Nachruf
Wie Hans-Heinrich Zweifel Chips zu einem Stück Schweizer Identität machte – eine knusprige Würdigung

Hans-Heinrich Zweifel (1933–2020) baute mit der frittierten Kartoffelscheibe ein Grossunternehmen auf. Nicht zuletzt auch dank genialem Marketing.

christoph bopp
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Christoph Bopp

Nein, Zweifel hat die Pomy-Chips nicht erfunden. Aber Hans-Heinrich Zweifel hat aus der frittierten Kartoffelscheibe nicht nur ein Schweizer Markenprodukt gemacht, sondern ein Produkt, das die Schweiz repräsentiert.

Messer mit einklappbaren Klingen gibt es auf der ganzen Welt, aber der Messerschmied Karl Elsener (Victorinox) machte daraus das «Original Swiss Army Knife». Und von Ricola und seinem Kräuterbonbon wollen wir gar nicht anfangen. Ähnliches Zeug gelutscht haben wahrscheinlich schon unsere Steinzeitvorfahren. Aber: «Wer hat’s erfunden?» – Eben.

Man sage nicht, das sei nicht wichtig. Und der Rinderdarm für den Cervelat stamme schliesslich auch aus Brasilien. Mögen sie recht haben mit ihrer Pedanterie. Aber sie haben nichts verstanden.

Dank lustigen Werbevideos wurden Zweifelchips zur Nummer 1 in der Schweiz.

«Nehmen Sie diese Pommes-Chips, Herr Utz»

Denn es war von Anfang an klar: Es kann nur einen Chip geben in der Schweiz. Zweifel-Boss Hans-Heinrich Zweifel ist da sehr ehrlich. Wenn deutsche Produzenten wie Wolff oder Bahlsen ihre Snacks auch den Schweizern schmackhaft machen wollten, schreibt Zweifel von «Invasion». Die Zweifel-Mannschaft «zog erneut in den Kampf». Schliesslich wird der Konkurrent «gebodigt».

Natürlich gebe ich gerne zu, dass unsere Geschäftspraktiken zuweilen unkonventionell waren.

Das schreibt Zweifel in seinen «Chips-Geschichten», die er zusammen mit dem Autor Christoph Hämmig, aber doch in Ich-Form verfasst hat. Der Bahlsen-Streit führte zu einem Auftritt im Fernsehen. Die Sendung «Kassensturz» lud ihn 1995 ein. Er musste erklären, wie dieser Abwehrkampf geführt würde.

Man muss zugeben: Er verteidigte sich geschickt. Hatte eine grosse und eine kleine Kartoffel dabei, um den Preisunterschied zu den ausländischen Produkten zu veranschaulichen, und liess sich die Chance zum Product-Placement natürlich nicht entgehen: «Nehmen Sie diese Pommes-Chips, Herr Utz, die sind bestimmt frischer.»

Die Abwehrschlachten wie damals in Morgarten

Die nicht ganz einwandfreien Methoden der Zweifel Pomy-Chips AG wurden mit Verweis auf den Befreiungskampf der rüstungsmässig unterlegenen Eidgenossen bei Morgarten gerechtfertigt:

Hören Sie mal, wenn sich die Schweizer im Kampf bei Morgarten auf einen fairen Kampf eingelassen hätten, dann hätten sie verloren.

Die Methoden bestanden darin, die Detaillisten zu fragen, wie gut die Bahlsen-Chips denn liefen. Die Antwort war meist erwartungsgemäss negativ. Dann «boten wir an, die deutschen Chips aus den Gestellen zu räumen und durch frische Zweifel-Produkte zu ersetzen.»

Die Geschichte macht klar, wie Zweifel funktionierte. Man setzte auf persönliche Beziehungen zwischen den Logistikern und den Detaillisten. Und der Haupttrumpf war der legendäre Zweifel-Frischservice. Die Chauffeure kontrollierten in den Läden die Packungen und nahmen die abgelaufenen wieder mit. Auf die Frage des «Kassensturz», was Zweifel denn eigentlich mit den Bahlsen-Chips mache, platzte der Firmenchef heraus: «Wir werfen sie ins Säufutter.» Um elegant nachzuputzen, dass sie das mit den eigenen Produkten auch so machen würden, «wenn das Verfalldatum abgelaufen ist».

Manchmal ist es besser, man kann schätzen als gut rechnen

Zweifel hat die Chips nicht erfunden, er war nicht einmal der Erste, der in der Schweiz welche produzierte. Diese Pioniertat beging Bauer Hans Meier aus Rümlang, ein Cousin von Zweifels Vater. Und auf die Idee gebracht hatte ihn wahrscheinlich seine Frau. Und die Idee entstammte, wie alles, was in der Schweiz gut ist, dem legendären Kochbuch von Elisabeth Fülscher. In der dritten Ausgabe (1935) findet sich das Rezept. Zusammen mit der Anweisung:

Pommes-Chips heiss zu Fleisch oder kalt zum Tee (wie Salzmandeln) servieren.

Zu Bier dürfen sie erst ab der fünften Ausgabe (1947) genossen werden.

Meier hatte 1950 begonnen, Kartoffelscheiben in einer Feldküche zu frittieren. Er starb überraschend und sein Sohn schrieb Zweifels Vater, der sein Götti war, dass er nicht vorhabe, Kartoffeln zu «schnetzeln».

Die Zweifel-Firma war ursprünglich eine Mosterei, die später mit einem Weinhandel ergänzt wurde. Das Geschäft mit dem Most lief nach dem Krieg aber immer harziger und Zweifels Vater suchte «ein zweites Bein». Vater Zweifel sagte zu seinem Filius, der dabei war, das Studium als Ing. agr. an der ETH abzuschliessen:

Chips, das wär doch öppis für dich.

Ganz ins Blaue fällte er den Entschluss nicht: «Chips mached Durscht, Moscht löscht de Durscht.»

Hans-Heinrich Zweifel an einer Hotelfriteuse. Mit vier solchen Geräten wurden in den Anfängen die Chips produziert.

Hans-Heinrich Zweifel an einer Hotelfriteuse. Mit vier solchen Geräten wurden in den Anfängen die Chips produziert.

Zweifel Pomy AG

So fing alles an. Zweifel junior übernahm und setzte alles in Bewegung, um den Schweizern seine Chips schmackhaft zu machen. Er investierte in die Automatisierung der Produktion, noch mehr aber ins Marketing. Und der Vater liess ihn machen und tolerierte die Verluste. Denn der Junior gab mehr aus, als hereinkam. Schon in der Schule sei ihm klar geworden, dass er besser sei im Schätzen als im Rechnen. So einfach ist das.

Eine Erfolgsstory

Ab 1958 werden in Zürich-Höngg Pommes-Chips produziert. 1970 wird die Produktion ausgebaut und nach Spreitenbach verlegt. Der Umsatz der Zweifel Pomy-Chips AG wächst von 0,656 Mio. Franken (1960) kontinuierlich auf 241 Mio. Franken (2019). Der Erfolg beruht einerseits auf der Sorgfalt, die dem Produkt und dem Vertrieb stets gewidmet wurde, andererseits auf dem aufwendigen und genialen Marketing. (chb)

Hans-Heinrich Zweifel ist am 2. November 87-jährig gestorben. Er hatte Humor, ohne Zweifel. Der konnte sogar ins leicht Anarchische gleiten. In einem Zweifel-Werbespot schrillt um 2 Uhr der Wecker, das Paar im Ehebett schreckt auf und greift nach dem Snack-Sack. Ein Anfall von Knusperitis, klar. Zweifel gefiel es, dem Rest der Schweiz nicht: «Das git ja Brösmeli im Bett.»

Hans-Heinrich Zweifel mit seinem Sohn Christoph, seit Juni dieses Jahres CEO der Firma.

Hans-Heinrich Zweifel mit seinem Sohn Christoph, seit Juni dieses Jahres CEO der Firma.

Zweifel Pomy AG

Hans-Heinrich Zweifel/Christoph Hämmig:
Chips-Geschichten
Erschienen 2007 im Selbstverlag.
Vertrieb: Werd-Verlag Zürich.

Eva Maria von Wyl:
Ready to Eat
Die Schweiz entdeckt amerikanische Esskultur.
Verlag hier+jetzt
Baden/Zürich 2015.