Limmattal
Die grossen Lieferdienste boomen – die lokalen kämpfen ums Überleben

Während die Nachfrage bei den grossen Schweizer Essenslieferdiensten in die Höhe schnellt, brechen bei den regionalen Betrieben die Aufträge ein. Diese bangen um ihre Existenz.

Sven Hoti
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Gegensätze am Rapidplatz in Dietikon: Der lokale Pizza- und Dönerladen erhält weniger Bestellungen als früher, bei der grossen Kette hingegen läuft es gut.

Gegensätze am Rapidplatz in Dietikon: Der lokale Pizza- und Dönerladen erhält weniger Bestellungen als früher, bei der grossen Kette hingegen läuft es gut.

Sven Hoti

Die Gastronomie leidet besonders stark unter der Coronapandemie. Aber dank dem Lieferboom gibt es in der Branche auch Gewinner wie einzelne Lieferdienste und grosse Restaurantketten. Zahlreiche regionale Gaststätten können dagegen nur schwer alleine vom Lieferservice überleben. Sie verzeichnen trotz schweizweiter Restaurantschliessungen und bundesrätlicher Homeoffice-­Empfehlung immer weniger Bestellungen. Für immer mehr Wirte stellt sich die Frage: Gibt es meinen Betrieb überhaupt noch, wenn das alles vorbei ist?

Einer davon ist Balla Ardian von «Die Pizza Italia» in Bergdietikon. Der Geschäftsführer gibt zu: «Ich habe Angst, dass ich mein Restaurant schliessen muss.» Seit Beginn der Pandemie habe er weniger zu tun. Im besten Fall erhalte er noch etwa zehn Onlinebestellungen pro Tag. Einem Mitarbeiter musste er aufgrund der prekären Lage bereits kündigen. Seine Frau hilft im Restaurant aus, der Chef macht die Lieferungen inzwischen selbst. Zu teuer sei es, einen zusätzlichen Lieferanten anzustellen, meint der Geschäftsführer.

Lebensmittel landen im Abfall

Vor einer ungewissen Zukunft steht auch das Restaurant Limmat. Seit bald sechs Jahren führt Sengül Haydar das Lokal am Rapidplatz im Dietiker Limmatfeld. Vom September weg sei die Zahl der Bestellungen immer weiter zurückgegangen. Schon zuvor seien es jedoch weniger als sonst gewesen, so Haydar. Der Umsatz sei um mehr als einen Drittel eingebrochen. Die erhaltenen Unterstützungsgelder aus dem Jahr 2020 seien bereits aufgebraucht und schon wieder zusätzliche beantragt. Die Coronakrise ist für den Geschäftsführer gleichwohl eine existenzielle Krise: «Ich habe Mühe, mein Personal und die Ladenmiete zu bezahlen.»

Ebenfalls mit der aktuellen Situation kämpft Amer Sharabati vom «Crispy Chicken» in Dietikon. Zu Beginn der Coronapandemie habe er noch einige Bestellungen gehabt. Danach sei die Nachfrage zurückgegangen. «Heute hatte ich nicht eine einzige», sagt Sharabati, der den Betrieb seit gut zehn Jahren führt. Weil er nur frische Zutaten verwende, müsse er jeden Tag Lebensmittel wegwerfen. Der Umsatz sei seither um zehn Prozent eingebrochen, bei seinen Angestellten habe er Stunden kürzen müssen. Trotz allem will er weiterkämpfen. «Lieber selbst ein bisschen Geld verdienen, als arbeitslos zu sein», findet er.

«Lockdown hat unserem Erfolg nicht geschadet»

Solche Sorgen kennt «Dieci» nicht. Der grösste Schweizer Pizzakurier konnte seinen Umsatz im Coronajahr um 20 bis 30 Prozent steigern. «Während des Lockdowns im April hatten wir massiv mehr Bestellungen», sagt CEO Patrick Bircher auf Anfrage. Bis zu 500 Bestellungen pro Tag müssten manche der 37 Filialen bewältigen. «Wir kommen kapazitätsmässig immer wieder an den Anschlag», sagt Bircher. Nach einem relativ stabilen Sommer schnellte die Nachfrage laut Bircher im Herbst wieder massiv nach oben; ein Trend, der bis heute anhalte.

Keine illegalen Betriebsöffnungen in Zürich bekannt

Zahlreiche Unternehmen hatten schweizweit angekündigt, sich gestern Montag gegen die vom Bundesrat verordnete Schliessung zu widersetzen und den Betrieb wieder aufzunehmen. Nach Informationen der Kantonspolizei Zürich blieb es im Kanton jedoch bei der Ankündigung.

Man habe zwar über diverse Kanäle Meldungen erhalten, sagt Mediensprecher Florian Frei auf Anfrage. «Wir haben jedoch keinen Betrieb feststellen können, der gegen die Corona-Massnahmen verstossen hat.» Die Kantonspolizei hatte sich laut Frei nicht spezifisch auf die angekündigte Öffnungsaktion vorbereitet.

Über ein «sehr erfolgreiches Jahr» freut sich auch Domino’s Pizza Schweiz. «Der Lockdown hat unserem Erfolg nicht geschadet. Über das ganze letzte Jahr hinweg verzeichneten wir eine erhöhte Nachfrage», schreibt der Kommunikationsbeauftragte Bernhard Kobel. Das Unternehmen hatte sich im Vorfeld mit zusätzlichem Personal eingedeckt, um Engpässe zu vermeiden.

Bundesrat berät über neues Hilfspaket

Die Fast-Food-Kette McDonald’s delegiert ihren Lieferdienst, McDelivery genannt, an externe Lieferanten wie «eat.ch» oder «Uber Eats». Dieser erfreue sich grosser Beliebtheit, teilt die Kommunikationsbeauftragte Jae Ah Kim auf Anfrage mit. Seit April 2020 habe man dieses Lieferangebot «sehr stark ausgebaut». Wie die gesamte Gastrobranche spüre jedoch auch der Grosskonzern die ­Auswirkungen der geschlossenen Restaurants, betont die Sprecherin.

Die nächsten Wochen und Monate sind entscheidend für das Fortbestehen zahlreicher Restaurantbetriebe. Der Bundesrat will am Mittwoch über eine Verlängerung des Gastro-­Lockdowns bis Ende Februar entscheiden. Gleichzeitig berät er laut diversen Medienberichten ein neues Hilfspaket. Zur Diskussion steht unter anderem, die Schwelle für den Bezug von Härtefallgeldern zu senken. Vom Bund geschlossene Betriebe sollen zudem höhere Beiträge an ihre Fixkosten erhalten. Ob die Hilfe für die meisten Limmattaler Betriebe noch rechtzeitig kommt, wird sich zeigen.