Birmensdorf

Extremsportlerin Evelyne Binsack: Sie sah dem Tod schon mehrmals in die Augen

Bei der Signierstunde fand Evelyne Binsack immer wieder kurz Zeit, um mit den Besuchern zu sprechen.

Bei der Signierstunde fand Evelyne Binsack immer wieder kurz Zeit, um mit den Besuchern zu sprechen.

Die Extremsportlerin Evelyne Binsack war schon auf dem Mount Everest, erreichte sowohl Nord- als auch Südpol. In Birmensdorf referierte sie über ihre Expeditionen.

Sie kamen, um einer Lesung beizuwohnen und bekamen ein Referat. Bereuen mussten die rund 80 Besucherinnen und Besucher im Birmensdorfer Gemeindezentrum Brüelmatt ihr Kommen indes nicht – im Gegenteil. Als wollte die Extremsportlerin Evelyne Binsack die Anwesenden auf eine Expedition vorbereiten, erzählte sie frei statt wie angekündigt, aus ihrem neuen Buch «Grenzgängerin – ein Leben für drei Pole» vorzulesen. Nicht einmal die Organisatorin und Bibliotheksleiterin Susi Häni wurde vorgewarnt. «Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt», sagte Binsack. Leicht überrascht, aber begeistert nahm das Publikum die Einladung für dieses Abenteuer an.

Damit allen wirklich bewusst wurde, worauf sie sich an diesem Dienstagabend einliessen, stellte Häni die Abenteurerin kurz vor. 1991 wurde die gelernte Sportartikelverkäuferin Binsack als eine der ersten Frauen in Europa diplomierte Bergführerin. Zehn Jahre später bezwang sie als erste Schweizerin den höchsten Gipfel der Welt, den Mount Everest. «Viel Mut, Durchhaltevermögen, Willenskraft, extreme Motivation und Muskelkraft bewies sie auch in ihren Expeditionen zum Süd- und Nordpol», sagte Häni.

Gegen die Eintönigkeit

Schon zu Beginn gab die 50-jährige Bergführerin den Tarif durch: «Bitte fragen Sie mich am Schluss nicht, weshalb ich das alles mache». Um trotzdem einen Anhaltspunkt zu geben, verknüpfte sie Grenzerfahrung und Weisheit mit der Wissenschaft. Lieber ein Tag Tiger sein, als ein Leben lang ein Schaf, laute ein tibetischer Sinnspruch. Die Neurowissenschaft habe gezeigt, dass ein Ausbrechen aus der Routine zu neuen Vernetzungen im Gehirn führe. «Routine ist gut für die Sicherheit, doch Abenteuer ist besser gegen die Eintönigkeit», sagte Binsack.

In ihrem Vortrag gab sie Einblicke in ihr Innerstes, das dem Tod schon oft in die Augen geblickt hatte. Geprägt hätten sie auch die toten, eingefrorenen Abenteurer auf dem Mount Everest, die sie gesehen hatte. Für eine Abenteurerin müsse der Tod ein guter Begleiter werden, sagte sie. So sei es wichtig, zu wissen, dass Feuchtigkeit am Körper bei Temperaturen unter 40 Grad schnell zum Tod führen könne. Auf ihrer Expedition zum Südpol wurde Binsack von ihren Mitabenteurern beklaut. Als ihr Essensvorrat und ihre physischen Kräfte beinahe am Ende waren, zeigten sich die anderen doch noch solidarisch. Denn: «Man hat sich als Team ein Versprechen gegeben.»

Hoffnung an die Menschlichkeit

Auch in der Fragerunde gab Binsack der Hoffnung an die Menschlichkeit Ausdruck. «Wie reagiert man, wenn jemand stirbt», fragte ein Besucher. Man lasse niemanden im Stich, sagte sie. Was ihr nächstes Vorhaben sei, wollte eine Besucherin wissen. «Als Nächstes kann ich mir vorstellen, als Dokumentarfilmerin dem Phänomen von Bergen als heilige Kraftorte nachzugehen». Ob sie es ernst meinte, als sie sagte, dass sie im nächsten Leben gerne eine Dohle wäre, weil diese als einziger Vogel auf über 8000 Meter leben kann, konnte man hingegen nicht in Erfahrung bringen.

Im Anschluss signierte sie ihre Bücher bei einem Apéro. «Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Ihr Referat zeigt, dass der Mensch in Grenzsituationen Grösse entwickeln kann», schwärmte Jürg Rickert. Auch Daniela Schwarz äusserte sich bewundernd und lobte die schönen Bilder der Expeditionen. Die Schilderungen sehr gut nachfühlen konnte die Birmensdorferin Monika Kreienbühl. Sie habe selbst schon über 4000 Meter hohe Berge und den Kilimandscharo bestiegen. «Was Evelyne Binsack leistet, ist für mich unfassbar», sagte Kreienbühl, die für diesen Anlass extra ihre Skiferien unterbrach.

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