Nach der Urteilseröffnung sagte der 68-jährige Beschuldigte zur Staatsanwältin zum Abschied: «Auf Nimmerwiedersehen!» Er sagte es weder böse noch drohend. Er gab eher in seiner jovialen Art, wie er sie trotz einer drohenden Freiheitsstrafe auch in den Gerichtspausen jeweils gezeigt hatte, seiner Hoffnung Ausdruck, dass diese ganze Sache nun abgeschlossen sei.

Noch ist das Urteil des Dietiker Bezirksgerichts zwar nicht rechtskräftig. Doch ein Weiterzug ans Zürcher Obergericht scheint eher unwahrscheinlich zu sein. Es handelt sich um einen Entscheid, mit dem eigentlich beide Seiten leben könnten: Die Staatsanwaltschaft erreichte antragsgemäss, dass der Pensionär wegen mehrfacher Veruntreuung verurteilt wurde, die Verteidigung, dass der Beschuldigte nicht hinter Gitter muss.

Das Bezirksgericht verhängte am Dienstag eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die es – aufgeschoben während einer Probezeit von drei Jahren – bedingt aussprach. Allerdings verpflichtete das Gericht den nicht vorbestraften 68-Jährigen auch dazu, einigen seiner ehemaligen Kunden Schadenersatz in der Höhe von insgesamt 450 000 Franken zurückzubezahlen. Dabei lebe er von einer kleinen Rente und weder in Saus noch Braus, er fahre ein altes Auto und wohne in einer günstigen Mietwohnung, hatte der Mann schon in der Befragung ausgeführt, die eine Woche vor der Urteilseröffnung stattgefunden hatte.

Für das Gericht war klar, dass der Mann «ein klassisches Schneeballsystem» betrieben habe, wie der vorsitzende Richter sagte. Dies hatte der Mann in der Befragung in Abrede gestellt. Er habe zwar Geld von neuen Kunden als Rückzahlungen an bestehende Kunden verwendet. Doch habe er den alten Kunden keine Zinserträge und weiteren Gewinne ausbezahlt, sondern diese den neuen Kunden zugerechnet. So sei am Ende doch alles aufgegangen.

Willkürliche Rückzahlungen

Der Mann habe von seinen Kunden den Auftrag erhalten, das überwiesene Geld anzulegen, hielt demgegenüber der Richter fest. Dies habe er nicht getan. Er habe auch nie Kenntnis und Überblick gehabt, welcher Kunde in welche Programme einbezahlte und auf welche Rendite dieser Anspruch hätte, da er einfach alles in einen Topf geworfen habe. Die Rückzahlungen an frühere Kunden seien zufällig und willkürlich erfolgt. «Das geht so nicht, das war so nicht bewilligt.» Damit habe er sich der Veruntreuung schuldig gemacht.

Dass der 68-Jährige seine Kunden auf das Risiko der Investitionen aufmerksam gemacht und vor einem allfälligen Totalverlust gewarnt hatte, half dem einstigen Versicherungsberater auch nicht weiter: «Die Kunden willigten in das Risiko einer Anlage ein, nicht in jenes einer absprachewidrigen Verwendung des Geldes», hielt der Richter fest.

Unter anderem in den Jahren 2004 bis 2007 hatte der Mann rund 3,8 Millionen Franken von neuen Kundinnen und Kunden erhalten. 1,1 Millionen investierte er, 2 Millionen reichte er in dieser Zeit als Gewinnbeteiligung oder als Rückzahlung an frühere Kunden weiter. Rund 300 000 Franken zahlte er – unberechtigt – als Provisionen aus. Den Rest von knapp 400 000 Franken oder rund 10 Prozent steckte er gemäss der Berechnung des Gerichts in die eigene Tasche.

Das Bezirksgericht bezeichnete das Verschulden des Mannes als «noch eher leicht». Von einem Betrug sprach es dabei explizit nicht: Der Mann habe kein kompliziertes Lügengebilde aufgebaut, um andere zu täuschen; er habe aber das ihm anvertraute Geld zweck- und treuwidrig verwendet.

Der Mann hatte vor dem Gericht erklärt, dass er zufällig dazu gekommen sei, Investitionsmöglichkeiten anzubieten. Er habe anfänglich, als das Internet aufgekommen sei und sich damit neue Möglichkeiten ergeben hätten, nur sein eigenes Geld angelegt. Weil er dies so erfolgreich tat, traten immer mehr Kollegen mit der Bitte an ihn, doch auch für sie Gewinne zu erzielen. Anfänglich hielt er die getätigten Investitionen noch von Hand auf Blättern fest, später stieg er auf ein Computerprogramm um. Er lancierte schliesslich Internetplattformen und war Geschäftsführer von Unternehmen, die in Zypern und Spanien beheimatet waren. Er sei auf Betrüger hereingefallen, die ihm hohe Renditen versprochen hätten, aber am Ende mit dem Geld von ihm und seinen Kunden abgehauen seinen, hatte er geltend gemacht.