Selbstversuch

Fasten für einen Tag: So schwer fällt der Verzicht

Mit Datteln und einem Schluck Wasser brechen weltweit fast alle Muslime das Fasten.

Mit Datteln und einem Schluck Wasser brechen weltweit fast alle Muslime das Fasten.

Wie lange hält man es ohne Essen und Trinken aus? Millionen von Muslimen fasten während des Ramadans. Unsere Redaktorin hat es ausprobiert – für einen Tag.

Der heilige Monat der Muslime steht im Zeichen der Selbsterkenntnis, des Mitgefühls und der Begegnung. Um selbst nachfühlen zu können, was es bedeutet, auf das Essen und Trinken zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang zu verzichten, wage ich das Experiment: einen Tag lang fasten.

Mit dem Gedanken, dass ich erst wieder in 20 Stunden Wasser und Nahrung zu mir nehmen darf, gehe ich etwas angespannt ins Bett. Ich beginne den Morgen wie immer mit Zähneputzen. Dabei achte ich darauf, kein Wasser nach dem Spülen runterzuschlucken. Wäre das bereits ein Fauxpas als Muslimin? Ich weiss es nicht und gehe deshalb auf Nummer sicher. Es folgt der schmerzhafteste Verzicht des Tages: Ich trinke keinen Schwarztee. Der treue morgendliche Begleiter mit Milch und Honig erfreut sonst stets mein noch nicht so waches Gemüt.

Etwas müde setzte ich mich daher vor den Laptop und beginne im Homeoffice an meinen Texten zu schreiben. Hunger verspüre ich bis spät in den Nachmittag keinen. Doch den Durst kann ich nicht ignorieren. Noch sechs Stunden, noch vier, noch zwei. Ich schaue dauernd auf die Uhr. 20.42 Uhr ist das Ziel, dann ist die Sonne verschwunden.

Ich fühle mich erschöpft und erküre das Sofa zu meinem neuen Arbeitsplatz. Kopfschmerzen machen sich bemerkbar. Vor meinem geistigen Auge durchforste ich die Lebensmittel, die sich im Kühlschrank befinden. Doch ich denke nicht daran, aufzugeben und mir ein Glas Wasser oder einen Snack zu gönnen. Zwischenzeitlich nicke ich ein. Der Körper läuft auf Sparflamme. Allmählich geht die Sonne unter. Das Abendrot leuchtet durch die Wolken. Ich erwache aus der Ramadan-Starre. Die Datteln und das Glas Wasser stehen bereit, mit denen traditionell das Fasten gebrochen wird. Die Dattel schmeckt herrlich und der Schluck Wasser hat wohl noch nie so gut getan. Ich belohne mich mit einem Teller Pasta und ganz viel Schwarztee für mein Durchhaltevermögen. Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe. 30 Tage würde ich wohl nicht durchhalten. Mein Respekt gebührt allen Musliminnen und Muslimen, die diese Disziplin haben.

Autor

Sibylle Egloff

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