Alltag
Wie Blinde und Sehbehinderte im Netz surfen

Das Web ist auch für Sehbehinderte wichtig. Wären Websites für sie angepasst, käme das Firmen zugute.

Martina Odermatt
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Als Hilfsmittel verwenden Blinde beim Surfen eine Braillezeile. Andreas Friese/DSBV

Als Hilfsmittel verwenden Blinde beim Surfen eine Braillezeile. Andreas Friese/DSBV

©DBSV/A.Friese

Für uns ist das Surfen im Internet Alltag. Hier etwas online bestellen, dort eine Frage durch die Suchmaschine jagen, da noch schnell eine Rechnung online einzahlen. Das Internet erleichtert unser Leben ungemein. Aber wie nutzen Menschen das Netz, die nicht sehen können, was auf dem Bildschirm steht? Wie wissen Blinde, wo sie etwas anklicken können?

Mit diesem Problem befasst sich Daniele Corciulo tagtäglich. Er ist 29 Jahre alt, hat eine KV-Lehre absolviert und die Berufsmatur gemacht. Soweit alles normal. Doch Corciulo hat noch 1,5 Prozent seiner Sehkraft: Er ist von Geburt an blind. Das Internet ist für ihn aber genauso wichtig wie für Sehende. Mehr noch: Für ihn ist es ein Mittel zur Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

Für die Stiftung «Access for All» (Zugang für alle) testet Corciulo Websites auf ihre Barrierefreiheit. Das bedeutet, dass ein Blinder sich genauso schnell und bequem auf einer Internetseite zurechtfinden kann wie ein Sehender; dass ihm also keine Barrieren im Weg stehen. «Access for All» setzt sich für Barrierefreiheit im Sinne eines universellen Designs ein, bei dem allen Menschen ein einfacher Zugang zu einer Website ermöglicht werden soll. Dazu gehören Sinnesbehinderungen wie Blindheit, Taubheit, Hör- und Sehbehinderungen, aber auch motorische und gar kognitive Behinderungen. So sollen alle Menschen, auch körperlich oder geistig Eingeschränkte, das Internet bequem nutzen können.

Zwei Tasten fürs Internet

Corciulo hat einen normalen Laptop vor sich. Als zusätzliche Unterstützung beim Surfen verwendet er eine «Braillezeile», eine Art Tastatur mit Blindenschrift. Diese hilft ihm, den Text auf einer Homepage zu lesen. Sein Laptop ist nicht speziell, aber das muss er auch nicht sein. Das einzig Aussergewöhnliche, das Corciulo zum Surfen braucht, ist ein sogenannter «Screenreader»: Ein Programm auf dem Laptop, das ihm vorliest, was auf der Website steht.

Corciulo will eine SBB-Tageskarte der Gemeinde reservieren. Der Laptop spricht ihm Schritt für Schritt vor, was auf der Website geschrieben steht. Flink saust sein Finger auf die «Tabulator»-Taste, die mit den zwei Pfeilen. Mit dieser kann man auf jeder herkömmlichen Website von Rubrik zu Rubrik springen. Das hat übrigens nichts mit der Software auf dem Laptop zu tun. Jeder kann diese Taste zum Springen von Rubrik zu Rubrik nutzen.

Bei jedem Tastendruck dröhnt die roboterartige Stimme des Laptops aus den Lautsprechern und teilt Corciulo mit, bei welcher Rubrik er sich gerade befindet. Mit der «Enter»-Taste gibt er dem Laptop das Zeichen, dass er bei seiner gewünschten Rubrik angekommen ist. Die Unterrubriken öffnen sich, und er springt wieder mit dem «Tabulator» von Menüpunkt zu Menüpunkt. «SBB-Tageskarte», ertönt die Stimme, die der eines Navigations-Systems im Auto ähnelt. Für ungeübte Ohren klingen die Worte des Laptops aber wie eine Kassette, die man vorwärtsspult. In solch einem Tempo rattert die Stimme die Worte herunter. Für Corciulo sind die Erläuterungen des Laptops aber bestens verständlich, er hat sich an das Tempo gewöhnt. Wäre es langsamer, würde es noch länger dauern, bis er sich durch die Rubriken durchgeackert hat.

Auf der Website werden auf einem Kalender die verfügbaren Daten angezeigt. Grün untermalte Felder sind noch frei, rote bereits vergeben. Unsereins sieht auf den ersten Blick, dass nächste Woche bereits alle Billette reserviert sind. Corciulo jedoch muss sich durch alle Tage klicken, um herauszufinden, welche noch frei sind.

Darum, dass solche Hindernisse im Web-Alltag für sehbehinderte Menschen beseitigt werden, kümmert sich unter anderem die Informatikerin Lidja Stoilova von Threeway AG, einer Webagentur. Angefangen hat es mit der «arwo»-Stiftung, einer Stiftung, die Menschen mit einer Beeinträchtigung fördert und in den Berufsalltag integriert. Sie wandte sich an Stoilova, um ihre Website barrierefrei machen zu lassen. Mittlerweile haben sich noch andere Firmen an die Threeway AG gewandt, die Nachfrage hält sich aber in Grenzen.

«Nicht unsere Zielgruppe»

Bislang gibt es nur etwa 80 Seiten, die von der «Stiftung Access for All» als barrierefrei zertifiziert wurden. Das ist mager. Das liegt einerseits daran, dass sich viele Firmen gar nicht bewusst sind, dass ihre Website für Menschen mit Behinderung nicht optimal ist. «Andere wiederum sagen klar: Sehbehinderte Menschen sind nicht unsere Zielgruppe», stellt Stoilova fest. Dabei gibt es laut dem Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen schweizweit schätzungsweise 320 000 sehbehinderte oder blinde Menschen, darunter auch Junge, die das Internet nutzen. Es ermöglicht ihnen, selbstständig und eigenständig zu bleiben. Wenn die Internetseiten barrierefrei sind, können sehbehinderte Menschen etwa selbstständig ihre Finanzen verwalten. «PostFinance ist ein Vorreiter. Ihre Website ist komplett barrierefrei», sagt Corcuilo. Für ihn und andere Menschen mit einer Einschränkung bedeutet das, in diesem Bereich zum Beispiel nicht von den Eltern abhängig zu sein.

Sehbehinderten die Internet-Nutzung zu vereinfachen, hat nicht nur für Betroffenen Vorteile, sondern auch für die Unternehmen. Denn eine barrierefreie Website ist für Suchmaschinen wie Google besser auffindbar und landet so weiter oben in der Rangliste.

Doch was heisst das für Firmen? Was müssen sie ändern? Im Grunde geht es darum, alle Elemente auf einer Website präzise anzuschreiben. Wenn man die verschiedenen Elemente einer Website, also Boxen, Tabellen, Menüpunkte und so weiter, im Hintergrund genau beschriftet, können Programme wie der «Screenreader» auf Corciulos Laptop auf diese zugreifen und ihm so helfen, sich auf der Seite zurechtzufinden. Für normale Internetnutzer sind diese Beschriftungen nicht ersichtlich, sondern nur für Web-Spezialisten oder eben solche speziellen Programme für Sehbehinderte.

Wie wichtig das für Corciulo und andere sehbehinderte Menschen ist, erklärt er anhand eines Beispiels: «Einmal wollte ich in einem Online-Shop ein Pack Rösti und ein Pack Hackfleisch kaufen. Da aber Boxen, Tabellen und Überschriften nicht genau hinterlegt waren, wusste ich nicht, was ich mir in den Warenkorb legte. Schlussendlich hatte ich in der Lieferung eine Dose Ravioli und fünf Packungen Hackfleisch.»