Ein Meer aus wogenden Farben: Derwischen gleich schweben die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne, breiten ihre roten und gelben Tücher wie Flügel aus. Die Tücher flattern auf und ab, wirbeln zum Takt der Musik durch die Lüfte. Vor dem Auge verschwimmen sie zu einem einzigen Farbfleck, zu einem Rausch aus Tanz und flirrender Sinneslust. «Die letzte Geschichte aus 1001 Nacht», mit dem der Vocal Cord am Samstag sein 20-jähriges Bestehen feierte, war eine Wucht.

Geschichten mit Cliffhanger

Das Publikum wurde im Üdiker-Huus in eine Welt entführt, die nicht nur schön, sondern auch gefährlich ist. Der Sultan sei zornig, flüstern hocherregte Stimmen auf der Bühne. Er sei rachsüchtig, unendlich verletzt von seiner Frau. Deren Betrug zerstörte des Sultans Glauben an die Treue. Und so muss nun jede Geliebte sterben, nachdem er sie eine Nacht lang besessen hat.

Um den Folgen dieses Liebeskummers ein Ende zu bereiten, tritt Scheherazade auf. Die Tochter des Wesirs verlässt sich auf eine List: Jede Nacht erzählt sie dem Sultan eine Geschichte und bricht sie just dann ab, als es am spannendsten ist. So macht sie ihn neugierig auf die Fortsetzung. Sie wird verschont und darf am nächsten Tag weitererzählen – sie muss dafür aber auch unablässig neue Geschichten erfinden.

Erzählte Episoden gehen im Musical nahtlos in gesungene über und auch während diesen wird die Geschichte schauspielerisch weitergesponnen. Als Scheherazade 998 Nächte später allmählich der Stoff ausgeht, singen die Mitwirkenden nicht nur «Rivers of Dreams», sondern durchblättern alte Bücher und werfen sich gegenseitig ratlose und verzweifelte Blicke zu. Immer und überall ist etwas los auf der Bühne. Selbst Nebencharaktere sind stets beschäftigt, rollen einen Teppich ein oder schneiden während des Singens lustige Grimassen.

Der Sultan wird erlöst

In höchster Not hilft die Schwester und steuert eine neue Geschichte bei. Dabei kommen die beiden Frauen auf die Idee, in diese eine versteckte Botschaft zu verpacken und den Sultan so subtil auf seine Missetaten hinzuweisen. Dieser wirkt in goldgewirktem Gewand und mit einem riesigen Turban auf dem Kopf auf der Bühne wunderbar majestätisch und respektgebietend. Bereitwillig hört er sich die Geschichte an, da sie ihn an eine Erzählung aus seiner Kindheit erinnert. Erlöst wird er aber letztlich nicht dadurch, sondern durch die Liebe der fleissigen Geschichtenerzählerin.

Neben der Erzähl- und Schauspielkunst beeindruckte auch die musikalische Leistung. Chor und Solisten sangen die Popsongs von Sting über Michael Jackson bis zu Coldplay so, als wären sie von Anfang an für dieses Märchen konzipiert worden. Patrik Elsaid, der Vocal Cord vom Piano aus leitete, hatte sie sehr gut auf diesen Auftritt vorbereitet. Jan Grimm trug mit seiner Querflöte und deren Klangfarben viel zur märchenhaften Atmosphäre bei. Nach zwei Auftritten am Wochenende in Uitikon führt der Chor sein Musical Anfang April in Affoltern auf.