Dietikon

Es ist ein einsamer Ramadan für sie – wegen Covid-19 bleibt die Moschee leer

Cihan Gökgöz und Ersin Tan von der Islamischen Gemeinschaft Dietikon erzählen von den Vor- und Nachteilen des Coronavirus für Muslime während der Fastenzeit.

Die Türe zur Moschee ist offen. Auf einem Tisch neben dem Eingang stapeln sich Schachteln gefüllt mit Datteln und Eiern. «Seit diesem Montag verkaufen wir täglich zwischen 14 und 15 Uhr Lebensmittel, die während des Ramadans beliebt sind», sagt Ersin Tan. Der Präsident der Islamischen Gemeinschaft Dietikon ist froh, dass er den Gläubigen während der Coronakrise so wenigstens etwas Gutes tun kann.

Aufgrund des Versammlungsverbots bleibt das Gotteshaus an der Bergstrasse in Dietikon geschlossen. Vor allem während des Fastenmonats ein schwieriges Los. «Die Moschee wäre nun eigentlich rappelvoll. Während des Ramadans kommen Verwandte und Freunde zusammen. Viele Musliminnen und Muslime treffen sich bei uns zum täglichen Abendgebet. Wir kochen für sie jeweils ein Nachtessen. Besonders geschätzt wird das von Asylsuchenden», erzählt Tan. Dass die Moschee in diesem besonderen Monat nun so verlassen ist, stimme ihn schon etwas traurig.

Zur Begrüssung werden die Hände mit einer leicht nach Zitrone riechenden Flüssigkeit besprayt. «Es ist in unserer türkischen Heimat Brauch, dass wir Gäste damit erfrischen und willkommen heissen», sagt Cihan Gökgöz und hält ein ovales Fläschchen namens «Kolonya» in die Luft. Es sei ihm erst kürzlich aufgefallen, dass es sich dabei um ein Desinfektionsmittel handle. «Wir Türken haben uns schon vor der Krise unbewusst versucht, gegen solche Viren zu schützen», sagt Gökgöz und lacht. Der 35-Jährige kümmert sich um die Kommunikationsarbeit für den 1992 gegründeten Verein.

Richtige Zeit, um schlechte Angewohnheiten aufzugeben

Der Fastenmonat hat am 24. April begonnen. Tan und Gökgöz verzichten nun schon seit gut einer Woche zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang auf das Essen und Trinken. «Ich fühle mich während dieser Zeit immer am wohlsten», sagt Tan. Er sei viel entspannter, wenn er nicht die ganze Zeit ans Essen denken und verdauen müsse. Er verspüre auch fast keinen Hunger. «Für mich ist das eine Bestätigung. Je weniger Mühe ich mit dem Fasten habe, desto mehr bin ich mit mir und meinem Glauben im Reinen.» Der Ramadan zeige einem, wo man mit seinem Glauben stehe , sagt Gökgöz. «Für uns Gläubige ist der Verzicht keine Last. Im Gegenteil, wir freuen uns auf diese spezielle Zeit.» Der Ramadan gebe vielen Muslimen zudem die Gelegenheit, schlechte Angewohnheiten aufzugeben. «Wenn man während des Ramadans auf das Rauchen verzichten kann, dann schafft man es auch danach», sagt Gökgöz.

Beide Männer sind sich einig: Der Fastenmonat verbessert die Willensstärke und das Selbstbewusstsein. «Es ist unglaublich befriedigend, wenn man das Fasten durchziehen kann. Das gibt einem viel Kraft», sagt Tan. Der Ramadan hat aber auch zum Ziel, Mitgefühl hervorzurufen. «Jeder neunte Mensch leidet an Hunger. Durch das Fasten spüren wir, was das bedeutet», sagt Gökgöz. Das Mitgefühl erweiche das Herz. «Man wird verständnisvoller gegenüber seinen Mitmenschen», findet Tan. Dass der Verzicht aufs Essen und Trinken das Immunsystem schwächen könnte, das gerade jetzt während der Pandemie vonnöten ist, verneint der 57-Jährige. «Im Gegenteil, das Fasten reinigt unseren Körper und verschafft den Organen eine Pause.»

Verwandte und Freunde können nicht zum Essen kommen

Abgefunden hat man sich damit, dass beim diesjährigen Ramadan gewisse Traditionen nicht berücksichtigt werden können. «Der Ramadan ist ein sehr geselliger Monat. Es schmerzt uns natürlich, dass wir nun Verwandte und Freunde nicht zum Nachtessen einladen können. Doch wir verstehen, dass die Massnahmen wichtig sind, um die Gesellschaft zu schützen», sagt Tan. Er kann der Pandemie aus religiöser Sicht auch Positives abgewinnen. Weil man das Fastenbrechen am Abend nur im kleinen Familienkreis feiere, habe man mehr Zeit zum Nachdenken. «Die ganze Menschheit hat sich wohl schon lange nicht mehr so stark mit dem Tod beschäftigt. Die Pandemie rüttelt uns wach und zeigt uns, dass wir eben nicht ewig leben, sondern mit unserer Zeit weise umgehen müssen», sagt Tan. Zudem könne man sich überlegen, was Gott der Menschheit mit diesem Virus mitteilen wolle, sagt Gökgöz. «Es als Strafe zu interpretieren, wäre zu plump. Es geht eher darum, dass wir erkennen, wie schwach und bedürftig wir sind. Obwohl wir so viele technische und medizinische Möglichkeiten, Geld und Waffen haben, sind wir diesem Virus, das wir von Auge nicht einmal sehen können, ausgeliefert.» Diese Erkenntnis könne einem wieder näher zu Gott bringen, sagt Gökgöz.

Ein weiterer Vorteil des Coronavirus ist für Tan der Digitalisierungsschub. «Wir leiten seit Ausbruch des Virus den Islamunterricht online. Rund 10 unserer 30 Schülerinnen und Schüler lernen nun via Videokonferenz.» Dass das klappe, sei für den Verein eine wichtige Erkenntnis. «Aufgrund der engen Platzverhältnisse in der Moschee konnten wir bisher trotz grosser Nachfrage nur einen Kurs anbieten. Die Idee besteht nun, einen weiteren digital durchzuführen», sagt Tan. Die Predigt will man aber nicht per Video halten. «Die Atmosphäre ist nicht dieselbe. Zudem wollen wir nicht, dass das zur Regel wird. Die Gläubigen sollen in die Moschee kommen.»

Tan und Gökgöz freuen sich auf das Fastenbrechen heute ab 20.45 Uhr. «Während des Ramadans isst man viel bewusster. Die Speisen sind der Lohn für die Disziplin», sagt Gökgöz. Zur Völlerei kommt es nicht. «Wir essen nicht mehr als sonst, der Magen hat seine Grenzen.» Zudem taste man sich nach der langen Pause langsam zurück, so Gökgöz. «Die Gerichte variieren national stark, doch fast alle Muslime brechen das Fasten am Abend mit einem Schluck Wasser und einer Dattel. Ein tolles Erlebnis für Mund und Geist.»

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