Gleichberechtigung

Vor einem Jahr streikten die Frauen – was hat sich seitdem verändert? Wir haben nachgefragt

© Annika Bangerter

Am 14. Juni 2019 gingen eine halbe Million Frauen auf die Strasse. Gemeinsam protestierten Bäuerinnen, Politikerinnen, Grossmüttern, Kinderbetreuerinnen, Aktivistinnen und Katholikinnen gegen Ungleichheit und forderten Respekt. So steht es heute um ihre Forderungen.

Junge Frauen hielten Schilder mit «alles, was du tust, kann ich menstruierend tun» in die Höhe, katholische Theologinnen stülpten sich einen pinkfarbenen Bischofshut über, Seniorinnen bliesen in Trillerpfeifen. Am 14. Juni 2019 verwandelte sich die Schweiz in eine Villa Kunterbunt. Am Frauenstreik wurden traditionelle Rollenbilder und geschlechtsspezifische Vorurteile von einer violetten Welle weggespült. Von Müttern mit ihren Töchtern, von Grossmüttern mit ihren Enkelinnen.

Im ganzen Land trafen sich Frauen zum Streik-Zmorge, kletterten auf Podien, tanzten, sangen – alles im Namen des Protests. Sie demonstrierten für Gleichberechtigung, Respekt, mehr Lohn. Und dies friedlich, kreativ, unbeirrt.

Was wurde aus ihren Forderungen? Viel zu wenig, aber die Frauen haben Ausdauer. Ein Rück- und Ausblick.

Bäuerinnen: «Nur 30 Prozent erhalten für ihre Arbeit auf dem Hof eine Entlöhnung und sind versichert.»

Bäuerin Lotti Baumann und Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes streiken gemeinsam in Aarau.

Bäuerin Lotti Baumann und Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes streiken gemeinsam in Aarau.

Am 14. Juni zog Lotti Baumann, Bäuerin aus Beinwil am See AG, ihre Tracht an und fuhr nach Aarau. Dort setzte sie sich auf den Boden. Ihrem Sitzstreik folgten rund 400 Teilnehmerinnen – die Hälfte davon Bäuerinnen und Landfrauen, wie Baumann schätzt.

Die meisten von ihnen setzten sich aus Solidarität und für einen besseren sozialen Schutz zu ihr. Auch Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes. Sie reiste aus dem Kanton Neuenburg an. «Nur 30 Prozent der Bäuerinnen erhalten für ihre Arbeit auf dem Hof eine Entlöhnung und sind versichert», sagt sie. Sie verfügen etwa über ein AHV-Konto und erhalten nach der Pensionierung eine eigene Rente. Existenziell wird dies im Fall der Scheidung.

Für eine bessere Absicherung der Bäuerinnen kämpft der Dachverband schon länger. «Seit dem Frauenstreik wird dieser Missstand in der Öffentlichkeit diskutiert. Insofern hat er uns einen Schritt weiter gebracht», sagt Challandes. Sie wartet auf die Diskussionen im Parlament zur künftigen Agrarpolitik (AP22+). Der Bundesrat verlangt in seinem Vorschlag, dass ab 2020 die mitarbeitenden Partnerinnen oder Partner sozial abgesichert sind. Sonst werden die Direktzahlungen gekürzt. Challandes:

Dem stimmt Lotti Baumann zu. Sie hätte im Anschluss an den Frauenstreik gern weitere Aktionen geplant. Ihre kantonale Sektion stellte aber rasch fest, dass dies nicht im Sinne der Mitglieder ist. Bereits vor einem Jahr lief die Mobilisierung für den Sitzstreik harzig: «Einige Landfrauen winkten ab mit der Bemerkung ‹wir haben es ja gut›, andere wollten nicht mitmachen, weil sie Probleme mit ihrem Mann bekommen hätten», sagt Baumann.

Auch Kritik prasselte auf sie ein: Der Streik würde Gräben aufreissen, wo doch auf den Höfen Teamarbeit herrsche. Baumann liess sich davon nicht beirren – und setzte sich in ihrer Tracht auf den Boden.

Kinderbetreuerinnen: «In Zürich ist eine ausgebildete Fachkraft neu bald für acht Kinder zuständig. Das ist viel zu viel.»

Am Frauenstreik in Bern protestierten bei der Kinderwagen-Demo Mütter und Kinderbetreuerinnen gemeinsam.

Am Frauenstreik in Bern protestierten bei der Kinderwagen-Demo Mütter und Kinderbetreuerinnen gemeinsam.

Kinderwagen rumpelten über Berner Pflastersteine, geschoben von Frauen, umrahmt von «Yes, we care»-Schildern. Das Ziel der Kinderwagen-Demo: Mütter und Kinderbetreuerinnen am Frauenstreik zusammenzubringen. «Beide wollen eine gute Betreuung der Kinder und eine Anerkennung ihrer Arbeit. Sei dies durch faire Löhne beim Fachpersonal oder durch eine Berücksichtigung der unentgeltlichen Care-Arbeit in den Sozialversicherungen», sagt Mitinitiantin Lina Gafner.

Die Kinderwagen-Demo war die Geburtsstunde einer neuen Bewegung namens «Eidgenössische Kommission dini Mueter» (EKdM). Die Gruppe lobbyiert für die bezahlte und unbezahlte Kinderbetreuung. Verknorzte Kommissionsarbeit ist nicht ihr Ding, ihre Forderungen platzieren sie ähnlich kreativ-lustvoll wie beim Frauenstreik.

Auch in politische Debatten mischt sich die EKdM ein: In ihrer Stellungnahme zur Elternzeit kritisiert sie, dass die Bedingungen für die Mütter nicht berücksichtigt worden seien. Gafner sagt:

Der Frauenstreik habe sie gelehrt, sich zu artikulieren und Netzwerke zu bilden. Etwa mit der Gruppe «Trotzphase», die sich für bessere Arbeitsbedingungen in den Kitas und Horten einsetzt. Konkret fordert sie: einen höheren Lohn für das Fachpersonal, einen tieferen Betreuungsschlüssel und eine verbesserte Qualitätssicherung der Kitas durch die Behörden.

«In Zürich ist eine ausgebildete Fachkraft neu bald für acht Kinder zuständig. Unterstützt eine Auszubildende oder Praktikantin sie, darf die Gruppe gar zwölf Kinder gross sein. Das ist viel zu viel», sagen zwei Sprecherinnen von der «Trotzphase». Vier Kinder pro Fachfrau seien realistisch, damit sie ihre Arbeit den Anforderungen entsprechend leisten könne.

Auch die «Trotzphase» trugen ihre Forderungen in den Frauenstreik. Er habe dazu geführt, dass ihre Anliegen häufiger diskutiert würden. Aber: «Bislang kam noch nichts dabei heraus.» Deshalb plant die Gruppe eigene Aktionen, etwa eine Demo im Herbst.

Katholikinnen: «Viele haben resigniert. Es sind nur noch wenige, die sich engagieren.»

Eine Bischöfin mit pinker Mitra: Am Frauenstreik funktioniert dies, in der römisch-katholischen Kirche nicht. Diese wehrt sich beharrlich gegen die Gleichberechtigung ihrer Theologinnen.

Eine Bischöfin mit pinker Mitra: Am Frauenstreik funktioniert dies, in der römisch-katholischen Kirche nicht. Diese wehrt sich beharrlich gegen die Gleichberechtigung ihrer Theologinnen.

«Gleichberechtigung. Punkt. Amen» –mit diesem Slogan zogen die Katholikinnen in den Frauenstreik. Es blieb nicht bei einem Tag; sie weiteten ihren «Frauenkirchenstreik» auf drei Tage aus. «In gut katholischer Manier», sagt Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes. Sie zog mit pinkfarbenen Ballons durch die Ostschweiz und setzte sich mit Mitstreiterinnen vor eine Kirche statt in den Gottesdienst. Die Botschaft: Die Frauen sind ausgeschlossen.

Katholikinnen kämpfen nicht erst seit dem Frauenstreik gegen die patriarchalen Strukturen ihrer Kirche. Curau erklärt:

Streikte drei Tage lang: Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes.

Streikte drei Tage lang: Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes.

Im vergangenen Jahr folgten diverse Kampagnen, einige davon sind Teil eines internationalen Netzwerks. Im Kern geht es um dasselbe: Die Frauen verlangen in der Kirche gleiche Würde und gleiche Rechte. Wer Curau zuhört, spürt viel Kampfgeist. Doch die Katholische Kirche sträubt sich gegen die Forderungen der Frauen. Seit Jahren.

Wie lange halten die Katholikinnen noch durch? «Viele haben resigniert. Es sind nur noch wenige, die sich engagieren. Mit verschiedenen Initiativen haben wir neue Hoffnungen geschürt. Wenn sie nicht fruchten, ist es für die Veränderungen wohl zu spät», sagt Curau.

Aktivistinnen: «Der Frauenstreik hat ein Netzwerk begründet, das bis heute schweizweit funktioniert.»

Der Demonstrationszug in Basel setzt sich in Bewegung. In der Innenstadt ist kein Durchkommen mehr.

Der Demonstrationszug in Basel setzt sich in Bewegung. In der Innenstadt ist kein Durchkommen mehr.

Unzählige Stunden sassen die Frauenstreikkomitees vor dem 14. Juni zusammen. Planten. Entwarfen Ideen. Organisierten. Mobilisierten. Dann kam der grosse Tag. Und danach? «Der Frauenstreik hat ein Netzwerk begründet, das bis heute schweizweit funktioniert. Fast alle Kantone sind vertreten. Wir sprechen uns ab, aber jede Region funktioniert autonom», sagt Natalie von Tscharner vom Basler Kollektiv. Im vergangenen Jahr stand sie am 14. Juni in der brennenden Sonne auf dem Theaterplatz. Frühmorgens noch fast allein, dann umrahmt von so vielen Frauen, dass es für die Trams in der Innenstadt keine Durchfahrt mehr gab.

Ein Jahr später habe sich der aktive Kreis der Initiantinnen verkleinert, und die gemeinsamen Treffen seien seltener geworden, sagt von Tscharner. In Teilgruppen würden Forderungen und Aktionen aber weiterhin organisiert. Im März hat etwa ein feministisches Festival stattgefunden. Und auf kantonaler Ebene sind politische Vorstösse geplant, unter anderem zur Care-Arbeit.

In Zürich ist das Frauenstreikkollektiv hingegen gewachsen, wie Mitinitiantin Salome Schaerer sagt.

Dazu gehört etwa die Gruppe «Ni una menos» (Nicht eine weniger), deren Mitglieder nach jedem Femizid in der Schweiz gegen Frauenmorde demonstrieren.

Seit dem vergangenen Dezember hat das Zürcher Kollektiv ein eigenes «Streikhaus» bezogen. «Insgesamt ist die Bewegung sehr breit aufgestellt. Auf Grund unterschiedlicher Hintergründe oder Meinungen könnte dies rasch zu Konflikten oder Spaltungen führen. Das ist nicht passiert. Der Frauenstreik hat uns vor Augen geführt, wie eng unsere Anliegen respektive Probleme verknüpft sind», sagt Schaerer.

Ruhiger soll es nur in diesem Jahr hergehen. Im 2021 – im Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts (50 Jahre) und 30 Jahre nach dem Frauenstreik von 1991 – wird erneut grösser mobilisiert.

GrossmütterRevolution: «Mich stört, dass Wirtschaft und Staat unsere Betreuungsarbeit als selbstverständlich erachten.»

Die «GrossmütterRevolution» besammelt sich. Die Gruppe nimmt in verschiedenen Städten am Frauenstreik teil.

Die «GrossmütterRevolution» besammelt sich. Die Gruppe nimmt in verschiedenen Städten am Frauenstreik teil.

Hätten sie am Frauenstreik alles, was sie loswerden möchten, auf ihr Transparent geschrieben, wäre es mindestens 20 Meter lang geworden. Das sagt Ruth Fries von der «GrossmütterRevolution». Deshalb marschierten die Seniorinnen hinter einem schlichten Banner auf dem «GrossmütterRevolution» stand. Ihre Meinung taten sie dennoch kund: Sie standen auf Podien, schnappten sich Megafone oder sangen.

Denn sie verlangen, dass die Betreuungsarbeit der Grosseltern gesehen und wertgeschätzt wird. Fries fordert:

Etwa in Form eines Steuerabzugs, in SBB-Fahrkarten oder Betreuungsgutschriften, die sich Seniorinnen im Fall einer späteren Hilfsbedürftigkeit anrechnen lassen können.

«Nicht die Familien sollen dafür aufkommen, sondern der Staat. Er profitiert von höheren Steuern, wenn Mütter arbeiten», sagt Fries. Hochrechnungen zeigten, dass das Hüten durch die Grosseltern einer Betreuungsleistung von 8,1 Milliarden Franken pro Jahr entspricht.

Für ihre Forderungen muss Fries auch Kritik einstecken: Ob sie nicht gern Zeit mit ihren Enkeln verbringe. «Sicher. Ich liebe sie über alles. Mich stört aber, dass Wirtschaft und Staat unsere Betreuungsarbeit als selbstverständlich erachten.» Am Frauenstreik fanden sie und ihre Mitstreiterinnen Anerkennung. Familien schüttelten ihnen die Hände und bedankten sich.

Heute, ein Jahr später, habe die Coronakrise gezeigt, wie bedeutend Grosseltern seien. «Aber passiert ist nichts», sagt Fries. Deshalb plant die «GrossmütterRevolution» Aktionen für das feministische Jubiläumsjahr 2021.

Politikerinnen: «Es gibt viel zu tun, bis auch nur die eine oder andere Forderung mehrheitsfähig wird.»

Parlamentarierinnen mischen sich vor dem Bundeshaus unter die Protestierenden.

Parlamentarierinnen mischen sich vor dem Bundeshaus unter die Protestierenden.

Historisches geschah im vergangenen Jahr: Erstmals wählte die Stimmbevölkerung mehr neue Frauen als neue Männer ins eidgenössische Parlament. Bundesbern wurde weiblicher. Ein Erfolg des Frauenstreiks? Jein, sagt Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin und Co-Leiterin des Frauendachverbandes Alliance F. «Die Frauenwahl ist das Ergebnis eines langjährigen Prozesses von überparteilichen Frauenallianzen. Sie gaben dem Frauenstreik einen Schub, dessen Erfolg beeinflusste wiederum die Wahlen.»

Ebenfalls 2019 setzten sich in Bundesbern die weiche Frauenquote für börsenkotierte Firmen und die Lohnanalyse für Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitenden durch. Bertschy stellt fest:

Das war in der Legislatur vor der Frauenwahl. Ist nun ein Wandel spürbar? «Der Wind hat sich etwas gedreht. Ob die grossen Anliegen tatsächlich eine Chance haben, muss sich noch zeigen», sagt Bertschy. Vom Bundesrat hatte sie ein Legislaturprogramm erwartet, in dem Massnahmen zur Gleichstellung enthalten sind. Sie wurde enttäuscht: «Der Bundesrat will eine Strategie erarbeiten. Dabei ist längst klar, was es braucht.»

Für Bertschy ist dies: Eine Individualbesteuerung, damit sich die Erwerbsarbeit von Frauen stärker auszahlt. Flächendeckende und günstigere familienergänzende Kinderbetreuung. Eine Elternzeit, die für Mütter wie Väter gleich lang ist. Und ein Programm für Gewaltprävention. «Es gibt viel zu tun», sagt Bertschy, «bis auch nur die eine oder andere dieser Forderungen mehrheitsfähig wird.»

Video-Rückblick auf den Frauenstreik in Lausanne:

Frauenstreik: 40'000 in den Strassen von Lausanne

Frauenstreik: 40'000 in den Strassen von Lausanne

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