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Buchhändler Wyss: «Der Internethandel geht mich nichts an»

Der Buchhändler Hans Peter Wyss ist überzeugt, dass das gedruckte Buch eine Zukunft hat.

Der Buchhändler Hans Peter Wyss ist überzeugt, dass das gedruckte Buch eine Zukunft hat.

Die intensive Beschäftigung mit Büchern ist für den ehemaligen SP-Politiker und jetzigen Treuhänder Hans Peter Wyss zu einer Herzensangelegenheit geworden.

Herr Wyss, wie kommt man als Treuhänder dazu, eine Buchhandlung zu kaufen?

Hans Peter Wyss: Das Treuhandbüro betreibe ich seit 30 Jahren. Ich bin selbstständig. Andererseits habe ich seit meiner Kindheit immer viel gelesen. Und dann war das ein Zufall, dass ich zu dieser Buchhandlung gekommen bin, in der ich seit je Kunde war.

Sie bekamen ein Kaufangebot?

Ja, es ging entweder um Schliessung oder Verkauf. Ich dachte, für mich könnte diese Buchhandlung ein Altersprojekt werden. Es kam dann eben früher.

Sind Sie trotzdem zufrieden mit Ihrer Situation?

Grundsätzlich schon. Ich habe aber, im Unterschied zu meiner Tätigkeit als Treuhänder, die fixen Öffnungszeiten eines Ladens unterschätzt.

Gehört da nicht ein bisschen Masochismus dazu, heutzutage eine Buchhandlung zu betreiben?

An einem schönen Samstagnachmittag hier zu sitzen, wenn nichts läuft, das ist schon hart.

Sie führen jetzt zwei Berufe aus. Welcher gefällt Ihnen besser?

Das kann man nicht gegeneinander ausspielen. Es sind zwei verschiedene Berufe, die sich insofern ergänzen, weil Treuhänder ein etwas einsamer Beruf ist, in dem man viel alleine arbeitet. Über die Buchhandlung kann ich dagegen das soziale Umfeld teilweise abdecken und Kontakte pflegen.

Und wenn Sie sich doch entscheiden müssten?

Seit ich die Buchhandlung betreibe, gefällt mir auch mein ursprünglicher Beruf wieder besser. Die beiden Tätigkeiten inspirieren sich gegenseitig.

Was macht den Reiz des Buchhändlers aus?

Sicher der Kundenkontakt. Ich bin wieder besser integriert in Dietikon und dies weit über meinen ursprünglichen Bekanntenkreis hinaus. Und natürlich auch, Bücher auszupacken, etwas anschauen, daran zu riechen, ihre Schönheit zu sehen. Das ist wie Weihnachten. Die Arbeit mit Büchern weitet auch den Horizont aus, einerseits über Neuerscheinungen, andererseits über Kundenwünsche zu Sachgebieten, von denen ich keine Ahnung hatte. Das ist sehr schön.

In der Schweiz sind die kleinen Buchläden unter Druck. Das werden auch Sie spüren, zumal Sie auch eine direkte Konkurrenz in der Stadt haben.

Es sind verschiedene Faktoren: Seit meiner Geschäftsübernahme am 1. September 2008 hat der Buchmarkt riesige Umwälzungen erfahren im kleinen Schweizer Markt, der rund 800 bis 900 Millionen Franken Umsatz generiert. Es hängen jedoch sehr viele Arbeitsplätze davon ab. In dieser Zeit ist die Buchpreisbindung nicht wieder gekommen, dann wurde der Buchhandel übers Internet ausgeweitet und wegen des Eurokurses wurden die Bücher nochmals billiger. Zur Konkurrenz in der Stadt will ich nichts sagen. Für mich unverständlich ist das Engagement von Ex Libris gegen die Buchpreisbindung. Nach gewonnenem Abstimmungskampf werden Filialen geschlossen, so auch diejenige in Dietikon. Ob das lediglich eine Machtdemonstration der Migros war, weiss ich nicht. Dabei schreibt sie Kultur gross auf ihre Fahne.

Wie begegnen Sie dem zunehmenden Druck seitens der Internethändler?


Dem begegne ich nicht, das geht mich eigentlich nichts an.

Aber Sie spüren ihn doch.

Dass die so billig ausliefern und versenden können, ermöglichen sie über die tiefen Löhne und schlechten Arbeitsbedingungen der Angestellten. Nur so können Bücher immer billiger werden. Das ist aber ein gesellschaftliches Problem, ich muss ja nicht von meiner Buchhandlung leben. Sie ist nicht meine Existenz. Ich bin daher sehr privilegiert.

Sie bieten regelmässig kulturelle Veranstaltung an. Ist das der Weg der kleinen Buchhandlungen, sich eine Nische zu suchen und persönlicher zu sein?

Die Kundenbindung ist das Thema. Einerseits kann man mit kulturellen Veranstaltungen einen weiten Bogen spannen und Interessenfelder auftun, die man noch nicht kennt. Ein Vorteil ist andererseits, mit den Kulturschaffenden in Kontakt zu kommen und sie kennen zu lernen.

Bringen kulturelle Veranstaltungen mehr Kunden in den Laden?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Ich organisiere sie aus Freude daran und verstehe sie auch als kulturelle Bereicherung des Stadtlebens. Das Echo der Anwesenden war bis jetzt immer positiv. Die Leute schätzen es, im kleinen Rahmen nah dran zu sein. Der unwiederbringliche Moment macht den Charme solcher Veranstaltungen aus. Am nächsten Dienstag zeigt Patrick Bolle seinen Film über das Safiental in meiner Buchhandlung. Das wird sicher ein ganz spezieller Abend.

Einer der wichtigsten Orte in Ihrem Laden scheint der Kaffeetisch zu sein. Sie pflegen eine Kultur des Alltags. Mit Erfolg?

Ich finde es wichtig, einen Begegnungsort zur Verfügung zu stellen und Leute zusammenzuführen, die sich sonst im Alltag nicht treffen. Letzthin war eine Kundin hier, die im Altersheim dementen Leuten Geschichten vorliest. Dann kam zufällig die Leiterin der Demenzabteilung des Dietiker Altersheims Ruggacker herein. Die Konstellation hat ein interessantes Dreiecksgespräch mit mir ergeben. So was finde ich super. Derzeit knüpfe und suche ich Kontakte, weil ich Bücher aus dem slawischen Sprachraum hierher bringen will. Ich habe losen Kontakt zu einem zweisprachigen kroatischen Heft, der über eine Kundin zustande kam.

Sie waren vor kurzem an der Buchmesse in Leipzig. Macht das für einen solch kleinen Laden überhaupt Sinn?

Das ist natürlich ein Erlebnis. Ich war früher immer in Frankfurt. Ich habe den Besuch in Leipzig genutzt, um an kroatischen, slowenischen und albanischen Ständen Kontakte aufzunehmen. Vielleicht ergibt sich da etwas. Im Unterschied zu Frankfurt ist Leipzig kleiner, und doch hat es mich fast erschlagen. Man kann 600 Lesungen oder Gespräche besuchen, das ist grossartig. Das riesige Angebot an Büchern ist überwältigend.

Welches sind laut Leipziger Buchmesse die Trends des Jahres?

Es fällt auf, dass Pseudoprominente aus Film und Fernsehen viel Erfolg haben. Der Trend, dass Prominente Sachbücher schreiben, ist ungebrochen. Auch deren Vermarktung über die Namen und mit Bild auf dem Cover, das kommt immer mehr. Das ist wahnsinnig. An einer Buchmesse sieht man jedoch auch Verlage, die keine teuren Büchervorschauen machen können. Es sind kleine und Kleinstverlage. Die lernt man dort kennen und bestellt auch mal was.

Welches sind Ihre Lieblingsbücher?

Im Leben oder jetzt?

Beides.

Das kann man so gar nicht sagen. Für mich gibts pro Saison, also innert eines halben Jahres, immer wieder Bücher, die ich herausragend finde.

Welche sind es diese Saison?

Einer meiner Lieblinge heisst Hartmut Lange, der schreibt grossartige Novellen; dann den Krimi «Glaube, Liebe, Mafia» von Mark Zak, einem Schauspieler, der auch schreibt, und ich bin noch an der Lektüre von «Kapital» des Engländers John Lanchester. Ich war in Leipzig an seinem Gespräch. Nach einem weiteren Gespräch an der Buchmesse bin ich gespannt auf das Buch von Eva Menasse mit dem Titel «Quasikristalle». Ich freue mich darauf, es zu lesen.

Hat das gedruckte Buch trotz E-Book eine realistische Zukunft?

Ja, natürlich. Es wird parallel laufen. Der Markt des gedruckten Buches wird kleiner und diejenigen, die noch Bücher lesen, wollen eine bessere Qualität, auch im Druck. Sie wollen schönere Bücher und sind auch bereit, mehr dafür zu bezahlen. Darauf muss man sich als stationäre Buchhandlung konzentrieren. Man muss die Massenware weglassen und sein Augenmerk auf schöne Bücher legen.

Wann machen Sie den Laden dicht?

Das ist zurzeit kein Thema. Ich mache das, solange es mir Spass macht und ein Bedürfnis seitens der Bevölkerung besteht.

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