Weihnachten
Wie Josef zu einem Heiligenschein und Ochs und Esel an die Krippe kamen

Mit ihren Darstellungen der Geburt Jesu vermitteln Künstler oft theologische Inhalte, die nicht ohne weiteres erkennbar sind. Ein klassisches Beispiel ist das Sarner Weihnachtsbild.

Josef Imbach*
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Die Geburt Jesu, Gemälde eines anonymen Meisters aus dem 15.Jahrhundert im Frauenkloster St.Andreas in Sarnen. Hinter dem sinnierenden Josef, der hier noch keinen Heiligenschein hat, stehen Ochs und Esel im Stall.

Die Geburt Jesu, Gemälde eines anonymen Meisters aus dem 15.Jahrhundert im Frauenkloster St.Andreas in Sarnen. Hinter dem sinnierenden Josef, der hier noch keinen Heiligenschein hat, stehen Ochs und Esel im Stall.

Bild: PD

Als Maria und Josef in Betlehem ankamen, «gebar Maria ihren Sohn. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war». Kein Wort, dass Ochs und Esel bei der Futterkrippe lagen! Von ihnen ist erstmals die Rede in einem wohl im 7. Jahrhundert verfassten Kindheitsevangelium des Pseudo-Matthäus: «Bei der Krippe knieten auch der Ochs und der Esel und beteten das Jesuskind an. So erfüllte sich das Wort des Propheten Jesaja: Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.» Bei Jesaja versinnbildlichen die beiden Tiere das von Gott geführte Volk Israel. Der Verfasser des Kindheitsevangeliums hingegen interpretiert den Text neu; er deutet an, dass dieser Gott in Jesus Menschengestalt angenommen hat.

Palast oder Stall?

Die Erwähnung einer Krippe hat unzählige Künstler veranlasst, als Kulisse für die Niederkunft Marias einen Stall zu wählen. Andere verlegen das Geschehen in einen verfallenen Palast mit angebautem Koben. Es handelt sich dabei um die Ruinen des Palastes des Königs David. Damit sollte die Ablösung des Alten durch das Neue Testament ins Bild gesetzt werden. Diese Darstellungen gehen auf einen Spruch des Propheten Amos zurück: «An jenem Tag richte ich die zerfallene Hütte Davids wieder auf und bessere ihre Risse aus. Ich richte ihre Trümmer auf und stelle alles wieder her.»

Erstaunen mag, dass das Jesuskind mitunter nackt auf einem Tuch am Boden liegt. Das verdankt sich einer Vision der heiligen Birgitta von Schweden (1303–1373): «In einem einzigen Augenblick gebar Maria ihren Sohn, von dem ein so unsagbarer Strahlenglanz ausging, dass die Sonne nicht damit zu vergleichen war. Ich sah aber gleich das Kind nackt und klar leuchtend auf dem Boden liegen.»

Möglicherweise ist der Strahlenglanz, der das Kind umgibt, nicht nur auf Birgittas Vision zurückzuführen, sondern auch auf den Propheten Maleachi, der davon träumt, dass dereinst «die Sonne der Gerechtigkeit» aufgehen wird über Israel, eine Verheissung, die seit dem frühen Christentum auf Jesus bezogen wurde.

Der Josefszweifel

Auf manchen mittelalterlichen Weihnachtsbildern erweckt Josef den Eindruck, als würde ihn das ganze Geschehen überhaupt nicht betreffen.

Dieser Anschein trügt. Josef ist nicht abwesend; er grübelt nach. Gewisse Bedenken, von denen er laut Matthäusevangelium schon vor Jesu Geburt heimgesucht wurde, scheinen sich erneut zu regen in seinem Herzen. War es vielleicht doch nicht Gott, sondern ein ihm unbekannter Mann, der seine Hand (und nicht nur die) im Spiel hatte, als seine Braut schwanger wurde? Das Motiv des Josefszweifels – so der Fachausdruck – erregte bei den Kirchenoberen zunehmend Anstoss, weshalb es immer seltener wurde und um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert fast gänzlich verschwand.

Dass der rechtliche Vater Jesu auf mittelalterlichen Bildern häufig keinen Heiligenschein trägt, hängt damit zusammen, dass sein liturgischer Gedenktag erst im 15. Jahrhundert eingeführt worden ist. Seither tritt auch er fast immer mit einem Nimbus in Erscheinung. Wie unzählige andere zeigt auch das hier abgebildete Sarner Weihnachtsbild eines unbekannten Meisters aus dem 15. Jahrhundert eine das Jesuskind anbetende Madonna. Es handelt sich ebenfalls um eine Neuerung. Ursprünglich hatten die Künstler keinerlei Hemmungen, Maria als ermattete Wöchnerin abzubilden. Im Spätmittelalter vertraten Theologen die Meinung, dass Maria ohne Schmerzen niederkam. Diese Vorstellung vertrug sich schlecht mit der Annahme, dass sie nach der Entbindung aufgepäppelt werden musste. Spätestens seit dem 15./ 16. Jahrhundert liegt Maria daher nicht mehr im Wochenbett, sondern kniet andachtsversunken vor dem Krippenkind.

Die Bedeutung von Marias offenen Haaren

Auf den meisten Weihnachtsbildern trägt Maria kein Kopftuch. Wie aus zahlreichen profanen Porträts hervorgeht, war es im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit in nordischen Ländern üblich, dass verheiratete Frauen ihre Haarpracht verhüllten. Wenn die damaligen Maler Maria nach ihrer Niederkunft ohne Kopftuch zeigen, deuten sie damit an, dass sie mit Josef nur verlobt war und nach wie vor Jungfrau.

*Josef Imbach (*1945) ist Theologe und Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt ist von ihm erschienen: «Die Wahrheit der Bibel. Widersprüche, Wunder und andere Geheimnisse», Theologischer Verlag, Zürich 2020.