Diamanten
Wie die Schweizer Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg Schmuggel, Flucht und Spionage förderte

Die Schweiz profitierte von Arrangements, weil die Alliierten beim Schmuggel von Diamanten und anderen raren Gütern beide Augen zudrückten.

Guido Koller
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Der kleinste Verstoss wurde geahndet. Ausser sie waren fürs Land von Nutzen: Jüdische Flüchtlinge am Zürcher Hauptbahnhof im Oktober 1942.

Der kleinste Verstoss wurde geahndet. Ausser sie waren fürs Land von Nutzen: Jüdische Flüchtlinge am Zürcher Hauptbahnhof im Oktober 1942.

KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str

Antwerpen ist die Stadt der Diamanten. Angefangen hat es im Mittelalter. Weil ihnen das Handwerk verboten war, verlegten sich jüdische Bewohner der Stadt auf den Handel mit Edelsteinen. Heute ist die Hovenierstraat das Herz des globalen Handels mit den teuren Steinen. Täglich werden hier bis zu 150 Millionen Franken umgesetzt. Das Geschäft ist mittlerweile mehrheitlich in den Händen von Indern, insbesondere der religiösen Minderheit der Jain. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Juden, welche den Wert der Steine anhand von Grösse (Karat), Klarheit, Farbe und Schliff unter dem Mikroskop prüften.

Dank eines gefälschten Flüchtlingsausweises gelingt Salomon Langermann in Genf die Einreise in die Schweiz.

Dank eines gefälschten Flüchtlingsausweises gelingt Salomon Langermann in Genf die Einreise in die Schweiz.

Zwei von ihnen, die im Verzeichnis der Diamantaires der Stadt Antwerpen aufgeführt werden, sind Salomon Langermann und Osias Londner. Im September 1942, nach dem Beginn der Deportationen durch die Deutschen, fliehen sie mit ihren Familien aus Belgien in den unbesetzten Teil Frankreichs – Langermann, Witwer, mit seinen beiden Töchtern, Londner mit seiner Frau und seiner Tochter. Als auch dort die Razzien gegen die Juden einsetzen, beschaffen sie sich ein sauf-conduit, ein von der Résistance gefälschtes Reisepapier, und fahren nach Thonon an den Genfersee. Von dort fliehen sie am 9. Oktober in Anières bei Genf in die Schweiz. In einem Auffanglager warten sie auf den Entscheid der Polizeiabteilung.

Überraschende Unterstützung

Hans Ming, Fürsprecher in Sarnen, ersucht die für zivile Flüchtlinge zuständige Behörde in Bern, den beiden Familien den Aufenthalt in Engelberg zu bewilligen, damit sie dort in der Pension Reisler, die sie aus Ferienaufenthalten vor dem Krieg kennen, «rituell leben können». Die Polizeiabteilung lehnt das zunächst ab. Sie will die Flüchtlinge in Arbeitslagern und Heimen internieren. Langermann und Londner erhalten aber überraschenderweise Unterstützung vom Polizeioffizier des militärischen Territorialkreises in Genf. Er, der sonst keine Flüchtlinge in Genf «haben» will, aus Sicherheitsgründen, wie er immer wieder betont, setzt sich dafür ein, dass für Langermann und Londner eine Ausnahme von dem strengen Regime der Internierung gemacht wird.

Der Grund für dieses aussergewöhnliche Entgegenkommen: Im Sicherheitsdienst des Armeekommandos hat sich herumgesprochen, dass die beiden Diamantaires begehrte Steine insbesondere für die Uhrenindustrie beschaffen können. Das Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamt (KIAA), welches in Bern die Beschaffung von Rohstoffen für die Industrie und das Gewerbe koordiniert, spricht sich dafür aus, Langermann und Londner für sechs Monate eine Ausnahmebewilligung zu erteilen. Es will durch sie Diamanten aus Belgien in die Schweiz bringen lassen.

Nachdem jede Partei eine Kaution von 10'000 Franken hinterlegt und eine private Bank sich bereit erklärt hat, eine Unterhaltsbürgschaft von 200'000 Franken zu leisten, gibt die Polizeiabteilung nach, wonach beide Familien nach Genf ziehen können. Die Diamantaires erhalten auch eine Sonderbewilligung für Fahrten mit der SBB unter anderem auf der Jura-Südfuss-Linie nach Olten, Basel und Zürich. Die KIAA kauft ihnen Ende 1943 und Anfang 1944 Diamanten im Wert von 770'000 Franken ab. Bei diesen Beträgen handelt es sich um beträchtliche Summen – zum Vergleich: in der Schweiz beträgt der Stundenlohn von Arbeitern 1943 nominal durchschnittlich 1.70 Franken, ein Kilo Brot kostet (kriegsbedingt) 50 Rappen.

Die Tätigkeit der beiden orthodoxen Juden bleibt nicht unentdeckt. Die Genfer Zeitung «L’action» ärgert sich in ihrer Ausgabe vom 21. April 1944 über zwei Juden, die «frei in der Schweiz umherreisen», «kommen und gehen», wie es ihnen beliebt, «Brillanten kaufen und verkaufen», «in die Flüchtlingslager eindringen» und dort «ohne jegliche Kontrolle ihre einträglichen Geschäfte tätigen». «Darf man das tolerieren?», frägt das Blatt rhetorisch seine Leserinnen und Leser und schreckt damit die Polizeiabteilung auf. Um eine antijudaistische respektive antisemitische Kampagne im Keim zu ersticken, ordnet sie eine Untersuchung an. Langermann und Londner dementieren, dass sie in der Schweiz «von Flüchtlingen verheimlichte Diamanten» gekauft haben. «Sie hätten ihre – natürlich geheimen – Quellen im Ausland», so die Polizeiabteilung in ihrem Bericht, «und ihre Geschäfte überhaupt nur mit einem Defizit abschliessen können. Letzteres erscheint ihr «in Wahrheit» aber «kaum wahrscheinlich». Sie forscht dennoch nicht weiter nach, auch deshalb, weil die KIAA die beiden Flüchtlinge mittlerweile in Genf für die «Expertise von Industriediamanten» einsetzt. Die Polizeiabteilung nimmt sie deshalb gegenüber der Zeitung ausdrücklich in Schutz.

Ein anderer Grund, weshalb die Polizeiabteilung, die Flüchtlingen sonst nichts durchgehen lässt und jeden kleinsten möglichen Verstoss gegen die strengen Bestimmungen untersuchen lässt, nicht weiter forscht, ist der Umstand, dass der militärische Geheimdienst Fluchtrouten aus den Benelux-Staaten und Frankreich für den Schmuggel von Edelsteinen nutzt. Robert Jezler, der stellvertretende Chef der Polizeiabteilung, weiss das; er ist der Verbindungsmann zum Nachrichtendienst. Die Uhrenindustrie ist auf diese Steine angewiesen und anders sind sie kaum zu beschaffen. Eine der Flucht- und Schmuggelrouten führt über Maîche, einem Städtchen in der Franche-Comté, von dort über die Echelles de la Mort hinunter an den Doubs, den Fluss, der hier die Grenze zur Schweiz bildet, und wieder hinauf nach La Ferrière bei La Chauxde-Fonds. Heute kann man dieser einst gefährlichen Route als Wanderweg folgen.

Aber der Schmuggel führte auch in die umgekehrte Richtung. Damit die Schweizer Uhrenindustrie kriegsrelevante Produkte den Alliierten verkaufen konnte, mussten sie über Frankreich und Portugal nach Irland geschmuggelt werden. Meistens wurden sie in Lissabon verschifft. Denn die Achsenmächte hätten solche Lieferungen sicherlich konfisziert. So konnten Betriebe in Grenchen, Moutier und Solothurn zum Beispiel Zeitzünder nach Grossbritannien liefern. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass solche inoffiziellen, geheimen Handelsrouten etliche Hasardeure und Betrüger auf den Plan riefen. Sie profitierten beispielsweise davon, dass sich Juden in den Benelux-Staaten von den Devisenbestimmungen der Nazis loskaufen mussten, und brachten weit unter dem Wert erstandene Wertschriften, Edelsteine oder auch Kunstwerke in den «sicheren Hafen Schweiz».

Die Schweiz Nutzniesserin

Der offiziöse Schwarzhandel für Diamanten brachte die Handelspolitik in eine enge Verbindung mit der Flüchtlingspolitik und dem Nachrichtendienst. Dies ging so weit, dass die Genfer Militär-Behörden in Absprache mit der Polizeiabteilung holländische Flüchtlinge 1943 kaum noch wegwiesen. Sie waren wichtige Informationsträger für alliierte Geheimdienste und ihre Verbündeten, weshalb diese die niederländische Exilregierung davon überzeugen konnten, für den Aufenthalt «ihrer» Flüchtlinge in der Schweiz aufzukommen.

Die Schweiz profitierte von solchen Arrangements, weil die Alliierten beim Schmuggel von Diamanten und anderen raren Gütern beide Augen zudrückten. Auf solchen Wegen sind, wie erwähnt, auch gestohlene Bilder und Wertschriften in die Schweiz gekommen, Raubgut, das die Schweiz nach dem Krieg vor schwierige Abklärungen und Verhandlungen mit den Siegermächten und den von Nazi-Deutschland besetzten und ausgeraubten Staaten stellen sollte.

Die Familien Langermann und Londner verliessen die Schweiz kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Autor Guido Koller ist Historiker und spezialisiert auf Zeitgeschichte.

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