Volksmärchen
Wenn der Wolf das Grosi frisst: Können grausame Märchen Kindern schaden?

Der Jäger schlitzt dem schlafenden Wolf den Bauch auf und zieht ihm das Fell ab. Soll man solche brutalen Geschichten von Volksmärchen dem Kind erzählen? Was Erwachsenen grausam erscheinen mag, wird von Kindern nicht so empfunden.

Erna Lang-Jonsdottir
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Dies ist kein Märchen: Adil besucht einen Deutschkurs. Der Lückentext zu «Rotkäppchen» fordert den 30-jährigen Marokkaner nicht nur sprachlich heraus.

Als der Jäger dem schlafenden Wolf den Bauch aufschlitzt und ihm das Fell abzieht, nachdem Grossmutter und Rotkäppchen gerettet sind, fragt Adil die Lehrerin verdutzt:

«Erzählen Sie Ihren Kindern wirklich solche grausamen Geschichten?»

«Diese Frage wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert», sagt Ingrid Tomkowiak, Professorin für Populäre Literaturen und Medien, Kinder- und Jugendmedien an der Universität Zürich.

In Deutschland seien die Grimm’schen Märchen nach 1945 für kurze Zeit verboten gewesen. «Die Alliierten waren der Meinung, dass Märchen die Nationalsozialisten dazu inspiriert hatten, Gräueltaten zu verursachen», erklärt Tomkowiak.

In den 70er-Jahren wurden Märchen als Werkzeug schwarzer Pädagogik kritisiert. Kannibalistische Hexen, böse Stiefmütter, abgeschnittene Finger und ausgestochene Augen – dass Böses aus den Märchenbüchern komme und dass die uralten Geschichten endlich aus der Kindererziehung verbannt werden müssten, wurde 1972 während der Heidelberger Märchentage thematisiert.

Eine Antwort auf diese Forderung gab der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim 1977 mit seinem Buch «Kinder brauchen Märchen». Der inzwischen verstorbene Wiener emigrierte 1939 in die USA, war dort Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Universität von Chicago und einer der bekanntesten Kinderpsychologen.

Als Erzieher und Therapeut von schwer gestörten Kindern war er der Meinung, dass in der gesamten Kinderliteratur nichts so fruchtbar und befriedigend sei, wie das Volksmärchen.

Das Märchen setze dort ein, wo sich das Kind in seiner «seelischen und emotionalen Existenz» befinde. Deswegen seien Märchen eine «wichtige Lebenshilfe, um die chaotischen Spannungen ihres Unterbewussten zu bewältigen», schrieb er.

36 Jahre nach Bettelheims Publikation gibt es aber immer noch Bedenken: Elisa Hilty, Autorin, Erzählerin und Märchenpädagogin, wird regelmässig «mit mehr oder weniger aggressiven Fragen in die Zange genommen».

«Ich erzähle sogenannte grausame Märchen auch Kindern», stellt sie fest. Kinder hätten im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen keine Mühe mit sogenannten grausamen Handlungen im Volksmärchen. «Sie ‹verstehen› unbewusst, dass die Todesbedrohung einer Heldin zum Entwicklungsweg gehört.»

Dass Kinder einen unbewussten Zugang zur Märchensymbolik haben, bestätigt Figurenspieltherapeutin Brigitte Schäfli, Präsidentin des Fachverbands Figurenspieltherapie FFT. Damit das Märchen seinen Wert nicht verliere, dürfe man Kindern keine Erklärungen abgeben.

Zudem sollte es unverfälscht erzählt werden, damit es auf der symbolischen Ebene bleibt und nicht mit der realen Welt verknüpft wird.

In der Figurenspieltherapie sind Märchen ein wichtiges Hilfsmittel. «Kinder können durch Märchen Ängste überwinden, ihr Selbstbewusstsein sowie das Vertrauen ins Leben stärken», sagt Schäfli.

Mit welchem Märchen gearbeitet wird, hängt von dem Problem ab, mit dem das Kind zu streiten hat. Scheidungskindern erzähle sie «Die Blumenkönigin». «Es zeigt, dass ein Kind zwei Zuhause haben kann.»

Trotz der hohen Scheidungsrate von bösen Stiefmüttern zu erzählen, erachtet sie als unproblematisch. «Wie bei Frau Holle oder Aschenbrödel bewirkt das Stiefmütterliche immer etwas Positives, da es aus der Stagnation führt und das Weitergehen fördert.»

Heute sei es wichtiger denn je, Märchen zu erzählen. «Viele Kinder sind auf sich selbst gestellt und müssen alleine in die Welt hinausziehen.»

Ein fester Bestandteil des Lehrplans sind Märchen längst nicht mehr, wie Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogische Arbeitsstelle des schweizerischen Dachverbands für Lehrerinnen und Lehrer, erklärt.

Lehrpersonen stehe es frei, welche Geschichten sie in den Unterricht integrieren. «Die Diskussion, ob das Erzählen von Märchen richtig oder falsch ist, gibt es bei uns jedenfalls nicht», sagt Brühlmann.

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