Eine Wanderung durch einen alten, verwilderten Friedhof hat etwas Mystisches, fast schon Beängstigendes an sich. Hunderte Jahre reichen die Gräber teilweise zurück, die uns daran erinnern, dass alles menschliche Leben, egal ob es lange oder kurz währte, einmal ein Ende hat. Während sich unsere Vorfahren auf den Friedhöfen beerdigen und ihren Nachkommen einen bestimmten Platz für die Trauer hinterliessen, nimmt die Bestattung heutzutage oft andere Formen an.

Erdbestattungen in einem traditionellen Reihengrab gibt es sowohl bei Katholiken als auch bei Protestanten nur noch sehr wenige, die Urnenbeisetzung wird schon längere Zeit stärker bevorzugt. Doch bei der Urnenbeisetzung bieten sich weit mehr Möglichkeiten zur Beisetzung, die nicht nur auf dem Friedhof stattfinden muss. Dies erfreute sich in den letzten Jahren grösserer Beliebtheit.

Diese Tendenz kann auch Noeline Schulz, Friedhofvorsteherin der Gemeinde Weiningen, bestätigen. Im Jahr 2016 ereigneten sich rund 107 Todesfälle. Von diesen Todesfällen wurden 78 Personen auf dem Gemeindefriedhof beerdigt, wobei darunter nur acht Erdbestattungen, alle anderen jedoch Urnenbestattungen waren. Es bleibt eine Differenz von 29 Personen.

«Viele dieser Personen wurden eingeäschert, die Urne dann nach Hause genommen», sagt Schulz. Was dann mit den sterblichen Überresten geschehe, könne die Gemeinde jedoch nicht vollständig beantworten, da es in der Schweiz grundsätzlich erlaubt sei, die Asche von Angehörigen in der Natur zu verstreuen – sei es im Wald, dem sogenannten Waldfried, in der Luft oder aber auch im Wasser.

Ähnlich sieht es auch in der Gemeinde Urdorf aus, wo Erdbestattungen seit Jahren rückläufig sind und nur noch zehn Prozent aller Beerdigungen ausmachen. Eine Zunahme beobachte Friedhofvorsteherin Petra Lüscher dafür aber bei den Urnen, die nicht mehr auf dem Friedhof beigesetzt werden. «Rund 15 Prozent aller Beisetzungen finden nicht mehr auf dem Gemeindefriedhof statt.» Die Asche würde entweder in der Natur verstreut oder zu Hause aufbewahrt werden.

Kein Aufwand für Angehörige

Für den Rückgang an Erdbestattungen sieht Peter Stoop, Leiter Einwohnerdienste in Uitikon, mehrere Gründe. «Die Urnenbestattung ist ein neuzeitlicher Gedanke, die Vorstellung, dass der Körper unter der Erde verwest, ist für viele ein Problem.» Auch sei bei einem solchen herkömmlichen Grab der Arbeitsaufwand relativ hoch, da die Angehörigen befristet ein Stück Land besitzen, das sie pflegen müssen.

«Viele wählen dann wohl einfach die Kremation und die Urnenbestattung, da dies kostengünstiger ist, und weniger Grabpflege bedeutet», sagt Stoop. Auch Schulz geht davon aus, dass die Urnenbestattung für viele die einfachere Lösung sei. «Viele Verstorbene regeln dies bereits im Voraus, um sicherzustellen, dass die Nachfahren mit dem Grab keinen zeitlichen oder finanziellen Aufwand haben.»

Doch ist es wirklich als zeitlicher und finanzieller Aufwand oder gar als Belastung zu werten, wenn man sich um das Grab eines verstorbenen Familienmitglieds kümmert?

Der Bergdietiker Gemeindeschreiber Patrick Geissmann sieht auch noch eine andere mögliche Ursache. «Ein Friedhof steht immer in Verbindung zu einer Religion.» Denn er sei ein Ort der Stille aber auch des Gebets. «Konfessionslose Menschen wollen teilweise gar nicht mehr auf einem Friedhof beigesetzt werden», so Geissmann.

Freier Platz – neue Möglichkeiten

Durch die leicht abnehmende Zahl an Bestattungen auf dem Friedhof entstehe freier Platz, der nicht mehr von Gräbern belegt wird, sagt Lüscher. Die steigenden Bevölkerungszahlen können den Rückgang der Gräber jedoch etwas auffangen, denn mehr Bewohner bedeuten automatisch auch mehr Tote.

Da Urnengräber jedoch viel weniger Platz benötigen und dort Gemeinschaftsgräber immer beliebter werden, gebe es auf Dauer mehr freie werdende Fläche. «Es ist wichtig, dass wir uns Gedanken machen, wie wir diesen Platz in Zukunft sinnvoll verwenden könnten», sagt Stoop.

Viele Gemeinden wandeln die freie Fläche in parkähnliche Friedhofsanlagen um, wie dies beispielsweise beim Stadtzürcher Friedhof Sihlfeld der Fall ist. Von der Bevölkerung wird dieser auch als Erholungsgebiet genützt.

Dass der Friedhof im herkömmlichen Sinn aufgrund der steigenden Individualisierung der Beisetzung irgendwann ausgedient hat, denkt Lüscher jedoch nicht. «Er wird immer einen Ort der Besinnung für Angehörige sein.»

Und so können auch unsere Nachfahren, noch in vielen Jahren, schaudern über diesen mystisch verwilderten Friedhof wandern.