Corona-Lockerung

Besonderer Geburtstagsbesuch: Sie feiert ihren 87. hinter dem Plexiglas

Mathilde Wild empfängt ihre Tochter und ihren Schwiegersohn zu ihrem 87. Wiegenfest in der geschützten Besucherzone des Pflegeheims Rugg­acker in Dietikon. Seit dem 6. Mai sind dort wieder Treffen mit Angehörigen möglich. Die Mitarbeitenden berichten von emotionalen Momenten.

Erwartungsvoll sitzt Mathilde Wild im «Kafi 39». So nennt das Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon die drei geschützten Besuchsräume in der Mehrzweckhalle des Standorts Ruggacker an der Bremgartnerstrasse 39. Die Seniorin blickt durch eine Plexiglasscheibe auf die Fensterfront auf der anderen Seite des Zimmers. Eine Frau und ein Mann nähern sich. Alexandra Riss, stellvertretende Leiterin der Hotellerie, öffnet ihnen die Glastüre. Beide strahlen übers ganze Gesicht und grüssen Wild mit grossen Armbewegungen. «Happy birthday to you, happy birthday to you», singen sie und Wild klatscht in die Hände. «Alles Gute zum Geburtstag, Mami», sagt Jsabella Würsch. Sie und ihr Mann Urs besuchen ihre Mutter an diesem Donnerstagnachmittag.

Nicht nur aufgrund des Ehrentags ist es ein spezieller Moment für die Familie. Umarmen und liebkosen können die Würschs die Jubilarin nicht. Das Corona-Besuchsverbot wurde zwar gelockert, doch Körperkontakt ist immer noch untersagt. Die Familie macht das Beste daraus. «Ich finde es lässig, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, uns zu treffen», sagt Jsabella Würsch. Zu Beginn der Krise habe man sich über Videotelefonate ausgetauscht. «Da meine Mutter schwerhörig ist und viel von den Lippen abliest, ist für sie die Kommunikation auf diese Art aber um einiges leichter.»

Mühe mit dem Besuchsverbot hatte Wild jedoch nicht. «Sie ist ein sehr optimistischer Mensch und sieht in allem etwas Positives», sagt die Tochter. Langweilig sei es ihr nie gewesen, bestätigt Wild. «Ich habe gemalt und mich mit dem Legespiel Triomino beschäftigt», sagt die 87-jährige Dietikerin. Es ist ihr erster Geburtstag im Altersheim. «Sie hat sich letztes Jahr gewünscht, dass sie den 86. noch zuhause verbringen darf. Das konnten wir ihr ermöglichen», sagt Jsabella Würsch. Sie hat ihre Mutter bereits am Muttertag letzten Sonntag gemeinsam mit ihrem Bruder besuchen können. Für Schwiegersohn Urs ist es aber das erste Wiedersehen nach acht Wochen.

Sechs Besuche sind pro Nachmittag möglich 

Offeriert wird der Familie ein Getränk. «Wir heissen die Bewohner und Besucher so willkommen. Wir wollen, dass sie sich wohl fühlen», sagt Alexandra Riss. Auf dem Tisch stehen Vasen gefüllt mit Wiesenblumen. Ein Sommerhut schmückt das eine Ende der Plexiglasscheibe. «Der Hut nimmt das Thema Schutz auf und soll gleichzeitig an den Sommer erinnern. Wir wollen damit eine heitere Atmosphäre schaffen», sagt Riss. Um die Einrichtung der Räume, den Empfang der Angehörigen sowie die Koordination der Besuche kümmert sich mehrheitlich die Abteilung Hotellerie. Jeden Nachmittag können die 180 Bewohnerinnen und Bewohner des Alters- und Gesundheitszentrums Dietikon in den drei Zimmern von 14 bis 16.15 Uhr ihre Liebsten empfangen. Insgesamt sind sechs Besuche pro Nachmittag möglich. «Das Angebot ist gut angelaufen, wir sind fast ausgebucht», sagt Riss. Das mache den Mehraufwand, den die Betreuung der Besucherzone verursache, wett. «Unser Einsatz wird geschätzt, das macht Spass», sagt Riss.

Mittlerweile nippt Wild an einem Glas Süssmost. Auf dem Tisch vor ihr liegt ein Kleiderkatalog, den sie zum Treffen mitgebracht hat. Die Seniorin hält eine Seite gegen die Plexiglasscheibe. «Kannst du mir dieses Jäckchen posten?», fragt sie ihre Tochter und zeigt auf einen weissen Pullover mit Blumenmuster. «Ja Mami, ich bestelle es für dich», sagt Jsabella Würsch. Sie und ihr Mann sind aber nicht mit leeren Händen zum Geburtstagstreffen erschienen. «Wir mussten das Geschenk abgeben, damit es desinfiziert werden kann.» Es handelt sich um ein Fresspäckli mit Lieblingsprodukten der Mutter.

Kurz nach Stellenantritt war er schon im Krisenmodus

So fröhlich zu und her wie bei der Familie Wild Hürsch geht es nicht bei jedem Treffen, weiss Alexandra Riss. «Es gibt Bewohner, die unglücklich über die Situation sind. Sie weinen während des Besuchs, weil sie ihre Angehörigen nicht umarmen dürfen.» Die Momente in der Besucherzone seien sehr emotional. «Es ist eine schwierige Zeit, weil die strengen Regeln eine Einschränkung für die persönliche Freiheit bedeuten», sagt Gesamtleiter Andreas Schlauch. Es sei viel Verständnis gefordert. Mehrheitlich sei dieses aber auch vorhanden. «Die Krise ist eine Prüfung für uns alle.» Schlauch ist froh um das Engagement seiner 179 Mitarbeitenden. «Es ist eine strenge Zeit für sie, aber ich habe noch niemanden gehört, der sich beklagt hat. Dass man in der Coronakrise Arbeit und den vollen Lohn hat, sehen viele als Privileg.»

Auch für den 53-Jährigen ist die Pandemie eine Herausforderung. Am 1. Oktober trat er die Nachfolge von Christoph Schwemmer an, der das Alters- und Gesundheitszentrum über 20 Jahre leitete. «Ich bin dankbar, dass ich ein so gutes Haus und Team übernehmen konnte. Den Start habe ich mir jedoch weniger turbulent vorgestellt», sagt Schlauch. Zum Glück habe sich keiner der Bewohner mit dem Virus angesteckt. Anders sah es beim technischen Dienst aus. «Der Leiter erkrankte an Covid-19, was dazu führte, dass er und Quarantäne-bedingt sein ganzes Team ausfielen. Ihm geht es heute wieder gut. Das Team wurde negativ getestet.» Man sei in dieser Zeit froh gewesen um die Unterstützung von Daniel Frei, der sonst als Badmeister die Badi Fondli betreut. Der Gesamtleiter ist erleichtert, dass die Coronakrise bisher so gut gemeistert werden konnte.

40 Minuten sind verstrichen. Mathilde Wild verlässt den Besuchsraum am Rollator. Sie wirkt zufrieden. «Ich habe einen schönen Geburtstag gehabt», sagt die Seniorin. Sie könne nicht klagen. «Ich fühle mich mit 87 Jahren immer noch jung.»

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