Zürich

Auf Tauchgang im Zürichsee: «Ich will dieses Gefühl der Schwerelosigkeit weitergeben»

Bei der Seeputzete kamen auch versunkene Fahrräder zutage.

Ein Tauchgang mit dem Tauchlehrer Markus Matt gibt Einblicke in die Unterwasserwelt des Zürichsees.

Die Sonne brennt schon frühmorgens aufs Zürichseeufer. Im Schatten eines Baumes macht ein Grüppchen Yoga-Übungen. Daneben lädt ein Müllauto mit rotierenden Bürsten Flaschen, Büchsen und Plastikgeschirr auf. Die lauen Sommernächte hinterlassen ihre Spuren am See – auch unter Wasser.

Beim Wassersportzentrum Tiefenbrunnen wartet Markus Matt. Er ist Instruktor der Tauchschule Scuba Viva, die letzten Sonntag ihren jährlichen Clean-up-Day durchführte. Zwischen Bellevue und Utoquai holten die Tauchenden und ihre Helfer vier Tonnen Abfall aus dem Zürichsee. Nun wollen wir gemeinsam Einblicke in Zürichs Unterwasserwelt gewinnen.

Der 43-Jährige begann 2013 zu tauchen. «Schon nach dem ersten Tauchgang wusste ich: Ich werde Tauchlehrer», sagt er. «Ich will dieses Gefühl der Schwerelosigkeit weitergeben.» Wir zwängen uns in die Taucheranzüge, ziehen die Flossen und Masken an, schnallen je eine Flasche mit 2000 Litern Luft auf den Rücken und steigen ins Wasser. Um meinen Bauch sind zehn Kilo Blei gepackt. Nach ein paar Test-Übungen, bei denen Luft ins Jackett gepumpt und zum Abtauchen wieder abgelassen wird, gehts runter zum Seegrund.

Ein steinerner Löwe ist eine der Attraktionen, die wir beim Tauchgang im Zürichsee antreffen.

Ein steinerner Löwe ist eine der Attraktionen, die wir beim Tauchgang im Zürichsee antreffen.

Bald sind wir in zehn Metern Tiefe und passieren eine Trinkwasserröhre. Ein versunkener Steinlöwe begrüsst uns. Wir grüssen zurück. Das Wasser ist hier 13 Grad kühl. Der Druck, der nun auf uns lastet, ist doppelt so gross wie an der Wasseroberfläche. Mit anderen Worten: Ein Luftballon wäre in dieser Tiefe mit der gleichen Luftmenge nur noch halb so gross wie vor dem Abtauchen. Und zum Teil, nämlich in der Lunge und im Hals-Nasen-Ohrentrakt, sind wir Luftballone. Mit zugehaltener Nase gleichen wir den Druck beim Abtauchen zwischendurch mehrmals aus. Ausser den Atemgeräuschen ist nichts zu hören. Wir verständigen uns mit Zeichensprache.

Warnung vor Krokodilen

Markus – man ist per Du unter Tauchern – hat eine orange Plastiktüte mitgenommen, um vom Seegrund Müll einzusammeln. Da und dort liegt eine Flasche oder glänzt ein Kronkorken. Auch ein Verkehrsschild, das vor Krokodilen warnt, treffen wir an. Doch insgesamt wirkt der Seegrund an diesem Ort ziemlich sauber. Es gehöre gleichsam zum Ehrenkodex der Taucher, dass sie unter Wasser Müll aufräumen, wird Markus später beim Kaffee im Laden der Tauchschule sagen. Und Tauchgänge finden hier öfters statt: Das Wassersportzentrum Tiefenbrunnen ist einer von 61 Tauchplätzen, die sich rund um den Zürichsee etabliert haben – in erster Linie, weil man mit dem Auto nahe ans Wasser fahren kann und so die schwere Taucherausrüstung an Land nicht weit tragen muss.

Unser Tauchgang geht weiter. Ein Eglischwarm ist zu sehen. Die kleinen gestreiften Fische lassen sich durch die Taucher nicht aus der Ruhe bringen. Markus erspäht auch einen Sonnenbarsch, der etwas grösser und runder ist. «Eigentlich ist das ein Aquariumfisch. Doch im Zürichsee ist er oft anzutreffen», sagt der Tauchlehrer später an Land.

Allmählich ist es Zeit, wieder aufzutauchen: Die Luft in der Gasflasche würde sonst langsam knapp. Wir kehren zurück zum Einstieg beim Wassersportzentrum, ziehen die Flossen aus und steigen treppauf aus dem Wasser. Sogleich macht sich die Sonnenhitze mit dem Neoprenanzug gnadenlos bemerkbar. Weg mit dem Zeug, zurück ins Auto und auf einen Kaffee in die Tauchschule.

Tauchlehrer Markus Matt sammelt Müll vom Seegrund ein.

Tauchlehrer Markus Matt sammelt Müll vom Seegrund ein.

Dort angekommen, erzählt der Tauchlehrer von seinen Erlebnissen im Zürichsee. Teilweise hört es sich an wie eine Sightseeing Tour. Da ist die Rede vom Skelett, dass jemand bei Erlenbach in 32 Metern Tiefe auf dem Seegrund auf einen Stuhl gesetzt und mit einem Schild versehen hat, auf dem sinngemäss stehe: «Schau nicht so doof, ich bin auch erschrocken.» Auch Bootswracks gibt es zu besichtigen. «Und einmal traf ich einen Sonnenbarsch, der auf dem Seegrund einen Kreis freigeräumt hatte und aggressiv tat, als ich mich näherte.»

Manchmal sei der See auch die Hölle, etwa bei der Instruktorenprüfung am 4. Mai: Kälte, Schneeregen, Wellengang, höchstens eineinhalb Meter Sicht unter Wasser. Doch Markus bestand. Er war gut vorbereitet.

Bei seinen Tauchgängen erlebte er auch schon heikle Situationen, etwa bei einem Ausbildungsgang in Deutschland, als er und sein Begleiter sich in einer Angelleine verhedderten. «Als wir aus dem Wasser kamen, bedrohte uns der Angler mit einem 30 Zentimeter langen Messer, weil wir seine Angel zerstört hatten.» Dabei sei Angeln an diesem See verboten.

Der Eglischwarm lässt sich durch die Taucher nicht beunruhigen.

Der Eglischwarm lässt sich durch die Taucher nicht beunruhigen.

Brenzlig wurde es auch, als ihn einmal die Kopfhaube oder die Manschette des Taucheranzugs zu fest am Hals drückte. Das Blut wurde gestaut, die Herzaktivität sank. «Durch den natürlichen, sogenannten Carotis-Sinus-Effekt geriet ich in Panik.» Mit einem Notaufstieg aus 25 Metern Tiefe konnte er sich retten. «Auch nach 300 Tauchgängen ist man nicht gefeit vor technischen Problemen», sagt der Tauchlehrer und nippt am Kaffee.

Die Gefahren des Tiefenrauschs gelte es ebenfalls nicht zu unterschätzen: «Bei Tauchgängen in 25 bis 30 Metern Tiefe merkst Du, wie Du im Kopf ein bisschen matschig wirst», sagt Markus und vergleicht den Zustand mit einem leichten Alkoholrausch. In solchen Situationen gelte es, kühlen Kopf zu bewahren und kontrolliert wieder aufzutauchen. Jedoch nicht zu schnell, denn sonst löse sich der beim Tauchen im Körper abgelagerte Stickstoff zu rasch, was im schlimmsten Fall zu inneren Blutungen und zum Tod führen könne.

«Aber solange man auf seine Vernunft hört, ist Tauchen ein sicherer Sport», gibt mir der 43-Jährige beim Abschied mit auf den Weg. Das Bild des friedlichen Eglischwarms bleibt noch lange vor meinem inneren Auge.

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