Heirat
Wer braucht schon einen Trauzeugen?

Nach dem Nationalrat hat sich auch die Rechtskommission des Ständerates für eine Änderung ausgesprochen. Das Resultat: In Zukunft können Paare selber entscheiden, ob Trauzeugen ihre Ehe bestätigen oder nicht. Ein fiktiver Erlebnisbericht.

Denise Fricker
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Die Braut ist an der Hochzeit die schönste Frau des Abends. Dafür ist die Trauzeugin verantwortlich.Thinkstock

Die Braut ist an der Hochzeit die schönste Frau des Abends. Dafür ist die Trauzeugin verantwortlich.Thinkstock

Getty Images/Hemera

Meine beste Freundin kenne ich seit dem Kindergarten. Jetzt heiratet sie. Als sie mich zu Wein und Essen einlud, ahnte ich bereits, worum es geht: «Willst Du meine Trauzeugin sein?»

Sie hat mich tatsächlich gefragt. Ich fühle mich geehrt. Wow, wie schön. Meine Freundin hat mich auserwählt. Was für eine Ehre. Klar will ich das. Andererseits bedeutet Trauzeugin sein viel Stress und eine grosse Verantwortung. Ich soll den wichtigsten Tag meiner Freundin organisieren und wenn etwas nicht nach Plan läuft, vermassle ich ihr den schönsten Tag ihres Lebens. Aber Angst und Stress spielen in diesem Moment keine Rolle. Auf ihre Frage gibt es nur eine Antwort: Ja, ich will.

Ein Knochenjob

In der Schweiz sind zwei Trauzeugen gesetzlich vorgeschrieben. Das ändert sich jetzt. Wer heiratet, benötigt in Zukunft keine Trauzeugen mehr. Nach dem Nationalrat hat sich auch die Rechtskommission des Ständerates für eine Änderung ausgesprochen. Schweizer Paare sollen in Zukunft selber entscheiden, ob sie einen Trauzeugen wollen oder nicht.

Eigentlich haben die Trauzeugen die Aufgabe, die Eheschliessung zu bezeugen – eine einfache Unterschrift genügt. Doch die Realität sieht anders aus. Die Aufgabe des Trauzeugen beginnt nicht erst auf dem Standesamt, sondern schon früher. Viel früher.

Eine Woche nach der Einladung meiner Freundin, klingelt mein Handy. Ob ich am Freitag Zeit hätte für ein erstes Treffen. So könne ich auch gleich den zweiten Trauzeugen kennenlernen. Ein Kick-off-Meeting also. Mein traditionelles Freitagabend-Bier sage ich ab und treffe meine Freundin, ihren Zukünftigen und den anderen Trauzeugen. Er ist mir mässig sympathisch. Ein neu entstandenes Vierergespann, mit dem ich viele weitere Freitagabende verbringen werde. Tschüss liebes traditionelles Freitagabendbier. Denn das «Ja, ich will deine Trauzeugin sein» entpuppt sich zu einem Full-Time-Job, für welchen ich meine Freizeit opfere.

Am Samstagnachmittag brennt die Sonne schonungslos vom Himmel. Alle vergnügen sich im Wasser. Meine Freundin, deren Mutter und ich klappern klimatisierte Hochzeitskleiderboutiquen ab. Kleider anprobieren, Kleid auswählen, Kleid kürzen. Die Taschentücher habe ich dabei. Brauchen tut sie vor allem die Mutter. Am Abend entspanne ich mich in der Badewanne, trinke Rotwein und denke an einen erfolgreichen Tag zurück: Meine Freundin wird in ihrem cremefarbenen Kleid und den Rosen im Haar die Schönste sein: Auftrag erfüllt.

Die Freundin ist Prinzessin

Weitere verplante Wochenenden folgen: Die neue Vierergruppe trifft sich zum Hochzeitsmenu- und Hochzeitstorten-Testessen, zur Weindegustation und zum Tischkarten basteln. Nebenbei organisiere ich den Polterabend. Lustig soll er sein. Nicht peinlich und zwölf unterschiedliche Frauen müssen begeistert werden. Ein Vorgeschmack darauf, was mich an der Hochzeit erwartet. Ich muss den Überblick behalten, alle Anwesenden zufrieden stellen, Kummerkasten und Gute-Laune-Frau zugleich sein.

Die Wochen vergehen und meine Excel-To-do-Liste wird kürzer. Das ist auch gut so, denn der wichtigste Tag rückt immer näher. Und ich bin längst nicht mehr nur Trauzeugin, sondern Hochzeitsorganisatorin geworden. Zu dieser Aufgabe gehört auch, dass am Hochzeitsfest alles rund läuft, Brautpaar und Gäste glücklich sind. Ich erinnere mich an meine eigene Erwartungshaltung und wohl auch die meiner Freundin und der Gäste: «Als Trauzeugin bist du verantwortlich, dass die Freundin den schönsten Tag ihres Lebens erlebt.» Ich fühle mich für kurze Zeit leicht überfordert. Doch dafür ist die Zeit zu knapp.

Um 6 Uhr klingelt mein Wecker. Es ist soweit. Ich ermutige meine Freundin, zum Frühstück Brötchen mit Butter und Konfitüre zu essen und versichere ihr, dass sie noch immer in ihr Hochzeitskleid passt. Der Morgen ist durchgeplant. Frisur machen, Blumen ins Haar, Make-up. Und das alles zweimal. Einmal für die Braut und einmal für die Trauzeugin. Sowieso unterstütze ich meine Freundin an diesem Tag, wo ich nur kann: Wir trinken Schnaps gegen die Nervosität, ich halte ihr das Taschentuch hin, bevor die Tränen die Schminke verwischen, auf der Toilette helfe ich ihr, das widerspenstige Kleid zu bändigen.

Die Trauzeugen kümmern sich um Brautpaar, Gäste und Servicepersonal. Und sie lächeln. Sie lächeln unentwegt. Dann endlich der Hochzeitstanz. Die Party ist eröffnet. Der perfekte Tag geglückt. Beschwipst und runtergekämpft misch ich mich ins Getümmel.