Trockenheit

ETH-Professor Andreas Rigling: «Wir sprechen nicht von einem Waldsterben»

Die Folgen des Sommers 2018: Nach der damaligen Hitze und Dürre bleiben im Juni 2019 an diesem Waldrand die Kronen zweier Buchen licht – sie sind zum grössten Teil abgestorben.

Nach dem Hitze- und Dürresommer 2018 ist der Limmattaler Wald noch immer geschwächt: Bleibt es nun bis September wieder trocken, dann helfen ihm auch die kürzlich erfolgten heftigen Niederschläge nicht weiter, befürchtet Waldforscher Andreas Rigling.

Sieht der Limmattaler Wald heute anders aus als vor 20 Jahren?

Andreas Rigling: Der Wald hat sich landesweit stark verändert, nicht überall und nicht gleichzeitig. Der Effekt des Klimawandels hat je nach Standort unterschiedliche Auswirkungen.

Welche grundsätzlichen Entwicklungen sehen Sie?

Die Waldgrenzen ändern sich. Bäume können sich ja nur in gewissen Höhenlagen entwickeln. Oben, wo es zu kalt ist und die Vegetationszeiten deshalb zu kurz sind, und unten, wo es zu trocken ist und das Land in die Steppe übergeht, kann kein Wald bestehen. Die obere Waldgrenze verschiebt sich nun, da es wärmer wird, nach oben. Andererseits spüren wir an der unteren Waldgrenze den Druck der Trockenheit.

Die untere Waldgrenze dürfte hierzulande aber keine Rolle spielen.

Ich forsche seit 25 Jahren im Kanton Wallis. Natürlich ist dort die Ausbreitung von Steppen kein Thema, auch wenn schon heute, lokal begrenzt, Felsensteppen zu finden sind. Auf Trockenstandorten geraten etwa die Waldföhrenwälder nach trockenen Sommern zunehmend unter Druck und die Flaumeiche, die besser an Trockenheit angepasst ist, breitet sich aus.

Das Wallis bietet uns sozusagen ein Fenster in die Zukunft. Wir können von dort für andere Waldtypen viel lernen, was Trockenheit alles auslösen kann.

Wie etwa, dass gewisse Baumarten verdrängt werden?

Grundsätzlich müssen alle Baumarten ihr Areal an die wärmeren Temperaturen anpassen. Modellszenarien zeigen, dass viele Baumarten tendenziell in höhere Lagen wandern werden. Die Fichte etwa, deren Bestand hat im Mittelland von 2005 bis 2015 um 30 Prozent abgenommen. Ihr wird es dort zu trocken, zu heiss. Und der Druck von Krankheiten und Schädlingen nimmt zu. So fühlt sich der Borkenkäfer wohler, er kann sich besser vermehren.

Aber es gibt auch Baumarten, denen die Temperaturen nichts ausmachen.

Ja, es gibt Arten, die Hitze und Trockenheit besser aushalten. So wird sich im Limmattal wie im gesamten Mittelland wohl die Eiche massiv ausbreiten. Die Buche wird nicht mehr die stärkste Konkurrentin sein. Wir sprechen deshalb auch nicht von einem Waldsterben – auch wenn einzelne Bäume wegen der Trockenheit absterben, auch gesunde, kräftige.

Was ist für den Baum eigentlich schlimmer: Die steigenden Temperaturen oder die Trockenheit?

Es ist die Kombination. Es kann ja auch in kühlen Zeiten wenig regnen. Ein Blick zurück zeigt, dass es früher schon Trockenperioden gab. Heute kommt dazu, dass es gleichzeitig wärmer ist.

Angelsächsische Forscher haben den Begriff «hotter droughts», heissere Trockenheiten, geprägt. Das macht den Unterschied aus zu früher. Es ist die Kombination verschiedener Effekte.

Wie sieht es im Wald denn nun vor dem Sommer 2019 aus?

Wir sehen an vielen Orten deutliche Spuren des Sommers 2018. Es gibt Streifen von Buchenwäldern, die heute fast kein Laub haben und einen hohen Anteil toter Äste aufweisen. Es ist keine akademische Sache, man sieht es im Wald und die betroffenen Förster sind beunruhigt. Die Situation ist aber nicht einheitlich, es kommt auch auf die Bodensituation an oder auf regional unterschiedliche Niederschläge. Im Berner Mittelland ist die Situation nicht so gravierend, dort gab es 2018 ab und zu Gewitter.

Apropos Niederschläge – in diesem Mai und Juni regnete es heftig.

Diese Niederschläge waren extrem wichtig. Die Grundwasserspeicher sind jetzt eigentlich mehrheitlich wieder im normalen Bereich. Wenn ein Baum vom Sommer 2018 keine Schädigung davongetragen hat, dann kann er seine internen Wasserspeicher wieder füllen.

Was erwarten Sie vom Sommer 2019?

Wenn es nun bis September wieder trocken bleiben sollte, dann werden auch die Mai- und Juni-Regen nicht ausreichen, um die Wälder durch den Sommer zu bringen. Und auch wenn dieses Jahr feucht werden sollte, dann kommt es darauf an, wie das nächste Jahr wird. Denn die Wälder sind vom Sommer 2018 sowie der Vorjahre geschwächt. 2011 war der trockenste Frühling seit Messbeginn 1864. 2015 war auch heiss und trocken.

Heisst das, ein einzelnes Jahr wäre verkraftbar, aber die Häufung setzt jetzt dem Wald zu?

Grundsätzlich ja. Ein Baum reagiert auf Trockenheit. Er schliesst die Spaltöffnungen in Blättern oder Nadeln. Das wirkt einem hohen Wasserverlust entgegen, es verdunstet weniger Wasser, der Baum verdurstet nicht. Im schlimmsten Fall wirft der Baum die Blätter früher ab. Er verfolgt dann die Strategie, sich in einen Ruhezustand zu versetzen und erst im nächsten Jahr wieder auszutreiben.

Treten solche Stressjahre gehäuft auf, kann sich der Baum nicht mehr richtig erholen. Zudem birgt der Schutz vor dem Verdursten die Gefahr des Verhungerns in sich; indem der Baum die Photosynthese einstellt, nimmt er kein CO2 mehr auf und kann keinen Zucker produzieren.

Die WSL hat die Initiative Trockenheit 2018 ins Leben gerufen, um möglichst rasch Erkenntnisse zu gewinnen. Liegen schon welche vor?

Wir haben letztes Jahr beispielsweise 1000 Bäume markiert, die bereits im August Laub abgeworfen haben oder verwelkt waren. Jetzt beobachten wir, wie es diesen geht. Noch liegen keine definitiven Resultate vor. Doch provisorisch ist mit einer guten und einer schlechten Nachricht zu rechnen. Schlecht ist, dass ein Sechstel dieser Bäume heute Schädigungen zeigt. Sie weisen etwa abgestorbene Äste oder Risse in der Rinde auf, ein Teil der Bäume ist auch ganz abgestorben. Auch im Verlauf des Sommers und nächstes Jahr werden wohl noch weitere Bäume absterben. Aber, und das ist die gute Nachricht, es sind nicht alle Bäume betroffen. Der Grossteil zeigt keine Schädigungen.

Sie haben keine Angst um den Wald?

Nein, der Wald wird uns überleben. Aber das ist nicht der Punkt. Wir haben Ansprüche an den Wald. Im Limmattal wird in 20 Jahren beispielsweise die Erholungsfunktion noch wichtiger sein als heute. Der Wald wird auch als Biodiversitäts-Hotspot eine sehr wichtige Funktion einnehmen müssen. Und auch die Holzproduktion wird weiterhin wichtig bleiben, aber vielleicht in stadtnahen Gebieten doch etwas untergeordnet sein. Damit der Wald diese Funktionen erfüllen kann, müssen wir wissen, wie er die steigenden Temperaturen und befürchteten trockeneren Sommern bewältigen kann.

Welche Strategien gibt es?

Wir können beispielsweise Bäume fördern, die mit Trockenheit weniger Probleme haben. Gerade haben wir mit verschiedenen Partnern ein grosses Projekt gestartet. Auf 50 Arealen in fast allen Kantonen, in verschiedenen Lagen und mit unterschiedlichen Bodenstrukturen werden wir jeweils über ein Dutzend Baumarten pflanzen, wobei jede Baumart aus unterschiedlichen Herkünften vertreten ist. Die Testpflanzungen sind auf 50 Jahre angelegt, erste Resultate können wir aber bereits in ein paar Jahren sehen. Damit schaffen wir die Grundlagen, um Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können. Eine weitere Strategie könnte eine Änderung in der Bewirtschaftung sein. So werden etwa Fichten für den Borkenkäfer erst ab einem gewissen Stammdurchmesser attraktiv. Allenfalls liesse sich etwas gewinnen, wenn die Fichten nicht wie bislang üblich nach 100 Jahren, sondern schon nach 60, 70 Jahren geerntet werden. Die wichtigste Massnahme aber ist, möglichst artenreiche Wälder zu fördern. Vielfalt als Massnahme zur Risikoverteilung; kommt eine Baumart unter Druck, dann übernimmt eine andere deren Funktion.

Mit welchen Herausforderungen sind wir noch konfrontiert?

Waldbrände dürften auch auf der Alpennordseite zunehmen und zu einem Thema werden. Wir beobachten hier bereits mehr und mehr Brände, noch keine grossen zwar, aber dies dürfte uns in 20 Jahren vermehrt beschäftigen. Als grosse Herausforderung dürften sich zudem neue Schädlinge oder Krankheiten herausstellen, die in unserer Region noch unbekannt sind und sich kaum vorhersagen lassen. Es gibt ein paar Schädlinge, von denen wir wissen, dass sie sozusagen in den Startlöchern stehen. Der Eschenprachtkäfer aus Asien etwa, der in Nordamerika bereits eingeschleppt wurde und in den Appalachen jede Esche abtötet, beginnt sich nun auch in der Region Moskau auszubreiten. Es ist eine Frage der Zeit, bis er in Zentraleuropa ankommt.

Das ist eine Folge der Globalisierung, nicht der Klimaerwärmung.

Ja, die weltweite Handelstätigkeit ermöglicht die Verbreitung verschiedener Arten, beispielsweise von Insekten und auch pathogenen Pilze. Die wärmeren Temperaturen erhöhen aber die Überlebenschancen der neuen Schädlinge.

Wie sieht der Limmattaler Wald in 20 Jahren aus?

Er wird sich weiter verändern. Angestammte Baumarten werden zurückgedrängt, etwa die Buche, doch beispielsweise die Eiche wird sich ausbreiten. Extreme Sommer wie 2018 werden solche Ablöseprozesse einleiten. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass der Wald artenreicher sein wird. Dies nicht nur wegen den klimatischen Veränderungen, sondern auch weil die Förster dies bewusst steuern, um das Risiko von Waldschäden zu verringern und die Biodiversität an sich zu fördern.

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