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«Wir müssen die Neugeborenen vor Schmerz schützen» – Wie Babys ohne Medikamente beruhigt werden können

Warum ein Neugeborenes schreit, ist nicht leicht zu wissen. Dabei sollten Schmerzen unbedingt erkannt werden.

Warum ein Neugeborenes schreit, ist nicht leicht zu wissen. Dabei sollten Schmerzen unbedingt erkannt werden.

Tut dem Baby etwas weh, wenn es schreit? Das ist sogar für Fachleute schwer zu sagen. Nun wurde das Hilfsmittel dafür überarbeitet: Ein Formular, welches die Wahrnehmung objektiver machen soll.

«Jahrelang wurde das Thema Schmerzen bei Neugeborenen schwer vernachlässigt», sagt Eva Cignacco, Leiterin der Forschungsabteilung Geburtshilfe Berner Fachhochschule. Früher glaubte man sogar, dass Neugeborene zwar Reflexe hätten, aber noch zu unreif seien, um wirkliche Schmerzen zu empfinden. «Wir bezweifelten, dass diese Annahme ihre Richtigkeit hatte», sagt Cignacco. 1987 bestätigte dann eine Studie aus den USA erstmals die Fähigkeit von Neugeborenen, Schmerz zu empfinden.

Anfang der Nullerjahre wurde in Bern der «Berner Schmerzscore für Neugeborene» entwickelt – bald eine gängige Methode im deutschsprachigen Raum, um den Schmerz der Babys zu erkennen. Neun Indikatoren sollten zeigen, ob die Neugeborenen Schmerzen empfinden. Nach einigen Jahren kamen Zweifel auf, ob die Methode ausgereift ist, da diese nur bei nur zwölf Neugeborenen getestet worden war. Eva Cignacco startete deshalb 2014 ein neues Forschungsprogramm. Die Frage lautete: Wie zuverlässig erkennt der Score den Schmerz von Frühgeborenen?

Die Studie berücksichtigte 150 Neugeborene, wovon zwei Drittel Frühgeburten waren. Dabei wurden 2000 Videosequenzen aufgenommen.

Frühgeborene äussern ihre Schmerzen schwächer

Von den anfangs neun Indikatoren sind bei der kürzlich erschienenen Neuauflage noch vier übrig geblieben: Gesichtsmimik, Weinen, Körperausdruck und Herzfrequenz. Gestrichen wurden: Die Dauer, bis das Baby sich beruhigt, die Atmung, die Hautfarbe, die Sauerstoffsättigung und der Verhaltenszustand des Neugeborenen. Obwohl es weniger Indikatoren gibt, sei der neue Schmerzscore aussagekräftiger, weil er an mehr Neugeborenen getestet wurde, sagt Cignacco.

Eine erfahrene Pflegefachfrau der Neonatologie in Zürich sagt zwar, dass auch ohne Score erkennbar sei, wenn Neugeborene Schmerzen haben, doch extrem Frühgeborene zeigten kaum äusserliche Reaktionen. «Und wichtig ist, dass die Beurteilung möglichst einheitlich und objektiv geschieht.» Deshalb ist der Score wichtig. Er gilt bis zur 44. Woche – also bis einige Wochen nach dem normalen Geburtszeitpunkt.

Zu früh Geborene zeigen den Schmerz weniger

Cignacco hat mit der Analyse der einzelnen Videosequenzen zudem herausgefunden, dass die Schmerzreaktionen der Babys, die zu früh geboren wurden, schwächer sind als die der Termingeborenen – dies ist der Unreife der Frühgeborenen geschuldet. Das zu wissen, ist wichtig.

«Stellen wir Schmerzen fest, versuchen wir zuerst, nichtmedikamentös eine Linderung zu schaffen», sagt Cignacco. Das könne mit einer oralen Zuckerlösung sein oder mit einer bestimmten Haltetechnik des Neugeborenen. «Sollte das nichts bringen, greifen wir – nach vorheriger Abklärung – zu Schmerzmitteln.»

Viel Schmerz im frühen Kindesalter kann zu Problemen führen

Und wenn die Schmerzen nicht erkannt werden? «Heute wissen wir, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Schmerz im frühen Kindesalter und späteren neurologischen Beeinträchtigungen gibt», sagt Cignacco. Das Kind könne später mit kognitiven und motorischen Problemen zu kämpfen haben.

Doch Fehlinterpretationen soll es keine geben. «Es finden Schulungen des Fachpersonals statt», sagt Cignacco. Im August geht es bereits los, und gleich nach der ersten Schulung wird der Score in den Neonatologien des Universitätsspitals Zürich und Bern implementiert. «Wir müssen die Neugeborenen vor Schmerz schützen und ihnen einen guten Lebensstart ermöglichen», findet die Forscherin.

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