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« … und wo der Busen sich befand, da wogte er.»

Noah Vetsch
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Bild: Noah Vetsch

Bild: Noah Vetsch

(chm)

Er hat es wieder getan!

Der gefeierte Jungregisseur mit dem bernerischen Charme, Simon Burkhalter, hat mit Wiener Blu(e)t, einer Schweizerdeutschen Neufassung der straussschen Operette aus dem Wien der Belle Epoque, einen weiteren, grandiosen Erfolg auf der Bühne der PopUp- Operetta in Möriken gefeiert.

Es ist wahrscheinlich die erste schweizerdeutsche Operette überhaupt und somit durchaus von nationaler Bedeutung im Dreivierteltakt.

Die Handlung spielt, entgegen der Originalfassung, nicht etwa in Wien, sondern wird kurzerhand in den Aargau verlegt, und zwar, getreu dem Wesenszug einer komischen Operette, in einen fiktiven Ort namens Längwyligen. Das Landhaus des Bundesrates, Balduin Graf, bildet den Hintergrund des ersten Aktes, der von der fantasievollen Ouvertüre, einem regelrechten Potpourri bekannter Melodien, eingeläutet wird.

Dem Tenor Raimund Wiederkehr ist die Rolle des flatterhaften, alternden Playboys in Person des Bundesrates Balduin Graf, wie auf den Leib geschneidert. Mit viel Charme und Schalk füllt er die Figur voll aus und seine Stimme trägt problemlos durch den Abend. Ebenfalls eine gewohnt durch und durch professionelle Leistung erbringt Andrea Hofstetter, die gern gesehene Lokalmatadorin, in der Rolle der Fränzi, einer der Affären des Herrn Bundesrates. Der parlamentarische Sekretär, gespielt von Erwin Hurni, übernimmt die Rolle des unfreiwilligen Kupplers, der die ganze Misere mit einem fingierten Liebesbrief ins Rollen bringt.

Die schlüpfrigen Irrungen und Wirrungen des zweiten Aktes, bei dem der Festgesellschaft auf der Bühne kräftig das Wienerblut in den Adern pulsiert und dann der sprichwörtliche Klimax im Wildegger Wald des 3. Aktes, sorgen für kurzweilige, beste Unterhaltung. Stefanie Freis’ Verkörperung der naiven Landpomeranze Vreni ist dabei herrlich erfrischend und ein geheimer Höhepunkt! Regie und Choreografie erinnern bei manchen Szenen zuweilen beinahe schon an die Komik in der Tradition eines Billy Wilder.

Die Solistinnen und Solisten sind ein eingespieltes, hochprofessionelles Team, das mühelos die Tempiwechsel des Orchesters mittragen konnte.

Die stimmgewaltige Flurina Ruoss, welche Gabriele, die lustvolle Frau des Bundesrates Graf interpretiert und mit ihrer Bühnenpräsenz verzaubert, ist Indikator für die Qualität des sängerischen Ausdrucks der gesamten Produktion.

Das Premierenpublikum überzeugte die schauspielerische und musikalische Darstellung genauso, wie auch die prächtigen, historisierenden Kostüme von Bettina Setz.

Allen Mitwirkenden gebührt grosses Lob!

Für eine:n Sängin:er ist die Umsetzung der Rolle im Sinne der Regie, immer eine besondere Herausforderung. Simon Burkhalter, der diesmal in der Rolle des Sittenpolizisten Ypsheim selbst auf der Bühne steht, und dem Regieassistenten Yves Ulrich alias Kagler ist durch eine klare Vorstellung der Szenerie, welche auf den ersten Blick in den Bann zieht, sowie durch eine feinfühlige Regie der Kunstgriff gelungen, mit Witz und Können den Darstellenden zu einer souveränen Leistung zu verhelfen.

Post-Covid ist es ein Segen den Dreivierteltakten von Johann Strauss zu lauschen, besonders wenn das Bühnenstück von einem so hochmotivierten Team wie jenem der PopUp-Operetta Möriken aufgeführt wird.

Es braucht Mut, in diesen schwierigen Zeiten solch ein grosses Projekt zu stemmen und der positiven Strahlkraft der ganzen Unternehmung gilt es Reverenz und Dank zu erweisen.

Noah Vetsch, Kulturschaffender

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