Kinderschänder-Fall
«Äusserst bedauerliche» 211 Tage bis zur Verhaftung: Interne Prüfung eröffnet

Nachdem an der Gerichtsverhandlung bekannt wurde, dass zwischen Anzeige und Verhaftung des Limmattaler Kinderschänders mehr als ein halbes Jahr verstrich, schaltet sich die Oberstaatsanwaltschaft ein. Sie will herausfinden, ob bei der Fallbehandlung alles mit rechten Dingen zuging.

David Egger
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Wäre der Limmattaler Kinderschänder gleich nach der Anzeige verhaftet worden, hätte sein letztes Opfer ein halbes Jahr weniger lang leiden müssen.

Wäre der Limmattaler Kinderschänder gleich nach der Anzeige verhaftet worden, hätte sein letztes Opfer ein halbes Jahr weniger lang leiden müssen.

Bettina Hamilton-Irvine

Zwischen der Anzeige gegen den pädophilen Ex-Cevi-Leiter am 30. Juni 2014 und seiner Verhaftung am 27. Januar 2015 verstrichen sieben Monate oder 211 Tage. Dies kam am Dienstag an der Gerichtsverhandlung in Dietikon heraus – und hat nun Folgen: «Es ist äusserst bedauerlich, dass dadurch weitere sexuelle Übergriffe zum Nachteil eines Geschädigten erfolgen konnten», hat Christian Philipp, Mediensprecher der Oberstaatsanwaltschaft, am Donnerstag gegenüber TeleZüri gesagt. «Nun wird untersucht, welche Gründe zu dieser verzögerten Verhaftung geführt haben», so Philipp weiter. Die Untersuchung könnte Konsequenzen nach sich ziehen.

Offenbar wurde die Tragweite des Falls zuerst nicht erkannt: Die Staatsanwaltschaft musste aufgrund ihrer damaligen Kenntnisse eine Einschätzung treffen. Aufgrund der Einschätzung wurde der Fall in der Prioritätenliste entsprechend eingereiht. Das volle Ausmass des Falls wurde dann erst mit der Verhaftung klar. Am Fall waren zwei Staatsanwaltschaften beteiligt: Zuerst die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis, dann die Zürcher Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte.

Erste Verhaftungsaktion im Herbst 2014 war gescheitert

Wie an der Gerichtsverhandlung klar wurde, hatte die Staatsanwaltschaft am 21. Oktober 2014 ihren ersten Vorführungsbefehl an die Polizei übermittelt. Leider konnte die Polizei den Mann dann nicht am Ort auffinden, an dem sie ihn erwartet hatte. Die Haftaktion scheiterte. Daraufhin widmete die Staatsanwaltschaft ihre höchste Priorität wieder anderen Fällen zu und veranlasste später die nächste Verhaftungsaktion. Diese erfolgte dann am 27. Januar 2015.

Das frühere Opfer, das die erste Anzeige erstattete, tat dies eigentlich, um weitere mögliche Opfer vor dem Missbrauch zu schützen. Der heute erwachsene Mann entschied sich damals zur Anzeige, nachdem er den Kinderschänder in einem Auto zusammen mit einem Knaben gesehen hatte.

Das eigentliche Verfahren gegen den Kinderschänder, der vor Gericht einen Grossteil der während rund 20 Jahre erfolgten Übergriffe gestanden hat, geht am 19. Mai weiter: Dann verkündet das Bezirksgericht Dietikon sein Urteil. Die Staatsanwaltschaft hat 13 Jahre Freiheitsstrafe gefordert, die Verteidigung 3 Jahre.

Alles zum Limmattaler Kinderschänder-Fall:

30.3.2017

Anklage des Schreckens: Die Limmattaler Zeitung macht den Fall öffentlich. Ein Mann hat laut Staatsanwaltschaft zwischen 1994 und 2014 acht Kinder missbraucht. In der Anklageschrift heisst es, einer der mehreren hundert Übergriffe sei in einem Pfadilager passiert.

31.3.2017

Bestürzung: Pfadi und Cevi erklären in der Limmattaler Zeitung, was sie gegen Missbrauch unternehmen.

24.4.2017

Fehler in der Anklageschrift: Die Pfadi hat ihre Mitgliederlisten durchforstet und sagt, dass der Beschuldigte nie Mitglied der Pfadi war. Die Limmattaler Zeitung macht öffentlich, dass der Kinderschänder früher wahrscheinlich in der Cevi war.

25.4.2017

Gerichtsverhandlung: Es kommt raus, dass ein Teil der Missbräuche hätte verhindert werden können, da die Verhaftung lange nach der Anzeige stattfand. Zudem bestätigt sich, dass der Mann in der Cevi tätig war. Die Staatsanwaltschaft fordert 13 Jahre Freiheitsstrafe, die Verteidigung 3 Jahre. Weiter zeigt sich, dass sich wegen der Berichterstattung zwei weitere Geschädigte bei den Behörden gemeldet haben.

27.4.2017

Interne Prüfung: Die Oberstaatsanwaltschaft sagt gegenüber TeleZüri, dass sie nun intern prüft, ob beim Fall alles richtig gemacht wurde und insbesondere, wieso die Verhaftung so lange auf sich warten liess.

19.5.2017

Dann will das Bezirksgericht Dietikon das Urteil verkünden. Der Angeklagte hat an der Gerichtsverhandlung einen Grossteil der Übergriffe gestanden. Die Vorwürfe der Anklageschrift würden grundsätzlich zutreffen, sagte er.