Games Developers Conference
«Wer sich gut verkauft, gewinnt»: Mit Schweizer Entwicklern an der weltgrössten Game-Konferenz

Schweizer Entwickler präsentieren ihre Games an der «Games Developers Conference», der weltweit grössten Konferenz für Computerspiele in San Francisco. Ihre Bescheidenheit müssen sie dort für einmal hinter sich lassen.

Tomislav Bezmalinovic Aus San Francisco
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Auf grosser Fläche zeigen die Schweizer Studios ihre neusten Entwicklungen.

Auf grosser Fläche zeigen die Schweizer Studios ihre neusten Entwicklungen.

Perrine Huber

Gute Games entwickeln ist eine Sache. Sie zu verkaufen eine andere. Das müssen die Schweizer Spielentwickler lernen, die nach San Francisco gereist sind, um an der Games Developers Conference (GDC) ihre Spiele und Technologien vorzustellen. Deshalb trifft sich die Delegation am vergangenen Sonntag – dem Tag vor Beginn der Konferenz – bei Swissnex.

Die Büroflächen dieser Organisation, die Schweizer Startups mit lokalen Investoren vernetzt, liegen gleich neben dem Schweizer Generalkonsulat und bieten einen fantastischen Blick auf die Bucht von San Francisco samt Bay Bridge. Ebenfalls anwesend ist eine Gruppe Investoren und Startup-Förderer.

«Am Ende ist das Einzige, was Investoren interessiert, wie sie mit eurem Spiel Geld verdienen können und was euer Verkaufsargument ist», trichtert Damian Felchlin den Nachwuchstalenten ein. Der Schweizer Handelsbeauftragte arbeitet seit fünf Jahren in den USA und kennt die dortige Businesskultur. «Schweizer Produkte stehen für hohe Qualität und Innovation», sagt er. Deshalb sei es wichtig, dass die Entwickler ihre Projekte auch entsprechend verkaufen. «Seid stolz auf eure Spiele», rät er ihnen.

Nun kommen die Gamedesigner selbst zu Wort und müssen den Investoren ihre Projekte binnen weniger Minuten schmackhaft machen. Vor Publikum zu sprechen, fällt nicht allen leicht. «Wir sind nicht nur Schweizer und von Natur aus bescheiden, wir sind auch Computernerds. Damit sind wir zweifach geschlagen», meint Livio Lunin von Kobold Games selbstironisch.

Er wird auf der GDC sein neues Abenteuerspiel «Baba Yuga» vorstellen, in welchem Spieler an der Seite einer Hexe eine düstere Märchenlandschaft durchqueren. Schweizer wie er setzen ungern auf grosse Worte und lassen lieber ihr Produkt sprechen.

Nur: In den USA zählen Verkaufstalent und ein mitreissender Auftritt viel. «Wer sich gut verkauft, gewinnt, selbst wenn er ein schlechteres Produkt als ihr zu bieten hat», ermahnt einer der anwesenden Investoren.

Spiele testen an der Party

Am Abend steigt im Stadtinnern eine Gamerparty. Besucher können hier Entwickler treffen und Games ausprobieren. Die Blindflug Studios sind ebenfalls anwesend. Die Schweizer Spieleschmiede gehört zu den erfolgreichsten ihrer Art und hat bereits mit ihrem ersten Spiel mehr als eine Million US-Dollar Umsatz gemacht. Auf der GDC werden sie ihr siebtes Game präsentieren: «Airheart».

Darin erobern die Spieler mit einem Flugzeug die Lüfte und erkunden ein farbiges Wolkenkuckucksheim. Für die künstlerische Aufmachung hat Blindflug einen Preis erhalten und darf das Spiel in einem Sonderbereich der GDC ausstellen. Jeremy Spillmann, Mitgründer des Studios, hofft auf konstruktives Feedback anderer Entwickler und neue Geschäftsbeziehungen. Hier sind die wichtigsten Businesskontakte der Spielindustrie anzutreffen.

Bundesrat will Games fördern

Nun ist es offiziell: Games «verfügen über ein grosses Innovationspotenzial, sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht». Das schreibt der Bundesrat in einer Medienmitteilung. Am vergangenen Mittwoch hat er einen Bericht verabschiedet, worin er festhält, wie er die Game-Industrie fördern will. Insbesondere soll Pro Helvetia die Teilnahme der Entwickler an internationalen Fachveranstaltungen unterstützen. Die Schweiz verfüge bereits über gute Voraussetzungen für die Entwicklung der Game-Industrie. (nsn)

Am nächsten Morgen findet in San Franciscos Baseballstadion ein Networking-Event statt, an dem ein Grossteil der Schweizer Delegation teilnimmt. In den verglasten Gängen vor den Tribünen reihen sich auf engstem Raum Unternehmen aus aller Welt aneinander. Es herrscht rege Betriebsamkeit: An Tischen werden Meetings abgehalten, Hände geschüttelt, Visitenkarten ausgetauscht.

Die Entwickler der Schweizer Stray Fawn Studios machen eine Pause und sitzen draussen auf den Zuschauerrängen. Etwas abseits unterhält sich die Gründerin des Studios, Philomena Schwab, mit einem Spielepublisher. Die Zürcherin ist der Star der Schweizer Spielentwicklerszene und zählt für das Wirtschaftsmagazin «Forbes» zu den wichtigsten europäischen Techtalenten unter 30 Jahren.

Wie die meisten Schweizer Spielemacher hat auch Schwabs Laufbahn mit einem Game-Design-Studium an der ZHdK begonnen. Dort entwickelte und veröffentlichte sie mit Studienkollegen ihr erstes Spiel, das jedoch nur wenige Käufer fand. «Wir wussten, wie man gute Spiele macht, aber wir hatten keine Ahnung, wie man sie verkauft», sagt Schwab rückblickend.

Aus diesem Grund entschied sie sich, den Fokus ihrer Masterarbeit auf Marketing und Communitybuilding zu legen. Die Erkenntnisse wandte sie mit Erfolg auf das erste grosse Projekt ihres Teams an: Um das Spiel «Niche» bildete sich eine Fangemeinde, die für die Entwicklung 72 000 US-Dollar bereitstellte.

In dem von Prinzipien der Genetik und Evolution inspirierten Game müssen Spieler für das Überleben einer Spezies sorgen, indem sie deren Genpool optimieren. «Niche» ist so erfolgreich, dass das vierköpfige Team von den Einnahmen leben und ein Büro in Zürich unterhalten kann.

Spiel aus Zürich ausgezeichnet

Auf der GDC will Schwab für den zweiten Titel ihres Studios werben: das Konstruktionsspiel «Nimbatus», in welchem Spieler aus Einzelteilen Raumschiffe zusammensetzen und damit das Weltall und fremde Planeten erkunden. Das Spiel hat zusammen mit sieben anderen den «GDC Best in Play Award» erhalten. Somit zählt es offiziell zu den besten Indie-Spielen (also Spielen, die ohne Verlag entwickelt wurden) der diesjährigen Konferenz.

Nach Investoren oder Publishern hält die Game-Designerin nicht Ausschau, da sich ihr Studio selbst trägt. «Wir sind froh, dass wir klein und unabhängig sind», sagt Schwab. Auf der GDC sucht sie vor allem den Kontakt zu anderen Indie-Studios, von denen sie fürs Game Design und für die Vermarktung der Spiele lernen kann.

Am Nachmittag hat Schwab einen wichtigen Auftritt: In einem Vortrag erzählt sie von den Strategien, die sie beim Aufbau der «Niche»-Fangemeinde angewandt hat. Der Saal ist gut besucht, das Feedback positiv, viele der Anwesenden stellen Fragen.

Die GDC hat derweil ihre Tore geöffnet. Die Veranstalter rechnen mit mehr als 26 000 Teilnehmern. Während fünf Tagen belagern Entwickler, Geschäftsleute, Gamer und Journalisten das grösste Kongresszentrum San Franciscos in einem Umkreis von mehreren hundert Metern. Pro Helvetia hat wie in den Jahren zuvor eine grosse Fläche für Schweizer Games angemietet: 18 Studios sind auf den in Landesfarben gehaltenen Ständen vertreten. Wer vorbeischaut, bekommt ein breites Spektrum hochwertiger Spiele und Schweizer Schoggi geboten.

Fünf Minuten für zwei Millionen

Unter den Studios befindet sich auch Flurin Jenals Startup Struckd. Jenal arbeitet an einer Plattform, auf der Nutzer ohne Programmierkenntnisse kostenlos Spiele herstellen und teilen können. Alles, was dazu benötigt wird, ist ein Smartphone. Die als «Youtube für Games» beworbene Plattform verzeichnet bereits nach einem Jahr 200 000 Nutzer pro Monat, die insgesamt mehr als 23 000 Spiele produziert haben.

Jenal will auf der GDC eine ganze Reihe Investoren treffen. Das Ziel: Zwei Millionen US-Dollar für die Weiterentwicklung von Struckd sichern. Sein Startup konnte sich auf der Konferenz einen von zehn begehrten Pitching-Plätzen sichern und darf das Projekt vor Investoren und dem Publikum präsentieren. Der fünfminütige Pitch kommt gut an, Jenal ist zufrieden.

Für Markus Rosse, Game Designer bei Stray Fawn, wären die Präsenz und der Erfolg von Schweizer Spielen im Ausland ohne die Hilfe der Kulturstiftung Pro Helvetia nicht denkbar. Die Stiftung unterstützt die Schweizer Entwicklerszene seit 2010 finanziell und mit offiziellen Vertretungen an internationalen Messen und Konferenzen. «Innerhalb der Szene kann man eine zunehmende Professionalisierung feststellen, da die jüngere Entwicklergeneration auf dem Wissen der älteren aufbauen kann», sagt Rosse.

Laut Pro Helvetia gibt es mittlerweile 120 Schweizer Unternehmen, die Spiele und Projekte im Bereich neuer Technologie wie Virtual und Augmented Reality entwickeln. Darunter sind viele, die nicht mehr auf die Hilfe der Stiftung angewiesen sind. «Wir freuen uns, dass dieses Jahr ganz viele Schweizer Studios auf der GDC anzutreffen sind, die nicht Teil unserer Delegation sind», sagt Oliver Miescher von Pro Helvetia. «Das bedeutet, dass sie auch ohne unsere Unterstützung hierher kommen und ihre Projekte vorstellen können. Das ist für uns ein riesiger Erfolg.»