Intelligenz
Warum haben wir Menschen zwei Augen? Blöde Frage!

Wer in Oxford oder Cambridge studieren will, muss wirklich intelligent sein. Intelligenz ist sicher mehr, als auswendig gelerntes Wissen zu reproduzieren. Wie fragt man, wenn man es herausfinden will? Intelligent eben.

Christoph Bopp
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«Ich schau dich an. Du bist so wunderschön.» So sang die Spider Murphy Band – und wir wissen jetzt dank der Tutoren von Oxford und Cambridge, dass sie mindestens zur Hälfte richtig lagen.thinkstock

«Ich schau dich an. Du bist so wunderschön.» So sang die Spider Murphy Band – und wir wissen jetzt dank der Tutoren von Oxford und Cambridge, dass sie mindestens zur Hälfte richtig lagen.thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Es gibt Wortkombinationen, die in ihrer Trivialität unergründlich sind. Der Weg, der das Ziel sein soll, ist das schlimmste Beispiel.

Ein anderes ist die Frage, die ihre Antwort ist. Wenn schon, dann weiss die Antwort nur der Wind.

Es gibt auch dumme Fragen, die es nicht gibt, weil nur Antworten dumm sein können. Und es gibt DIE Fragen, die nicht die Fragen aller Fragen sind, sondern eben die richtigen.

John Farndon nennt die Fragen, auf die er Antworten sucht, «absurd». Oder «skurril».

Das sind Attribute, welche normale Leser kaum dazu bringen dürften, sein Buch in die Hand zu nehmen.

Deshalb muss man den Zusammenhang erläutern. Es sind die Fragen, mit denen gewiefte Interviewer die Elite der Eliten auswählen.

Die Fragen, an denen Bewerber ihre Brillanz zeigen müssen, die an den Universitäten von Oxford und Cambridge studieren wollen.

Der Originaltitel heisst denn auch: «Do You Still Think You’re Clever? – Glauben Sie immer noch, dass Sie schlau sind?»

Die Versuchung ist gross, hier «clever» mit «intelligent» zu übersetzen. Und das Büchlein, von dem die Rede ist, hat auch einiges an übersetzerischen Anforderungen in sich.

Tobias Gabel, der es wahrlich verdient, auch erwähnt zu werden, hat sich mit allerlei Wortspielchen und typisch englischem (und deshalb prinzipiell unübersetzbarem) Humor herum- und sich dabei wacker geschlagen.

«Intelligent» ist natürlich die Antwort auf die Frage, was Bewerber für die Oxbridge-Studienplätze sein sollten.

Hmm, wie findet man heraus, ob jemand wirklich «intelligent» ist? Der Turing-Test will nur Maschinen von Menschen unterscheiden. Aber das kann es nicht sein. – «INTELLIGENT!» – Ja, man muss die richtigen Fragen stellen. Fragen, die nicht auf vorgefertigte Antworten passen. Denn: Intelligenz ist, etwas anders machen zu können, als es sonst der Brauch ist.

Wissen Thermostate, was denken ist?

Und da wären wir schon bei der Titelgeschichte. Oder der Titelfrage. «Können Thermostate denken?»

Und man merkt schnell, wie man die Frage nicht beantworten darf, wenn man in Oxbridge studieren will. Wer «Nein» sagt, hat ebenso keine Chance, wie wer «Ja» sagt.

Hääää? – Ja, diese Fragen darf man nicht einfach beantworten. Sondern man muss eben «denken».

Thermostate können nicht «denken», weil sie keine Menschen sind, nicht einmal richtige Maschinen. Mit dieser Antwort kriegt man nicht einmal einen Studienplatz in Entenhausen.

Das Lieblingsbeispiel englischsprachiger Philosophen, wenn sie über Logik reden, – nein, es gibt zwei: Dass der König von Frankreich kahl ist (Bertrand Russell et al.) und: Dass der Mond aus grünem Käse ist (alle anderen und Russell auch) – ja, dieses Beispiel führt bei Farndon zur Frage, wie wir überhaupt etwas wissen können. Und dabei hat er Russell und die Kollegen gar nicht erwähnt. Dafür Sir Karl Popper. Der geht auch.

Ovid und sein Flirt-Ratgeber

Ich vermute mal, dass Prosper Mérimée und seine «La Vénus d’Ille» Pate standen, bei der Frage, welche der Tutor für Französisch und Spanisch in Oxford stellte: «Glauben Sie, dass Statuen sich bewegen können? Und wie liesse sich ein solcher Glaube verteidigen?»

Aber natürlich würde einem diese Vermutung gar nicht helfen – im Gegenteil. Denn «Wissen» will hier keiner ausgebreitet haben, auch wenn es zu Vermutungen führt.

Farndon holt aus, kommt zur Faszination, die Ovids Pygmalion erregt, und endet beim Ingenieur Dädalus.

Überhaupt Ovid: Der Altmeister des Flirts oder des «Anbaggerns» wird auf heutige Tauglichkeit geprüft.

Mit dem Ergebnis: Seine Ratschläge sind wohl weiser, als man heute denkt. Und gibt es einen besseren Flirt-Auftakt, als mit dem Geständnis herauszurücken, man hätte als Dating-Vorbereitung ein 2000 Jahre altes Gedicht in der Originalsprache studiert? (Übrigens: Die Venus von Ille war eine Bronzestatue, die ihre eigenen Wege ging – gelinde gesagt.)

Menschen haben manchmal braune, manchmal blaue Augen. Aber immer zwei. Warum? Damit ich dich besser sehen kann! Der Wolf im «Rotkäppchen» liegt nicht weit daneben.

Zweiäugigkeit ist in der Fauna weit verbreitet. Der Bauplan scheint evolutionsbiologisch gut bewährt zu sein. Der Unterschied bei Menschen und anderen Jägern oder Kletterern ist wohl der, dass die zwei Augen auf der Vorderseite des Gesichts eben eine gewisse Räumlichkeit des Sehens ermöglichen.

Wir können Distanzen abschätzen, was man sich gut veranschaulichen kann, wenn man seinen Daumen vors Gesicht hält und abwechselnd das eine oder das andere Auge zukneift. (Pfadfinder und Minenwerfer-Korporale der Schweizer Armee wissen, wie das geht.)

Unsere Vorfahren hätten mit den Augen auf der Seite des Schädels, wie es sich bei den Vögeln bewährt hat, in den Bäumen wohl zu oft daneben gegriffen. Das ist immerhin eine wissenschaftlich solide Antwort.

Die nächste Antwort liefert nicht Autor Farndon selbst, sondern er gibt eine Steilvorlage für seinen Übersetzer.

In einer Fussnote, die rot gedruckt ist, weil er sie dem Verfasser nicht in die Schuhe schieben will, erklärt uns der Übersetzer das Geheimnis der parallelen Augen: Sie ermöglichen die Wahrnehmung von Aufmerksamkeit. Wir merken es, wenn uns jemand anblickt. Und wir merken es auch, wenn jemand an uns vorbeiblickt.

Können Thermostate denken? Ich habe einen gefragt. Er sagte: Blöde Frage!

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