Das Metall ist bei Zimmertemperatur flüssig und verdampft auch langsam. Das Einatmen der Dämpfe kann zu Vergiftungen führen. Dauernd über die Nahrung eingenommen, kann Quecksilber ebenfalls vergiften (Minamata-Krankheit; nach dem Namen eines japanischen Dorfes, dessen Bewohner sich von Fischen ernährt hatten, in denen sich Quecksilber angereichert hatte.

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«Weichmacher»: Krebs im Gummistiefel

Seite 2013 lanciert die Umweltorganisation Greenpeace eine Kampagne, die sich gegen schädliche Stoffe in Kinderkleidern richtet. Regenjacken und andere Outdoorbekleidung verschiedener Hersteller enthalte zu viel an sogenannten Phthalaten sowie an Fluortelomeralkoholen (FTOH).

Sie gehören zu den «Weichmachern», die Kunststoffen beigefügt werden, damit sie bei Zimmertemperatur flexibel und geschmeidig werden.

Phthalate haben zum Teil hormonähnliche Wirkungen und könnten bei Männern zu Unfruchtbarkeit führen. Für die Entwicklung der Kinder dürften sie auch nachteilig sein. In Kinderspielzeug aus Plastik sind sie oft enthalten. Kinder kauen gern darauf herum und können sie so aufnehmen.

Auf Parking-Tickets und Quittungen von Supermärkten fand sich das verwandte Bisphenol A. Auch ihm und verwandten Substanzen wurde nachgewiesen, dass hormonähnliche Wirkungen auftreten könnten.

Naphthalin, das zu den Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) gehört, wurde in Konzentrationen in Kindergummistiefeln gefunden, die weit höher waren als der gesetzlich festgelegte Grenzwert (2,2 mg/kg anstatt 0,5 mg/kg). PAK könnte Krebs erzeugen.

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Aluminium: Schweiss verhindern, dafür Krebs und Alzheimer fördern?

Aluminiumsalze haben eine höchst erwünschte Eigenschaft: Sie ziehen die Schweissporen zusammen und verhindern so die lästigen Flecken unter den Achseln. Also finden sie sich in Deos aller Art: in Sprays, Rollern, Sticks und was es sonst noch gibt.

Leider hinterliessen diese Aluminiumsalze bereits 2012 in künstlich kultivierten menschlichen Brustzellen Spuren, wie man sie auch beim Brustkrebs-Vorstadium findet. Die Alu-Salze beschädigten die Zellen massiv. Mittlerweile ist die Wirkung auch bei Mäusen ohne Schweissflecken nachgewiesen (nicht die schweissverhindernde, die krebsauslösende). Aluminium ist aber auch ein Nervengift, das sich im Skelettsystem anreichert.

Ein Ersatzstoff mit ähnlicher Antitranspirantwirkung ist bislang nicht in Sicht. Man kann Deos verwenden, welche den Schweissgeruch überlagern.

Schönheit scheint ohnehin nicht gratis erhältlich zu sein. Schwermetalle überall (vor allem im Lippenstift und da am meisten im Lipgloss, der pflegend wirken soll). Blei ist auch reichlich vorhanden. Besonders gewarnt wird vor Stoffen, die unter dem Verdacht stehen, hormonähnlich zu wirken. Da treffen sich die Kinderkleider mit Kosmetika der Mutter: beide enthalten Phthalate.

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FCKW: Vom Kühlschrank in die Ozonschicht

Es war der grösste Triumph der Umweltpolitik – 1987 einigte sich die Weltgemeinschaft in Montreal darauf, die sogenannten Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) stark zu reduzieren, seit 1990 wurden sie verboten. Amerikanische Chemiker hatten in den 1970er-Jahren entdeckt, dass diese Gase in der Stratosphäre in Radikale zerlegt werden, welche die Ozonschicht beschädigen. Die Ozonschicht hält schädliche UV-Strahlung von der Erdoberfläche ab. 1985 hatte man bemerkt, dass sich die Ozonschicht abbaut (das Ozonloch) und recht schnell reagiert. Ersetzt wurden die FCKW durch FKW (Fluorkohlenwasserstoffe). Die sind aber sehr starke Treibhausgase und verschärfen das Klimaproblem. Seit 2016 will man jetzt auch von den FKW wegkommen.

Der US-Chemiker Thomas Midgley hatte mit den FCKW in den 1920er-, 1930er-Jahren einen Riesenerfolg. Er ersetzte die bisher explosiven oder giftigen Kühlmittel der Kühlschränke durch FCKW. Endlich war es möglich, Bier und Lebensmittel kühl zu halten, ohne dass man befürchten musste, dass einem der Kühlschrank um die Ohren fliegt.

Die Harmlosigkeit der FCKW für den Menschen bewies Midgley mittels Selbstversuch. Er atmete eine ganze Lunge voll ein. Andere Selbstversuche endeten weniger glimpflich. Ein Blei-Zusatz zum Benzin machte die Motoren klopffester. Die Bleidämpfe, die bei der Produktion entstanden, setzten den Erfinder nach einem Selbstversuch für mehr als ein Jahr ausser Gefecht.

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Asbest: Die «Wunderfaser», die in der Lunge zur Todesfaser wird

«Wunderfaser» nannte man Asbest, weil es nicht brannte, gut isolierte und leicht zu verarbeiten war. Man konnte die Silikatfasern mit Zement mischen und zu Platten und Schindeln formen. «Eternit» wurde 1900 patentiert, war das ideale Baumaterial für alle Zwecke und bald überall anzutreffen.

Zeitgleich mit der Eternit-Patentierung entdeckte man 1900 auch die Asbestose. Die kleinen Fasern gelangen eingeatmet in die Lunge und setzen sich auch wegen ihrer speziellen geometrischen Form in den Lungenbläschen (Alveolen) fest. Da Asbest auch weitgehend verwitterungs- und verrottungsfest ist, kann es vom Körper praktisch nicht abgebaut werden. Die Wahrscheinlichkeit, von Lungenkrebs befallen zu werden, steigt markant. Asbestfasern können auch das sogenannte Pleuramesotheliom auslösen, einen bösartigen Tumor im Rippen- und Bauchfell. Gefährlich werden die Fasern, wenn sie durch Abrieb oder bei der Verarbeitung (zersägen) in die Luft gelangen und dann eingeatmet werden.

In der Schweiz tat sich die Industrie schwer mit der Anerkennung von Krankheitsfällen durch Asbest. Es kann 15 bis 20 Jahre dauern, bis die Krankheit wirklich ausbricht. Erst 1990 wurde Asbest in der Schweiz verboten. Bis dahin waren viele Opfer nicht mehr am Leben.
Asbest wird trotzdem weiterhin eingesetzt. Allerdings achtet man darauf, dass die Baustoffe keine Fasern abgeben und der Asbestgehalt tief ist. Mittlerweile gibt es auch asbestfreies Eternit.

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