Nach 26 Jahren beim FC Schlieren sind Sie im Sommer 2018 zurückgetreten. Wie schwer war das?

Patrizia Dreyer: Weil ich den Entscheid innerlich schon anderthalb Jahre vorher gefällt hatte, blieb mir viel Zeit, mich damit auseinanderzusetzen.

Ihr Abschiedsspiel wird wohl in die Annalen des FC Schlieren eingehen.

Die Geschichte kann man nicht erfinden. Es war alles für den perfekten Abschied vorbereitet: Wir spielten bei schönem Wetter gegen die Tabellenletzten. Und nach 15 Minuten stand es 0:3 für die Gegnerinnen. Aber wir konnten das Spiel tatsächlich noch drehen. Das 3:3 habe ich selber erzielt und das 4:3 vorbereitet. Das ganze Team freute sich für mich. Sanja Mijovic trug unter ihrem Trikot ein T-Shirt mit der Aufschrift «Danke Pätzi», das sie bei ihrem Tor zeigte.

Trotz Rücktritt haben Sie in der vergangenen Saison noch für die zweite Mannschaft gespielt.

Nur zwei Monate nach meinem Abschiedsspiel fragte mich der Trainer der zweiten Mannschaft, ob ich aushelfen könne. Und dann blieb ich die ganze Saison im Team. Anfang Jahr half ich auch als Trainerin bei den B-Juniorinnen aus. Ich kann nicht gut Nein sagen. (lacht) Jetzt gehts mir aber nur noch um die pure Freude. So könnte ich nicht mehr in der Nati B spielen.

Wird man Sie denn auch in der kommenden Saison noch auf dem Platz sehen?

Wenn nötig, werde ich aushelfen. Aber niemand darf erwarten, dass ich noch topfit bin. Ich habe vor, kommende Saison mehr Spiele schauen zu kommen und dafür weniger selber zu spielen.

Wie sind Sie 1992 überhaupt zum Fussball und zum FC Schlieren gekommen?

Meine Mutter hatte in den 1980er-Jahren lange beim FC Schlieren gespielt. Ehemalige Mitspielerinnen von ihr gründeten ein Juniorinnenteam und fragten mich, ob ich mal vorbeischauen wolle. Seither war der Mittwochabend bei mir immer für Fussball da.

Die junge Patrizia beim FC Schlieren.

Die junge Patrizia beim FC Schlieren.

Ich erinnere mich nicht mehr daran, mal nicht Fussball gespielt zu haben. Wenn ich auf dem Platz bin und einen Ball habe, dann bin ich glücklich. Das ist heute noch so.

Wie war damals die Situation beim FC Schlieren für Mädchen?

Damals gab es nur zwei Teams, eines für jüngere und eines für ältere Mädchen. Wir hatten nur wenige Gegnerinnen und die waren über die ganze Schweiz verteilt. Ich erinnere mich vor allem an ein Spiel im Tessin. Das war gleich ein Tagesausflug. Soweit ich weiss, haben wir am Anfang immer sehr hoch zu null verloren. Irgendwann schossen wir dann unser erstes Tor und später spielten wir erstmals unentschieden.

Das klingt sehr simpel im Vergleich zu heute.

Heute haben wir viel mehr Mädchenteams und es läuft professioneller ab. Das beginnt beim Trainingsaufbau. Wir haben damals einige Passübungen gemacht und dann schnell gematchelt. Heute ist das Training viel strukturierter und die Trainer sind besser ausgebildet. Ein Beispiel dafür ist die Laufschule, in der Kinder Koordination üben. Das habe ich erstmals mit 20 Jahren kennen gelernt.

Wann liefen Sie erstmals für die erste Mannschaft auf?

Mit etwa 15 habe ich neben den Juniorinnen auch erstmals für die Frauen gespielt. Dann hatte ich am Wochenende immer zwei Spiele. Gleich im ersten Jahr sind wir von der 2. in die
1. Liga aufgestiegen. Das Aufstiegsspiel war schon fast legendär. Alle Zweitliga-Gruppensieger spielten gegeneinander, und wir wussten, dass wir im entscheidenden Spiel gegen Villmergen gewinnen müssen. Der Match fand am Samstagabend während eines Grümpis statt. Deshalb waren über 200 Zuschauer auf dem Zelgli, die uns anfeuerten. So viele hatten wir vorher noch nie. Das war ein Riesenerlebnis. Um die 80. Minute habe ich das 3:1 geschossen. Ich bin alleine Richtung Goalie losgezogen und alle Zuschauer haben auf die Banden gehauen und mich angefeuert.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Aufstiege in die höchste Spielklasse 2008 und 2011?

Die Aufstiege waren herrlich. 2008 verloren wir in der Barrage zunächst 1:2 in Thun und gewannen dann 4:0 zu Hause. Das war unglaublich.

Torjubel 2012 in der NLA.

Torjubel 2012 in der NLA.

Die Frauen haben in Schlieren schon lange dazugehört, das ist aussergewöhnlich. Mit Peter Seifriz hatten wir lange einen Präsidenten, der für die Frauen eingestanden ist. Aber dank dem Aufstieg spürten wir plötzlich den ganzen Verein hinter uns.

Wie war es drei Jahre später?

Der war auch legendär. Das Entscheidungsspiel war der Abschied von unserem langjährigen Captain Sheila Loosli, und sie sicherte uns mit zwei Toren den Aufstieg. Sie war ursprünglich nach Schlieren gekommen, um ihre Karriere in der 1. Liga ausklingen zu lassen. Und dann sind wir mit ihr gleich zweimal in die höchste Liga aufgestiegen.

Wie wertvoll sind so gestandene Teamkolleginnen wie die ehemalige Nationalspielerin Loosli?

Mit ihrer Erfahrung konnte sie den jungen Spielerinnen viel mit auf den Weg geben. Wir haben gelernt, dranzubleiben und nicht gleich aufzugeben, wenns mal nicht läuft. Neben Loosli war auch Claudia Gfeller ein grosses Vorbild für mich. Sie ist hier im Verein grossgeworden und hatte bereits mit meiner Mutter zusammengespielt. Ich war dann bei den Frauen auch noch mit ihr im Team. Als meine jüngere Schwester Isabelle ebenfalls zu den Aktiven stiess, meinte Gfeller, dass sie jetzt wirklich aufhören müsse.

Welche Trainer haben Sie beim FC Schlieren besonders geprägt?

Rolf Lienhard und Roger Gutweniger. Bei den B-Juniorinnen hatte Lienhard eine unglaubliche Art, mit uns durchgeknallten Weibern umzugehen. Er wusste, was er machen muss, damit wir uns richtig Mühe geben und alles aus uns herausholen. Mit Roger Gutweniger haben wir den zweiten Aufstieg in die Nati A geschafft. Menschlich, technisch und taktisch ist er ein super Trainer. Bei ihm stimmte alles.

Trotz der Erfolge konnten die Schlieremerinnen sich nicht in der Nationalliga A halten.

Das waren zwei schwierige Jahre, weil es von der Nati B ein grosser Schritt zur Nati A ist. Aber im Gegensatz zu anderen Absteigern konnten wir uns nachher immer in der Nati B halten. Wenn man das ganze Jahr über verliert und fast nur Negativerfahrungen macht, kann es schnell passieren, dass man gleich durchgereicht wird.

Was war die grösste Enttäuschung Ihrer Fussballkarriere?

Der Cupfinal 2009. Bis zum Anpfiff war es eines der besten Erlebnisse meiner Karriere. Aber es ist brutal: Da erreicht man den Final, darf im Stade de Suisse spielen und verliert dann 0:8. Ich bin nach 26 Minuten ausgewechselt worden, das war ein zusätzlicher Schlag. Mittlerweile kann ich darüber lachen, aber ich habe eine Zeit gebraucht, bis ich das verarbeitet hatte.

Wie hat sich der Frauenfussball seit Ihrer Anfangszeit verändert?

Wenn du damals eine Spielerin im Team hattest, die schnell war und eine gute Ballkontrolle hatte, konnte sie alleine den Match entscheiden. Das geht heute auch in der 3. Liga nicht mehr. Jetzt brauchst du ein Team, das auf dem Platz gut zusammen funktioniert.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Schlieremer Fussballfrauen ein?

Ich glaube, das kommt gut. Früher hatten wir oft nur 14 oder 15 Spielerinnen und es wurde knapp, sobald sich eine oder zwei verletzten. Jetzt ist das Kader grösser, damit sind
sie konkurrenzfähiger. Bei den Juniorinnen haben wir eine gute Basis. Angefangen bei der Girls Soccer School haben wir auf allen Altersstufen Mädchenteams mit genügend Spielerinnen. Ich finde es lässig, zu sehen, wie sich die Juniorinnen entwickeln.